Masar-i-Scharif. Bei ihrem Blitzbesuch hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Afghanistan selbst zu spüren bekommen, wie sich die Sicherheitslage in diesem Land verschlechtert hat. Am ersten Tages ihres Besuchs gab es gleich zwei sicherheitsrelevante Vorfälle, die möglicherweise direkt in einem Zusammenhang mit der Visite standen.
Das Bundeswehrlager in Kundus wurde mit Raketen beschossen, kurz nachdem die Kanzlerin aus ihm abgeflogen war. Im Standort Masar-i- Scharif war ein explosionsartiges Geräusch zu hören, als Merkel mit dem Gouverneur der Region sprach.
Die streng geheim gehaltene zweite Visite Merkels in Afghanistan hatte für Verärgerung bei Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) gesorgt: Merkel hatte ihn erst am Sonntag und damit wenige Stunden vor der Abreise unterrichtet. Zum Einsatz der Bundeswehr stellte Merkel den Bundesbürgern ein längeres Engagement am Hindukusch in Aussicht.
Zum Raketenangriff auf das Lager Kundus behauptete ein Sprecher der Taliban, der Angriff habe Merkel gegolten. Die Bundeswehr wies dies zurück. "Das ist vollständiger Blödsinn", hieß in dem nordafghanischen Bundeswehrstandort. Die Behauptung des Sprechers, Merkel Flugzeug sei bei der Landung angegriffen worden, entsprach nicht den Tatsachen. Merkel kam an Bord eines Hubschraubers nach Kundus, bei der Landung gab es keinen Raketenbeschuss. Ingesamt hat sich die Sicherheitslage im Norden, der unter Kontrolle der Deutschen steht, in den vergangenen Jahren aber verschlechtert. Nach Angaben der Bundeswehr gab es 20 Minuten nach Abflug der Kanzlerin zwei Raketeneinschläge außerhalb des Lagers.
Über die Umstände des explosionsartigen Geräuschs später in Masar- i-Scharif konnte die Bundeswehr keine eigenen Angaben machen. Die Sicherheitskräfte berichteten, von afghanischer Seite sei als Ursache ein geplatzter Autoreifen genannt worden. Wegen der unklaren Situation war zunächst erwogen worden, einen Punkt vom Besuchsprogramm zu streichen. Merkel entschied dann selbst, ein Hospital, das mit deutscher Hilfe gebaut wird, dennoch zu besichtigen.
Merkel war unmittelbar nach Verabschiedung der neuen Afghanistan- Strategie der NATO zu einem bis zur letzten Minute aus Sicherheitsgründen geheim gehaltenen Besuch in Afghanistan eingetroffen. Deutschland wird die Zahl seiner Soldaten dort in den nächsten Monaten von jetzt 3800 auf 4400 erhöhen.
Merkel hält weiterhin einen starken Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan für notwendig. Der Norden des Landes brauche auch in den nächsten Jahren die Präsenz der Bundeswehr. Die Afghanen seien auch im Norden noch nicht in der Lage, für ihre eigene Sicherheit zu sorgen. Dies bleibe aber das Ziel.
Die Kanzlerin hatte sich zunächst in Kundus über die Arbeit der dort stationierten 700 deutschen Soldaten informiert. Ein besonders Augenmerk galt der Wiederaufbauarbeit. Sie sprach sich für enge Kontakte mit den Regionalregierungen aus, obwohl diese teilweise unter Korruptionsverdacht stehen.
Die Reise - Merkels zweiter Besuch in Afghanistan nach 2007 - sorgte auch für Irritationen zwischen Kanzleramt und dem Außenministerium von SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier. Sein Sprecher sagte, das Auswärtige Amt habe am Sonntag "mehr oder weniger durch Zufall" von dem Besuch erfahren. Daraufhin entgegnete Regierungssprecher Ulrich Wilhelm, Steinmeier sei von Merkel persönlich vorab informiert worden. "Es gab ein Gespräch unter vier Augen." Nach Angaben des Auswärtigen Amtes geschah dies aber erst, nachdem Steinmeier sie auf die Reise angesprochen hatte.
Merkel würdigte die Zusammenarbeit zwischen der Bundeswehr und den Nichtregierungsorganisationen, die sich in der Region Kundus im Norden Afghanistans um den Wiederaufbau des Landes bemühten. Sie besuchte auch den Ehrenhain, wo an acht getötete deutsche Soldaten erinnert wird.
Anders als bei ihrem ersten Aufenthalt wird die Kanzlerin diesmal nicht den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai in Kabul treffen. Die Kanzlerin hatte in den vergangenen Tagen mit dem Staatsoberhaupt telefoniert. Karsai ist im Westen nicht unumstritten, weil er nach Meinung von Experten nicht genug gegen die Korruption unternimmt. (dpa)