Im Überraschungsei aus Brüssel lagen 1.217.730 Euro und 90 Cent. Das ist die Summe, die Ferrero im vergangenen Jahr aus dem Topf für Agrarhilfen der Europäischen Union (EU) bekommen hat. Mehr Geld hat in Hessen nur die Zuchtvieh Export GmbH - kurz: ZVE - erhalten: Die Großhandelsgesellschaft aus Lohfelden bei Kassel strich rund 1,9 Millionen Euro ein.
Die ZVE exportiert Milchkühe in mehr als 30 Länder. Ferrero verkauft leckere Schnitten wie "Duplo" und "Hanuta", Pralinen wie "Raffaello" und "Mon Chéri". Warum ausgerechnet der Süßwarenkonzern mit Sitz in Frankfurt hohe Agrarhilfen bekommt, erklärt dieser selbst mit dem hohem Zuckerverbrauch.
Hessens Landwirte sehen sich nach Veröffentlichung der Empfänger der EU-Agrarsubventionen als "Bürger zweiter Klasse". Es sei nicht schlüssig, dass Subventionsnehmer aus anderen Wirtschaftsbereichen nicht genannt würden. Am Dienstag war die umstrittene Liste publik geworden; Ferrero steht in Hessen auf Rang zwei.
Der Verband fordert zudem, die Gründe für die Zahlungen deutlich zu benennen. Es müsse transparent werden, wofür die Bauern in den Dörfern und auf dem Land das Geld bekämen. Die Hilfen seien in der EU einst eingeführt worden, um das Absenken der Preise auf Weltmarktniveau auszugleichen.
Seit 1956 produziert die deutsche Tochter im nordhessischen Stadtallendorf. Mit rund 3100 Beschäftigten ist Ferrero größter Arbeitgeber im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Nicht nur Hanuta-Waffeln werden auf dem 520.000 Quadratmeter großen Werksgelände hergestellt. Ferrero produziert in Stadtallendorf auch Überraschungseier, Mon Chéri, Raffaello sowie jährlich etwa 100 Millionen Gläser Nutella für den deutschen Markt.
Süßes aus Stadtallendorf
Den Zucker für den süßen Stoff kauft der Konzern von Großanbietern aus der EU. Dafür zahle Ferrero den Landwirten höhere Preise als diese sonst auf den Weltmärkten erzielen könnten. Bei der von der EU gewährten Hilfe handele es sich deshalb "nicht um eine Subvention", betonte eine Sprecherin von Ferrero am Mittwoch auf Anfrage. Die 1,2 Millionen Euro seien vielmehr "eine Ausfuhrerstattung", "ein Nachteilsausgleich".
Das Geld aus Brüssel sei "eine Rückerstattung" für Zucker, den Ferrero "zu teuren EU-Preisen" einkaufe, in Deutschland zu Produkten verarbeite und diese dann in Länder außerhalb der Union exportiere. Für Waren, die in Deutschland oder in einem anderen EU-Land verkauft würden, erhalte die Gruppe dagegen keinen Ausgleich, sagte die Sprecherin.
Insgesamt 23.000 Landwirte aus Hessen haben 2007 einen Antrag auf Agrarhilfen gestellt. Laut Bauernverband haben sie einen Gesamtbetrag von rund 290 Millionen Euro von der EU erhalten. Genaue Zahlen für 2008 gebe es noch nicht; sie dürften aber im Bereich von 2007 liegen, sagte ein Sprecher der FR.
Betriebe, die von Exporterstattungen profitierten, sollten dieses Geld an die Landwirte zurückfließen lassen, fordert der Bauernverband. Etwa, indem sie faire Preise für Milch und Zucker zahlten. Wenn Geld aus Brüssel fließe, müsse das auch den Erzeugern vor Ort zugute kommen. Die Bauern würden schließlich die Vorleistung erbringen.
Ferrero setzte im vergangenen Jahr weltweit 5,6 Milliarden Euro um; etwa ein Drittel davon in Deutschland, schätzen Experten. Gewinnzahlen nennt der Konzern prinzipiell nicht. Deutschland ist der wichtigste Auslandsmarkt für die italienische Gruppe. Die Verwaltung der deutschen Tochter sitzt in Frankfurt, wo rund 500 Leute arbeiten.