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FR-Interview: Am Beginn einer neuen Armutswelle

Peter Radl über die Rolle der 52 hessischen Tafeln, begrenzte Spenden und immer mehr bedürftige Kinder.

Sortieren und verteilen: das ist die Aufgabe der Tafeln.
Sortieren und verteilen: das ist die Aufgabe der Tafeln.
Foto: Schick

Herr Radl, nimmt die Zahl der Tafeln für Bedürftige in Hessen weiter zu?

In diesem Jahr hat sich die Zahl um fünf auf 52 erhöht. Manche - etwa die in Gelnhausen - haben zudem neue Ausgabestellen eröffnet.

Peter Radl  ist hessischer Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Tafel, der einer Neugründung stets zustimmen muss. Radl engagiert sich bei der Friedberger Tafel.
Peter Radl ist hessischer Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Tafel, der einer Neugründung stets zustimmen muss. Radl engagiert sich bei der Friedberger Tafel.
Foto: Privat

Gibt es in Hessen jetzt eine flächendeckende Tafelversorgung?

Leider gibt es überall in Hessen Arme, was manche Lokalpolitiker verdrängen. Im Gebiet Limburg-Weilburg gibt es noch Möglichkeiten, eine Tafel zu gründen. Generell gilt: Bei einer Neueröffnung muss man abwägen. Die Menge an Lebensmitteln und Spenden ist nicht unbegrenzt. Deshalb sollte der Abstand zwischen zwei Tafeln zehn bis 15 Kilometer betragen.

Führen die Tafeln auch Wartelisten?

Viele haben Wartelisten. Was auch daran liegt, dass die Kapazitäten an Lagerflächen und ehrenamtlichen Helfern begrenzt sind.

Rund 2500 Helfer haben die hessischen Tafeln. Wie schaffen sie es, dass das Engagement so groß ist?

In der Regel sind es Rentner oder Frührentner, die noch etwas tun wollen, die die Not erkennen. In Hessen haben wir knapp 50 000 Menschen, die wir regelmäßig mit Lebensmitteln versorgen. Darunter immer mehr Kinder. Deren Zahl ist im vergangenen Jahr um 30 Prozent auf fast 17 000 gestiegen.

Wieso so viele Kinder?

Immer mehr Familien trauen sich, zu den Tafeln zu kommen. Und die haben meistens mehr Kinder als der Durchschnitt. Es eröffnen auch immer mehr Kindertafeln. In Wetzlar zum Beispiel; da gibt es täglich ein Mittagessen und eine Betreuung. Obwohl ich auch warnen muss: Wir als Tafeln sind nicht der Reparaturbetrieb einer verfehlten Sozialpolitik.

Warum springen die Tafeln trotzdem für den Staat ein?

Die Tafelarbeit ist zwiespältig. Aber sollen wir dem Staat den Scherbenhaufen hinwerfen und sagen, uns sind die Menschen egal?

Welche Entwicklung sehen Sie für die nächsten Jahre voraus?

Das ist erst der Beginn einer neuen Armutswelle. Wir werden in etwa zehn Jahren durch eine äußerst fragwürdige Rentenpolitik eine Altersarmut bekommen, an der die Gesellschaft zerbrechen wird. Die Jungen werden nicht mehr bereit sein, für die Alten zu sorgen. Das wird eine große Herausforderung sein.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Geschäften?

Die kleinen Bäckereien, Gemüsegeschäfte, inhabergeführten Lebensmittelgeschäfte sind wichtig. Aber die großen wie Lidl, Rewe schreiben nun mal mehr ab und sorgen so dafür, dass die Tafel noch ausreichend Lebensmittel bekommt. Lidl hat sogar extra Kühlschränke angeschafft für die Filialen, damit die Kühlkette für die Molkereiprodukte nicht unterbrochen wird. Und die Pfandautomaten werden derzeit mit einer Spendentaste für die Tafeln ausgerüstet.

Interview: Jutta Rippegather

Datum:  11 | 11 | 2008
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