Paris. Der Sprengsatz war so stark, dass von dem Bus nur ein Metallskelett übrig blieb. Die Insassen arbeiteten im Mai 2002 in Karachi an der Lieferung von drei U-Booten des Types Agosta, die Frankreich an Pakistan verkauft hatte. Die elf Franzosen und drei Pakistani hatten keine Chance.
Schon als die Angehörigen die Leichenreste in Empfang nahmen, hieß es, hinter dem Attentat könne nur El-Kaida stecken. Bald wurden auch zwei Verdächtige gefasst. In Paris erbrachte die französische Republik den Gefallenen die Ehre. Dann wurde es still um die Affäre.
Sonderbar still. Zumal französische Geheimdienstkreise große Zweifel an dieser offiziellen Version hegten. Nach außen drang nichts. Erst jetzt, sieben Jahre später, sickert durch, dass zwei junge Untersuchungsrichter in Paris eine andere Spur verfolgen: Die eines Rachaktes des pakistanischen Geheimdienstes an der französischen Staatsführung.
Wahlkampf mit Rüstungsgelder
Ihr Motiv? Der damalige Präsident Jacques Chirac soll die Provisionszahlungen, die bei solchen Rüstungsgeschäften üblich sind, abrupt gestoppt haben. Denn er vermutete, dass ein Teil dieser - an sich legalen - Schmiergelder unter dem Tisch an die französische Regierung zurückflossen. So wurden in Paris früher schon Wahlkämpfe finanziert, und Chirac hatte Angst, dass diese "Rétrocommissions" seinem politischen Rivalen, Premierminister Edouard Balladur, in die Hände fallen könnten.
Die Rede ist von 50 Millionen Euro. Das ist nicht viel für einen milliardenschweren Waffendeal, aber eine erkleckliche Summe für einen Wahlkampf. Chirac und sein gaullistischer Parteifreund Balladur schenkten sich damals nichts.
Die Untersuchungsrichter glauben, dass die pakistanischen Geldbezüger Chirac jahrelang bedrängt hatten, bis sie mit dessen Wiederwahl 2002 ihr politisches Druckmittel verloren und den "Terroranschlag" inszenierten, um Frankreich für das gebrochene Wort zu "strafen".
Diese Richterthese hat das Zeug zur Staatsaffäre. Sie würde bedeuten, dass Chirac und Balladur mit ihrem gaullistischen Bruderzwist letztlich den Tod der vierzehn Opfer ausgelöst hätten. Und dass Balladurs damaliger Wahlkampfleiter - ein gewisser Nicolas Sarkozy - von diesen Rückkommissionen gewusst haben könnte.
Vieles spricht für die These. Die zwei Islamisten, die für das Attentat 2003 zum Tode verurteilt worden waren, sind in diesem Mai plötzlich freigesprochen worden. In Paris nehmen die Ermittlungsrichter, die anfangs der Al-Kaida-Spur folgten, nun ausdrücklich einen "politischen Entscheid" für den Ursprung des Bombenattentats an, wie es in einem ihrer Zwischenberichte heißt.
Dieser ist Ende Juni in die Medien gelangt, und seither sprechen einzelne von einem "Karachigate". Der damalige Verteidigungsminister Charles Millon erklärte, Chirac habe ihn 2002 tatsächlich gebeten, sämtliche Rüstungsverträge Frankreichs zu überprüfen und jene Provisionszahlungen einzustellen, die zu den illegalen "Rétrocommissions" hätten führen können.
Sarkozy schweigt
Chirac schweigt dazu; Balladur erklärte nur, seine Wahlkampfgelder seien "genau kontrolliert und geprüft" worden. Anders sieht es ein privater Agent, den die staatlichen Schiffswerften Frankreichs (DCN) auf Wunsch der Opferangehörigen nach Karatschi geschickt hatten: Er nennt den Namen eines libanesischen Geschäftsmanns, Abdulrahman El-Assir, der in dem Agusta-Deal vermittelt habe, "um die Kampagne von Edouard Balladur zu finanzieren".
Sarkozy bringt als damaliger Budgetminister und Wahlkampfchef Balladurs kein Licht ins Dunkel dieser Affäre. Zu Journalisten meinte er nur unwirsch, das seien "groteske" Behauptungen.
Die Pariser Staatsanwaltschaft, die den Weisungen des Elysées zu folgen hat, ließ ebenso kategorisch verlauten, es gebe keinerlei Belege für die Wahlkampf-These. Damit ist absehbar, dass sie dem Gesuch der beiden Untersuchungsrichter nach einer vertieften Untersuchung nicht stattgeben wird.
Die Auseinandersetzung wird aber ohnehin politisch sein. Die sozialistische Opposition verlangt eine parlamentarische Untersuchungskommission. Um dies zu verhindern, erklärte sich Sarkozys Verteidigungsminister Hervé Morin für bereit, das in solchen Dossiers übliche "secret défense" (Staatsgeheimnis) zu lüften. Damit gewinnt der Präsident Zeit. Mehr nicht.