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Betrugsprozess gegen Ex-HR-Sportchef: Auf dünnem Eis

Am ersten Prozesstag hat Jürgen Emig ein Teilgeständnis abgelegt - und die Zuschauer wieder einmal auf seine Seite gezogen. Von Stefan Behr

Jürgen ich denk mal Emig am ersten Prozesstag im Frankfurter Landgericht. Er war einst für den HR-Sport, was Onkel Otto für die HR-Werbung ist: eine Ikone.
Jürgen "ich denk mal" Emig am ersten Prozesstag im Frankfurter Landgericht. Er war einst für den HR-Sport, was Onkel Otto für die HR-Werbung ist: eine Ikone.
Foto: Alex Kraus

Am Anfang ist die Stimmung im Saal I E des Frankfurter Landgerichts eher frostig. Die öffentliche Meinung, so scheint es, ist gegen Jürgen "ich denk mal" Emig, der Mann, von dem viele einst glaubten, er sei für den Sport des Hessischen Rundfunks (HR) das, was Onkel Otto für dessen Werbung ist. Eine Ikone. Und nun stellt sich heraus, dass andersrum auch ein Schuh draus wird.

Unter enormen medialen Interesse verliest die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift. Das dauert eine dreiviertel Stunde, auch wenn von den 100 Seiten nur ein Fünftel verlesen wird.

Tenor: Emig habe, nachdem die HR-Intendanz eine weitere Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma seiner Frau Atlanta Killinger verboten habe, die mit Hilfe seines Mitangeklagten Spezis Harald Frahm die Tarnfirma SMP gegründet, die die Geschäfte der Killinger Productions nahtlos weiterführte.

Zwischen 2000 und 2004 soll er dafür Provisionen in Höhe von mehreren 100.000 Euro kassiert haben. Die Zwischenschaltung von SMP sei "für den HR ohne Wert" gewesen, so die Staatsanwaltschaft. Erst recht für die SMP-Geschäftspartner, die bei einem direkten Vertrag mit dem HR weit billiger gefahren wären.

Das Publikum kriegt feuchte Augen

Als der 63-jährige Emig dann aber seine Aussage macht, taut das Eis im Zuschauerraum. Sein Leidensweg beginnt, als er 1987 Sportchef beim HR wird, obwohl er kurz davor stand, eine C-4-Professur anzutreten - das klappte nicht, weil der Sender keinen Zeitvertrag akzeptierte.

Was er an der Bertramswiese vorfand, war eine winzige Redaktion, dazu noch "gnadenlos unterfinanziert". Von Anfang an sei klar gewesen, dass hier ohne Sponsoren gar nichts laufe. Eigentlich ein Gräuel für den "hochmotivierten Journalisten", dem alles Kaufmännische irgendwie fremd ist: "Ich kann bis heute nicht wirklich eine Bilanz lesen."

Dennoch: Im Geldauftreiben macht Emig sich prächtig. Dann lernt er seine spätere Ehefrau Atlanta Killinger kennen, eine Journalistin, die er groß rausbringen will. "Ich dachte, es muss doch ein paar Mädels geben, die man attraktiv vor die Kamera stellen könnte."

Aber die Frau hat keine Chance in der Macho-Welt des Sportjournalismus, und als herauskommt, dass sie eine Affäre mit Emig hat, wird sie ganz aus dem Sender rausgemobbt, landet notgedrungen im Sponsoring. Als der HR ihr auch das behindern will, greift Emig in die Trickkiste.

Der Ex-Sportchef geißelt die "undifferenzierte mediale Vorverurteilung", die "verheerende Folgen für sein Privatleben" gehabt und ihn "wirtschaftlich fast ruiniert" habe. Er selbst sieht sich "als Rad, als Bestandteil eines Systems".

"Mir war klar, dass wir uns auf dünnem Eis bewegen" - darüber, dass das es möglicherweise auch illegal gewesen sein könnte, habe er sich erst Gedanken gemacht, als die Staatsanwaltschaft ermittelte. Als er schließlich über die etatmäßige Knauserigkeit seines ehemaligen Chefredakteurs mit den Worten klagt "Wilhelm von Sternburg hat mich verhungern lassen" kriegen die ersten im Publikum feuchte Augen.

Verschwiegen hatte Emig dem HR in jedem Fall, dass in Wirklichkeit seine Frau hinter SMP steckte und Frahm nur ein Strohmann war. "Das war wohl der Kardinalfehler."

Bizarre Geschäftspraktiken

Wie bizarr die SMP-Geschäftspraktiken tatsächlich waren, zeigt ein Brief, den Frahm anlässlich der IAA an Opel geschrieben hatte. Man sei gerne bereit, über neue Opel-Produkte beim HR zu berichten und auch ein Interview mit dem Chef zu drehen. 30.000 Euro mache das dann.

Das sei "journalistisch nicht ganz an den Haaren herbeigezogen", sagt Emig, denn Opel habe ja schließlich hervorragende Produkte. Im übrigen könne er sich nicht erinnern, den Brief jemals gesehen zu haben. "Da müssen Sie schon Herrn Frahm fragen", sagt er dem Richter.

Frahm, der hinter Emig auf der Anklagebank sitzt, bedenkt seinen ehemaligen Kompagnon in dem Moment mit einem Blick, den auch Jan Ullrich Lance Armstrong zugeworfen hatte, als der am Berg aus dem Sattel ging und ihn einfach stehen ließ.

Zu sagen, der Prozess würde fortgesetzt, wäre verniedlichend: Bis Ende Oktober sind vorerst weitere 15 Verhandlungstage angesetzt.

Autor:  Stefan Behr
Datum:  4 | 8 | 2008
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