Es gibt kaum Künstler, bei denen man weniger wüsste, was auf einen zukommt, als den Choreographen William Forsythe. Er weiß es oft selbst nicht genau, hat man den Eindruck, überlässt sich lieber den Eingebungen seiner Sensibilität und der Zuversicht, dass diese Sensibilität ihn am Ende schon zu einem Ganzen führen wird. Forsythe tut nicht, was so einfach wäre, er ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus, er meidet den repräsentativen Tanzabend, er sucht und scheut bis heute nicht die Gefahr des Scheiterns. Damit ist William Forsythe etwas, das es wirklich selten gibt: ein Künstler, der im Alter noch besser wird.
Nun, sagt der Titel seiner neuesten Arbeit, die er im Bockenheimer Depot in Frankfurt uraufgeführt hat, glaubt er nicht an den äußeren Raum: "I don't believe in outer space". Länger schon betrachtet Forsythe den Körper auch von innen her, wo er nicht ein wohlgeformtes, schön zusammenhängendes Gebilde ist, sondern wo es Wülste, Geschwüre und merkwürdige Verwachsungen gibt, die Angst machen können. "You Made me a Monster" lautet der Titel einer älteren Aufführung, der wie ein leiser Subtext unter vielen Arbeiten liegt.
bis 23. und 26.-30. November www.theforsythecompany.de
Nun ist die Bühne zweigeteilt, in der Mitte ein großes, dunkles Spielfeld voller schwarzer Kugeln, links ein geschlossener, heller Raum voll mit Körper- und Gesichtsbildern, zusammengeplottet aus den 16 Darstellern - outer und inner space, wenn man so will. Aus dem lichten Innen ergießen sich die Tänzer nach außen auf die Bühne, allein oder als Schwarm, und ziehen sich wieder dorthin zurück.
"I don't believe in outer space" ist von seiner Bauweise her leicht und bühnenfreundlich, eine Abfolge von Nummern für ein, zwei oder viele Darsteller, in manchen Momenten erscheint es wie eine Revue, deren Prinzip ja nun mal darin liegt, dass sich die Nummern überbieten.
" has a lot to do with disappearances." Um Verschwinden geht es, mit diesen Worten endet Dana Caspersen ihr Sprechen während noch Zuschauer in den Raum kommen, Musik setzt ein, ein Klangteppich von Thom Willems, die Szene verwandelt sich, wie wenn ein Vorhang hoch gegangen wäre.
Die Tänzerin Dana Caspersen ist übrigens eine unvergleichliche Sprecherin. Sie spielt keine Rollen, aber die Figuren, die sie spricht oder von denen sie erzählt, erscheinen doch plastisch wie in den Raum hinein modelliert. Einzigartig ist diese Kraft der imaginativen Vergegenwärtigung, glückliche Momente für den Zuschauer und vor allem -hörer.
16 Menschen bewegen sich in einem Rechteck, schälen sich aus sich selbst, verwickeln sich, platzen aus sich heraus. Dabei stoßen sie die schwarzen Bälle an, die davon rollen und derer sie nie habhaft werden. So sind bald ungezählte Körper in Bewegung, aufeinander zu und voneinander weg. Beziehungen, Verlassen, Verschwinden könnte das Thema des Abends sein. Die Erregung und der Schock, der den menschlichen Körperkugeln dabei immer wieder in die Glieder fährt. "I'm afraid, I'm petrified" ist das Leitmotiv, ich habe Angst, ich bin wie versteinert.
Ein Körper ist deformiert, der Hintern steht Christopher Roman wie eine Wulst ab. Ein anderer Körper schafft es, eine der Kugeln zu erwischen, hält sie jubelnd hoch. Die Sprache macht sich selbstständig, sie verlässt den Sprecher, dessen Mund sich noch bewegt, und ist schon längst in einer anderen Figur, sie verteilt sich dann auf viele Körper, sie wandert. Forsythe fragmentiert, was wir gemeinhin als Einheit wahrnehmen. Diese Dinge bewegen sich durch den Raum.
Zwei Tischtennisschläger, leise klackende Geräusche, die von einem Mund erzeugt und verstärkt werden, und die entsprechenden Bewegungen zweier Tänzer lassen einen Tischtennisball entstehen, der nicht da ist. Und wieder ist da diese Kraft der Vergegenwärtigung. Bälle, Kugeln, Dinge, alle Dinge bewegen sich unablässig durch den Raum, und auch die Menschen, scheint Forsythe sagen zu wollen, sind solche Dinge. Die Sprache hilft ihnen, damit zurecht zu kommen: "I love you and I don't care, if you don't love me because I'm yours."
Der Mann mit dem deformierten Hintern scheint durch sein Sprechen ein Wesen zwischen Schaf und einem gierigen alten Mann zu werden. Ein anderer mit eingewickeltem Gesicht erzählt - auf Deutsch! - von unausgesetztem Lesen, Goethe, Hamlet, Theodor Mommsen, T.S. Eliot. Mit großer Geste wird zur Arie angesetzt, Dana Caspersen schiebt sich dazu über den Boden und versichert "I will survive". Eine Vorturnerin empfiehlt uns, uns zu öffnen.
Die Nummern sehen im Verlauf des Abends mehr und mehr wie Zitate aus, die man nicht entschlüsseln kann. Der Abend rutscht zunehmend auf eine parodistische Ebene, ohne dass das Parodierte klar wäre. Manchmal ist das lustig, manchmal sogar heiter. Etwa zur Hälfte beginnt die eineinhalbstündige Aufführung trotzdem etwas zu schwimmen, als habe sie zwischen Bewegung und Parodie ihre Linie noch nicht ganz gefunden. Ein Tribut, den der Zuschauer aber gern Forsythes schwebender Arbeitsweise zollt.
Das Ende fügt sich wieder. Zwei Männer verwickeln sich ineinander und stöhnen zwischen Kampf und Sex, zwischen Verbindung und Deformation, ein Paar bewegt sich eher klassisch, andere sind mit sich selbst beschäftigt. Dana Caspersen hält ihre letzte Rede, eine Rede des Verschwindens und der Versöhnung: "No more wind, no more cities", eine lange Reihe der Dinge, die nicht mehr sind, bis sie zum Ende kommt: "No more saying, I'm afraid, I'm petrified, with you by my side so many nights. Sorry for myself."