Am 23. April 1945 soll Eva Braun, die die letzten Tages ihres Lebens an der Seite Adolf Hitlers im Bunker unter der Reichskanzlei im brennenden Berlin verbrachte, der Pilotin Hanna Reitsch einen Brief an ihre Schwester Gretl mitgegeben haben. In diesem Brief soll sie die auf dem Obersalzberg verweilende Schwester dringend gebeten haben, ihre Privatkorrespondenz mit Hitler auf keinen Fall zu vernichten, sondern zu vergraben.
Der persönliche Adjutant Hitlers, Johannes Göhler, hat angeblich jedoch auf Anweisung des "Führers" mehrere hundert Briefe von und an Eva Braun verbrannt. Wahrscheinlich war er schneller als die Schwester: Die Briefe wurden nie gefunden. Aber auch der Verbleib des Schreibens von Eva Braun an ihre Schwester ist ungeklärt.
Heike B. Görtemaker: Eva Braun. Leben mit Hitler. Verlag C.H. Beck, München 2010, 366 Seiten, 24,95 Euro.
Die Quellen, auf die sich die Historikerin Heike B. Görtemaker in ihrer Biografie über Hitlers langjährige Geliebte und schließlich doch noch Ehefrau Eva Braun beziehen kann, sind äußerst spärlich. Umso problematischer ist es dann allerdings, wenn die Historikerin mehrmals aus Tagebuchnotizen Eva Brauns zitiert, um beispielsweise die Motive für den zweiten Selbstmordversuch der jungen Frau zu ergründen.
"Liebe scheint momentan aus seinem Programm gestrichen", habe ein Eintrag gelautet, der sich auf die ständige Abwesenheit des Liebhabers im Jahre 1935 bezieht. Nur ist dieses Tagebuch-Fragment möglicherweise gar nicht echt, sondern eine Fälschung.
Auf die miserable Quellenlage weist Görtemaker in ihrem Vorwort ausdrücklich hin. So ist diese "erste wissenschaftliche Biografie" in starkem Maße angewiesen auf Äußerungen und Aussagen von Hitlers engsten Gefolgsleuten, die auf dem Obersalzberg, der privaten Festung des Diktators, eine "geschlossene Gesellschaft" bildeten. Ihr wichtigster Zeuge ist Hitlers "Generalbauinspektor" und Rüstungsminister Albert Speer, dessen Aussagen gegenüber den Alliierten nach Kriegsende, in seinen Aufzeichnungen und später gegenüber seinem Biografen Joachim Fest aber bekanntlich stark differieren.
Die Frage ist also berechtigt, ob wir es bei Görtemakers Projekt vor allen Dingen mit reichlich heißer Luft und wenig Substanz zu tun haben. Auffällig an ihrem Buch sind die vielen Fragen, mit denen sie Erwartungen weckt, die sie dann doch oft nicht erschöpfend befriedigen kann. Görtemakers Anspruch ist es, Eva Braun aus der Randexistenz, die sie in der historischen Forschung bislang fristete, herauszuholen.
Sie nimmt sie ernst, gesteht ihr zum ersten Mal eigene Ambitionen und Entscheidungen zu, aber klären, "wer diese Frau eigentlich war", kann sie nicht. Dieses blonde Wesen, 23 Jahre jünger als Hitler, das sich in Filmaufnahmen als putzmuntere Sportlerin und auf Fotos immer frisch frisiert, modisch gekleidet und bestens gelaunt in der Obersalzberg-Gesellschaft zeigte, ist in Bezug auf Persönlichkeit und intellektuelle Ausstrahlung kaum zu fassen.
Görtemaker kann plausibel nachweisen, dass sich die junge Frau, die Hitler 1929 im Münchner Fotogeschäft seines späteren "Hof-Fotografen´ Heinrich Hoffmann kennen lernte, mit einer ungeheuren Energie innerhalb von 14 Jahren mehr und mehr ihren Platz an der Seite des "Führers" eroberte und dabei in Kauf nahm, niemals in der Öffentlichkeit präsent zu sein. Das Pfund, mit dem Hitler geschickt wucherte, waren die deutschen Frauen aus dem Volk, die mit ihren teilweise monströs ausufernden Liebesbezeugungen signalisierten, den "Führer" nur als Junggesellen zu akzeptieren, nicht als verheirateten Staatsmann - und sicherlich auch nicht als leichtlebigen Bohemien in unsicheren Verhältnissen.
Indem Eva Braun ihre öffentliche Ausgrenzung vorbehaltlos akzeptierte und Hitler offensichtlich kritiklos in der privaten Berg-Enklave zur Seite stand, machte sie sich als Gefährtin unentbehrlich. Und - das ist ein interessanter Punkt in diesem Buch - sie wirkte in ihrer "Treue" auf fatale Weise stabilisierend auf Hitlers immer mehr der Realität entbehrende Kriegs- und Durchhaltepläne.
Diese Erkenntnis gewinnt Görtemaker, in dem sie in weit ausholenden Bögen das Obersalzberg-Milieu umkreist. Dabei nutzt sie grundlegende historische Forschungen, insbesondere von Ian Kershaw, und verknüpft sie mit unterschiedlichen Aussagen der Protagonisten dieses von Hitler handverlesenen Kreises. Und darin besteht die eigentliche Leistung der Historikerin: Sie veranschaulicht den privaten Kosmos des Despoten, der sich auf dem Obersalzberg eine Ersatzfamilie schuf, die ihn offensichtlich nach außen abschirmte und nach innen in seinem Wahn bestätigte.
Zugang hatten - wie die Ehepaare Brandt, Speer, Bormann, Morell, Eva Braun und ihre Schwestern und Freundinnen - nur ergebene und von der persönlichen Gunst Hitlers abhängige Personen. Von dieser Schutz- und Zweckgemeinschaft umgeben, hielt sich Hitler auch die Mitstreiter aus Partei und nationalsozialistischer Bewegung vom Leib und ließ sie, indem er sich den "Nimbus des Unnahbaren" (Kershaw) gab, wohlkalkuliert im Ungewissen über seine Absichten.
Nach innen hin zog er offensichtlich Grenzen zwischen "sozialen Zirkeln und den Funktionsgruppen", die nach Görtemakers Einschätzung allerdings fließend waren. So hatten vielleicht nicht alle Beteiligten in gleicher Weise Kenntnis von Hitlers Plänen und Gedanken, aber "sie alle waren sowohl Zeugen wie Überzeugte", so Görtemaker, die, durch großzügige Geldgeschenke zusätzlich abhängig gemacht, dann auch tatsächlich bis zum Schluss ihrem "Führer" ergeben waren.
Eva Braun, die Hitler nach Görtemakers Aussage wohl in der Tat als seine Geliebte und Gefährtin akzeptierte, sei der Mittelpunkt dieses eingeschworenen Kreises gewesen - allerdings nicht unumstritten und wohl nur durch Hitlers Gnaden. Aber, meint Görtemaker, am Ende triumphierte sie: nicht nur über Neider und Verächter im privaten Kreis, sondern auch über Hitlers Tilgungsversuche aller privaten Spuren. Durch ihren gemeinsamen Selbstmord mit Hitler, wenige Stunden nach der Trauung, habe Eva Braun sich schließlich - sehr gezielt - ihren zweifelhaften Platz in der Geschichte erkämpft.
Mag Eva Braun als Person in Heike B. Görtemakers Buch auch blass bleiben: Den Anspruch der Historikerin, Hitler als Privatperson in einem vielleicht nicht "neuen Licht", wie sie es selbst sieht, aber doch intensiveren Licht zu zeigen und damit "zu dessen Entdämonisierung" beizutragen, das ist der Autorin in dieser Studie durchaus gelungen.