Dresden. Nora Lang wird sich einreihen. Irgendwo wird die 78-jährige Dame ihren Platz finden in der Menschenkette, die sich am heutigen Samstag vom Dresdner Altmarkt am Rathaus vorbei zur Synagoge spannen soll. "Ich kann es als Überlebende nicht hinnehmen, dass Jahr für Jahr mehr Rechtsextremisten den Tag für ihre menschenverachtenden Ziele nutzen", sagt sie.
Vor 65 Jahren, als Dresden in mehreren Bombenangriffen der Engländer und Amerikaner in Flammen aufging, irrte sie, damals 13 Jahre alt, mit ihrem fünfjährigen Bruder durch eine lodernde Trümmerlandschaft. Ihre Straße eine Trasse aus Schutt, die Häuser eingestürzt, die Nachbarn darunter begraben. "Unsere Eltern haben wir erst Tage später wiedergetroffen", erinnert sie sich. "Solch eine Erfahrung sitzt tief." Neben Nora Lang werden vielleicht 6000, vielleicht 7000 oder auch mehr Menschen stehen. "Von Dresden müssen Initiativen für Frieden, Toleranz und Menschlichkeit ausgehen", sagt sie.
Am Faschingsdienstag, dem 13. Februar 1945, bombardierte die Royal Air Force von 22.13 Uhr an die Dresdner Innenstadt. Der Angriff der 244 Bomber dauerte 15 Minuten, es fielen 900 Tonnen Bomben. Danach brannte Dresden.
Um 1.23 Uhr folgte die zweite Angriffswelle von 529 Bombern, die 1500 Tonnen Sprengstoff abwarfen. 15 Quadratkilometer standen in Flammen, die historische Altstadt ging unter, etwa 25.000 Menschen starben im Feuersturm.
Am 14. Februar mittags folgte ein Angriff der Amerikaner, die allein mehr als 2000 Tonnen Bomben abwarfen.
Am 15. Februar stürzte vormittags die ausgebrannte Frauenkirche ein. Ihre Ruine wurde zum Symbol des untergegangenen alten Dresden. (bho)
Aber von Dresden werden an diesem Samstag auch ganz andere Zeichen und gruselige Bilder in die Welt gehen. Der 65. Jahrestag der Zerstörung ist auch ein Tag, an dem die Stadt um das Gedenken und um ihr Ansehen kämpfen muss: Wie seit Jahren schon hat die Junge Landsmannschaft Ostdeutschland Neonazis aus ganz Europa aufgefordert, nach Dresden zu kommen. Mindestens 6500 Rechtsextremisten von Spanien bis Schweden wollen anrücken. Für sie ist Dresden kein Ort der Versöhnung, sondern Tatort eines alliierten "Bombenholocausts". Sie halten fest an den widerlegten Mythen von 250000 Toten in einer vom Krieg beinahe vergessenen Kulturstadt, die "unschuldig" war. Ihnen geht es nur um die Deutschen.
Die Toten von Dresden sind für die NPD im sächsischen Landtag Opfer, "die unser Volk unter dem Zerstörungswahn hassgeifernder und entkultivierter Antimenschen erbringen musste". Tatsächlich war es ja anders. Schon vor sechs Jahren hatte eine Historikerkommission aufgeräumt mit all den Mythen, die sich um den tragischen Untergang der alten Barockstadt rankten. Nicht 250.000, sondern 25.000 Menschen verloren nach genauen Untersuchungen ihr Leben. Dresden lag damals im Rücken der Ostfront und war ein strategisches Ziel.
Auch aus Dresden wurden Juden in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet. Die Stadt war immer zauberhaft schön und prächtig, aber unschuldig war auch sie nicht. Es wurden auch keine Beweise gefunden für angebliche Massaker von US-Jagdfliegern, die mit ihren Maschinengewehren in die Reihen der auf den Elbwiesen herumirrenden Überlebenden gefeuert haben sollen. Die Neonazis schert das alles wenig.
Vor sächsischen Gerichten haben sich Neonazis und Dresdner Rathaus bis zum Schluss juristische Gefechte geliefert, ob die Neonazis durch die Stadt marschieren oder nur an einem Ort zu einer Kundgebung zusammenkommen dürfen. Die Neonazis, so das Bautzener Oberverwaltungsgericht, dürfen marschieren. Das Rathaus will sie in die Neustadt verbannen, die Elbe als Trennlinie nutzen und den friedlichen Demonstranten die historische Altstadt überlassen. Angeheizt wurde die Stimmung, als kürzlich die Staatsanwaltschaft in Räumen der Linkspartei das Büro des Bündnisses "Dresden nazifrei" durchsuchte, das den Neonazi-Aufmarsch friedlich blockieren wollte.
Ein Aufruf zur Blockade sei eine Straftat, so die Staatsanwaltschaft. "Kriminalisierung unseres Widerstandes", schimpfte das Bündnis. Auch das ist typisch für Dresden: Während Städte wie Leipzig oder Jena seit Jahren geschlossen und eindeutig Front gegen die Rechten machen und sich auch immer Tausende finden, die sich wehren wollen, sind die Dresdner eher zurückhaltend. In den vergangenen Jahren überließen viele den Kampf um ihre Stadt wenigen engagierten Kirchenleuten, Gewerkschaftern, Politikern und Auswärtigen. Mitglieder der Landesregierung waren kaum zu sehen. Man erging sich in kleinlichen Streitereien um die Frage, ob die CDU gemeinsam mit der Linken gegen den braunen Irrsinn demonstrieren dürfe. Viele Dresdner gingen in der Prager Straße einkaufen, als sei nichts, und eine Straße nebenan zog schweigend der Strom der Rechten dahin. Der Widerstand könnte stärker sein.
In den vergangenen Jahren ging der Aufmarsch der Braunen meist ohne Krawalle ab. Neonazis zogen durch die Stadt, die Stadt schaute gelangweilt zu. Diesmal jedoch rechnet die Polizei fest mit Ausschreitungen und Gewalt. Aus ganz Deutschland wird deshalb so viel Bereitschaftspolizei wie noch nie nach Sachsen beordert. Die Sicherheitsbehörden gehen von zahllosen Gewaltbereiten unter den Neonazis aus, rechnen allerdings auch, so der sächsische Verfassungsschutz, mit etwa 1500 Autonomen auf der anderen Seite. Die Polizei wird sich dazwischenstellen, so wie in den vergangenen Jahren auch.
Viele der friedlichen Demonstranten werden eine weiße Rose tragen, ein Symbol, das an die Widerstandsgruppe der Geschwister Scholl erinnert, in Dresden aber aus anderen Gründen getragen wird: Als Nora Lang vor 65 Jahren in den Trümmern ihres Hauses suchte, fand sie noch zwei Teller aus Meißner Porzellan. Das Rosenmuster auf dem einen war verbrannt, das auf dem anderen nicht. Einer der Teller steht heute in einem Museum in Guernica, jener spanischen Stadt, die von der deutschen Luftwaffe zerstört wurde.