Zunächst einmal scheint der Herr Bukowski ein unerschöpfliches Reservoir an Sätzen und Sprüchen der Unterprivilegierten zu sein. Gemeint ist damit nicht der Charles aus Amerika, der hatte auch Sprüche drauf, ist aber tot, gemeint ist der Oliver aus Cottbus. Der schrieb nach der Wende ein Stück nach dem anderen, bis heute sollen es 24 sein, die auch alle an großen oder an kleinen Theater gezeigt wurden. Kaum war eines uraufgeführt, gab es schon ein Neues, alle aber waren darin gleich, dass einige Leute darin vorkamen, die sich um Kopf und Kragen lebten oder gelebt wurden und dabei alles andere als auf den Mund gefallen waren.
So ging das mehrere Jahre, der Herr Bukowski war die Stimme des Ostens, auch wenn er sich verständlicher Weise gegen diese Festlegung wehrte. In den Theaterdramaturgien setzte sich die Meinung durch, dass der Herr Bukowski sozialrealistische Dramen schreibt, die zwar lustig sind, deren große Gefahr aber darin liegt, dass sie doch sehr zum Sozialkitsch neigen. Den möchten die Dramaturgien und die Regisseure um jeden Preis vermeiden. Er gilt im Theater nicht nur als irgendwie unschick und unterkomplex, sondern schlicht als blöd.
Nun aber hat der trotzdem hochgeschätzte Herr Bukowski für das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg ein großes Stück geschrieben. Ein Stück in vielen vielen Szenen, mit vielen vielen flotten Sätzen, und mit ganz ganz vielen Personen. Es sind ihrer 15 und sie stammen großenteils aus früheren Stücken Bukowskis. Das ist wohl weniger dem Willen des Autors geschuldet, eine Summe seines Werks ziehen zu wollen, als dass es eine aparte Idee in der Dramaturgie des Deutschen Schauspielhauses war. Dort aber hatte man, wie in allen Dramaturgien, eben auch die Idee, das Stück des Herrn Bukowski von einem Regietheaterregisseur inszenieren zu lassen. Der Mann heißt Sebastian Nübling, hat keine Angst vor großen Stücken und Bühnen, weil sein Theater die Kraft der Körper und auch der zwei Herzen hat: Nübling ist weder Sozialromantiker noch Zyniker.
Man kennt sich, man achtet sich, man mag sich. Zunächst schien man sich auch zu verstehen. Autor und Regisseur entwickelten eine gemeinsame Idee, man saß gemeinsam über dem Text. Dabei heraus gekommen ist ein überquellendes, unübersichtliches Panorama einer verlorenen Gesellschaft. Man steht lange Schlange vor dem Amt. Man streitet im Plattenbau. Ein Mann probt einen gelehrten Schwafel-Vortrag über die Gesellschaft, obwohl ihm niemand zuhören wird. Man kauft sich ein Handy und ist stolz. Man grillt gemeinsam trotz irgendwelcher Verbote, kommt sich dabei ein bisschen revolutionär vor. Man macht auf Paargefühl und kommt sich näher, bevor man sich wieder entfernt. Man trinkt natürlich ausdauernd, man kauert sich manchmal zusammen, man ist bösartig und man ist liebevoll. Menschen eben. Jeder versucht mit einer Situation zurechtzukommen, mit der man nicht zurechtkommen kann.
Die letzte Würde dieser Figuren liegt immer noch darin, dass sie sich wenigstens sprachlich nicht unterbekommen lassen. Dauernd werden sie von der Klatsche der sozialen Realität niedergestreckt aber, schwups, ihr nicht totzukriegendes Mundwerk lässt sie wieder auferstehen. Doch am Ende, die anderen machen einen Aufstand, der nicht einmal durch eine Erwähnung in der Lokalpresse gewürdigt wird, bringt eine Mutter ihr kleines Kind um. Bevor sie das tut, nähert Jessica sich ihrer Tat mit klaren, schönen Sätzen: " Aber In den Blumentöpfen. In der Gefriertruhe. Im Keller. - Warum die die immer aufbewahren? Immer so nah dran an ihnen ", beginnt ihr Monolog. Das hat eine gewisse Größe.
In der Aufführung Nüblings nun wird der Vortragsschwafler eine Frau, eine Mutter wird ein Bruder und aus einem Paar werden Mutter und Sohn, Sätze wechseln den Besitzer, viele Szenen fallen weg, anderes kommt hinzu. Das nachzuvollziehen überlassen wir denen, die darauf Lust haben. Nübling jedenfalls packt die forcierten Mittel des Regietheaters aus. Er lässt uns alle mit dem Vivaldi berieseln, mit dem die Penner seit vielen Jahren vom Hamburger Hauptbahnhof ferngehalten werden. Man feiert ausführlich eine Techno-Party, als sei man auf Ibiza, wobei Samuel Weiss als besoffener Entertainer eine sehr gute Figur macht: "Wo früher eine Leber war, ist heute eine Minibar."
Nun kann man sich lang darüber streiten, ob die Aufführung so das Stück vor sich selbst gerettet hat oder, ob es die Figuren verraten hat. Man kann sich darüber freuen, dass Nübling dem Kitsch keinen Raum gegeben hat, dass die Post ab und es lustig zu geht. Man kann sich darüber aufregen, dass hier eine ganze Schicht denunziert wird. Wenn die so sind, haben sie es nicht anders verdient! Wollten die das wirklich sagen? Aber das führt zu nichts. Wenn man ein soziales Drama will, dann wird man so nicht weiterkommen. Und alles spricht dafür, dass das Theater ein soziales Drama will und braucht. Es gibt da nicht umsonst eine lange Tradition und die Zeit wird immer lauter nach einem Drama der Wahrnehmung sozialer Realität schreien.
Es muss eine Regiesprache, die es zur Zeit nicht gibt, gefunden werden, die von den Figuren, Menschen, Milieus oder Umständen - wie dann auch immer - erzählen kann. Das Theater muss los, es muss raus, es muss die Welt entdecken. Es reicht nicht mehr, wenn es sich auf sich selbst verlässt. Es muss Schauspieler geben, die solchen Menschen zugeschaut haben, Regisseure, die sie kennen, Dramaturgen, die sich für sie interessieren. Eine Regiesprache die zwischen Einfühlung und Denunziation einen Weg findet. Es kann nicht sein, dass Arbeitslose wie bei Volker Lösch authentisch im Theater nur noch von echten Arbeitslosen vertreten werden können. Da bräuchten wir am Ende ja kein Theater mehr.
Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 25. Februar, 5. u. 23. März., 9. April.