Herr Professor Hoppe, Sie haben sich für eine Streichung medizinischer Leistungen ausgesprochen, weil das Geld im Gesundheitssystem fehlt. Wie sollte denn die Rationierung genau aussehen?
Wir Ärzte wollen keine Rationierung, aber wir wollen einen ehrlichen Umgang mit Rationierung. Deshalb schlagen wir eine für alle transparente Priorisierung von Gesundheitsleistungen vor, Ranglisten ähnlich wie in Schweden. Hier gibt es zwei Methoden. Man kann Krankheitsgruppen priorisieren: Menschen, die in höchster Not sind und starke Schmerzen haben, werden an erster Stelle bedacht. Die, deren Eingriff man planen kann und die weniger leiden, werden an die zweite Stelle gesetzt. Wellness und alles, was Wunschmedizin ist, wird dann von den Krankenkassen nicht mehr erstattet.
Jörg-Dietrich Hoppe (68) ist seit 1999 Präsident der Bundesärztekammer. Der Pathologe war zuvor lange Jahre Chef der Klinikärztegewerkschaft Marburger Bund.
Hoppe kritisiert seit vielen Jahren heftig die Gesundheitspolitik in Deutschland. Immer wieder beklagte er einen Weg in die "Staatmedizin" sowie eine "Ökonomisierung" des Arztberufes.
Beim Deutschen Ärztetag in Mainz, der am 19. Mai beginnt, wollen die Delegierten über Methoden der Kürzung medizinischer Leistungen beraten. Dies sei wegen des Geldmangels im Gesundheitswesen nötig, hatten der Ärztetag schon im vergangenen Jahr festgestellt.
Diese Form der Priorisierung gibt es doch ohnehin: Wer leidet, kommt schneller dran und andere müssen dann warten. Wellness sollte die Kasse doch sowieso nicht bezahlen.
Das gibt es hier und da. Aber ein geordnetes und transparentes Verfahren gibt es nicht.
Können Sie mir Beispiele nennen für eine Prioritätenliste?
Jemand, der einen Schlaganfall oder eine fortschreitende Tumorerkrankung hat, kommt sofort dran. Priorisierungsstufe zwei wäre etwa das Einsetzen künstlicher Gelenke, wenn die Schmerzen durch Medikamente beherrschbar sind. Wunschmedizin ist, wenn man beim Genuss von Speisen und Getränken keine Abstriche machen will, aber Medikamente braucht, damit die Magenschleimhaut das auch verträgt. Da muss man dann ehrlich sein und dem Patienten sagen, dass er das selbst bezahlen oder auf Alkohol und fettes Essen verzichten muss.
Wunschmedizin wären dann auch Cholesterinsenker.
Teilweise ja. Bei zu hohen Cholesterinwerten kann man auch eine Diät machen. Medikamente sind nur in Ausnahmefällen nötig. Die Menschen müssen bei der Erhaltung ihrer Gesundheit mitwirken, damit das System möglichst wenig in Anspruch genommen wird.
Plädoyer für Rangfolge
Was wäre das andere Verfahren?
Die andere Methode ist die Priorisierung von Behandlungsmaßnahmen. Dabei wird eine Rangfolge der zehn wirksamsten Methoden erstellt. Die anderen kommen nur dann zur Anwendung, wenn die ausgewählten Methoden nicht zu einer Besserung führen. Zum Beispiel: Bevor man eine elektrische Schockbehandlung macht, um Herz-Rhythmusstörungen zu beseitigen, versucht man es erst mal mit Betablockern.
Wer soll über die Einschränkungen entscheiden?
Ein Gesundheitsrat aus Ärzten, Ethikern, Juristen und vor allem auch Patientenvertretern unterbreitet der Politik Vorschläge, die auf dieser Grundlage entscheiden und dann auch die Verantwortung für Leistungseinschränkungen übernehmen muss. Wer es sich leisten kann, wird dann natürlich Zusatzversicherungen abschließen. Früher brauchten wir das alles nicht, weil wir nicht diese Probleme mit der Finanzierung hatten. Künftig werden wir uns wohl genauso verhalten müssen, wie die Länder, in denen das Gesundheitswesen auch chronisch unterfinanziert ist, zum Beispiel Schweden und Großbritannien.
Werden Sie das Wahljahr nutzen, um für Ihre Vorschläge zu werben?
Ja. Das tun wir schon. Ob das wirkt, werden wir sehen. Die SPD hat offenbar vor, die Gesundheitspolitik - oder besser gesagt Beitragssatzstabilisierungspolitik - der letzten Jahre fortzusetzen. Das bedeutet, dass wir noch mehr Staatsmedizin, das heißt Zuteilung von medizinischen Leistungen bekommen, zugleich aber auch einen immer stärkeren Preiswettbewerb unter den Leistungserbringern. Letztlich wird dadurch die Therapiefreiheit und die freie Arztwahl eingeschränkt. Das hat zur Folge, dass nicht mehr jeder Patient zu jedem Arzt wird gehen können. Im Gegensatz zur SPD verkündet die CSU einen völligen Neuanfang, die CDU hat sich noch nicht festgelegt. Und die FDP will das System privatisieren.
Die Gesundheitspolitik in Deutschland hat ja einen Namen: Ulla Schmidt. Hoffen Sie, dass Sie es nach der Wahl mit anderen Personen zu tun haben?
Es geht nicht um Personen, es geht um Inhalte. Und inhaltlich - das steht außer Frage - brauchen wir einen Politikwechsel. Die tatsächlichen Probleme in der medizinischen Versorgung dürfen nicht mehr verschleiert, sondern müssen endlich offen und ehrlich angegangen werden. Wir brauchen keine weitere Schönrednerei. Mit dem, was uns an finanziellen Mitteln zur Verfügung steht, ist das unbegrenzte Leistungsversprechen der Politiker einfach nicht mehr möglich. Wenn Ulla Schmidt und ihre Mannschaft das genauso sehen, wären wir schon einen großen Schritt weiter.
Das ist aber ausgesprochen unwahrscheinlich.
(Lacht) Das sagen Sie.
Noch nie war so viel Geld für die Arztpraxen da und noch nie - so scheint es - war der Ärger der Ärzte über ihre finanzielle Lage so groß. Sind Sie Präsident eines besonders gierigen Berufsstandes?
Ich bin Präsident eines Berufsstandes, in dem viele auch in eigener Praxis freiberuflich tätig sind. Und die wollen mit ihrer Praxis natürlich auch wirtschaftlich überleben. Nach einer zehnjährigen Durststrecke hat man den Ärzten versprochen, sie bekommen zehn Prozent mehr. Jetzt stellt sich heraus, dass es diesen Zuwachs bei weitem nicht gibt und eine Reihe sogar deutliche Abstriche machen muss. Gemessen an ihrer Arbeitsleistung und Arbeitszeit sind Ärztinnen und Ärzte wirklich nicht überbezahlt.
Sondern unterbezahlt?
Viele sind unterbezahlt. Wir geben noch immer zu wenig für die ambulante Versorgung aus, nur 15 Prozent der Kassenausgaben gegenüber 22 Prozent vor 20 Jahren. Es besteht also ein permanenter Mangel. Wenn den Praxen ausreichend Geld zur Verfügung stehen würde, müssten wir nicht so viel rationieren.
Interview: Wolfgang Wagner