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Burkini: Integration geht baden

Der Berliner Senat lässt den Burkini testen. Die Reaktion reicht von Spott bis Empörung. Von Antje Hildebrandt

Vorschwimmerin: Yassaman Hahn, Miss Berlin, führt die Vollverkleidung fürs keusche Baden vor.
Vorschwimmerin: Yassaman Hahn, Miss Berlin, führt die Vollverkleidung fürs keusche Baden vor.
Foto: Antje Hildebrandt

"Soll ich lächeln?" Wie ein Frosch, der auf den erlösenden Knall wartet, um sich in eine Königin verwandeln zu können, steht die amtierende Miss Berlin in einem Kreuzberger Hallenbad vor einer Fernsehkamera. Yassaman Hahn, 21, hat Maße, von denen andere Mädchen nur träumen können. Doch an diesem weißgekachelten Ort, zwischen Müttern in Badeanzügen und kleinen Mädchen im Bikini, fühlt sie sich unwohl. Der Körper verschwindet unter einem grün-blauen Polyester-Anzug mit integrierter Badekappe.

"Sieht aus wie ein Schlafanzug", war es der Schönheit entfahren, als sie ihre schwarzen Haare unter das enganliegende Kopfteil gestopft hatte. Es war noch ein harmloser Vergleich zu dem Begriff, den die deutsch-türkische Frauenrechtlerin Necla Kelek für dieses Bekleidungsstück fand, das in Berlin die Debatte um Integrationsbereitschaft muslimischer Mitbürger neu entfacht hat: "Ganzkörperkondom" nannte sie den Burkini.

Vorführung eines Burkinis im Schwimmbad.
Vorführung eines Burkinis im Schwimmbad.
Foto: Antje Hildebrandt

Seit Dezember dürfen sich Trägerinnen dieses sprachlichen Zwitters aus Burka und Bikini in die Wellen stürzen. Ohne großes Aufsehen genehmigte Berlins Sportsenator Erhart Körting (SPD) den Berliner Bäder-Betrieben einen Testbetrieb. Wird das Angebot angenommen, stehen Burkini-Trägerinnen schon im Sommer alle staatlichen Frei- und Hallenbäder offen.

Danach sieht es vorerst jedoch nicht aus. Immer wieder montags um 14 Uhr postieren sich Journalisten auf der Suche nach bodenlang verhüllten Damen mit zusammengerollten Gebetsteppichen unterm Arm vor dem Eingang des Bades am Spreewaldplatz in Kreuzberg - meist jedoch vergeblich.

Dauerkartenbesitzerin Fatma Gungor, 44, türkis geblümter Badeanzug, rosa Flipflops, kann sich nicht daran erinnern, je eine Frau getroffen zu haben, die ihre Abaya gegen einen zweiteiligen Neopren-Anzug getauscht hätte.

Fatma Gungor lebt seit 23 Jahren in Deutschland. Ihre Tochter trainiert in einem Schwimmverein. Stolz erzählt die Mutter von den Medaillen, die sie schon von Wettkämpfen mit nach Hause gebracht hat. Schwimmen, zeigt dieses Beispiel, ist ein Schritt auf dem Weg zur Integration. Aber auch im Burkini? Fatma Gungor sagt, jede Frau müsse selber entscheiden dürfen, was sie im Wasser trage.

Stirnrunzelnd mustert sie Miss Berlin. Sie ahnt nicht, wieviel Überwindung es die Tochter einer persischen Mutter und eines deutschen Vaters gekostet hat, sich diese Polyester-Pelle über ihren schwarzen Bikini zu ziehen. Yassaman Hahn ist nicht aus eigenem Antrieb gekommen. Seit Dezember haben erst zehn Berlinerinnen das Angebot der Bäderbetriebe genutzt. Schon macht in Internet-Foren das Wort die Runde, der Senat habe eine Lösung für ein Problem gefunden, das erst noch gesucht werden müsse.

Welch absurde Blüten dieser Streit treibt, zeigt der Fall Yassaman. Das Boulevard-Magazin "Brisant" (ARD) möchte gerne über den Testbetrieb berichten, findet aber keine einzige Probandin, die in die Zielgruppe dieses Angebots passt. Deshalb muss Miss Berlin den Burkini testen. Zuletzt hat sie als Lockvogel für RTL Schönheitschirurgen auf ihre Bereitschaft getestet, ihr den Po aufzupolstern - ohne Erfolg. Jetzt posiert sie als Lückenbüßerin für Frauen, die ihre Reize schamhaft verbergen.

Wertet man die 100 Briefe aus, die die Berliner Bäder-Betriebe (BBB) seit Beginn des Testbetriebs bekommen haben, ist der Burkini für 98 Prozent der Benutzer ein rotes Tuch. Vielleicht sogar für 99 Prozent, so genau kann BBB-Vorstand Klaus Lipinsky das nicht verifizieren. Er sagt: "Die einzigen beiden positiven Zuschriften trugen zwar unterschiedliche Namen, waren im Wortlaut aber identisch." Das hat Lipinsky nun davon, dass er den Sport- und Innensenator aufgefordert hat, mit einem Testbetrieb Klarheit an der textilen Front in den Bädern zu schaffen. Der Bitte habe Körting nur mit Bauchschmerzen nachgegeben, versichert seine Sprecherin.

Der Senator hat alte Gräben wieder aufgerissen: Es ist noch nicht lange her, da hat der Streit über ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst die rot-rote Koalition auf eine harte Probe gestellt. 2004 einigten sich die Fraktionen auf einen Kompromiss: Sämtliche religiösen Symbole müssen aus Amtsstuben verschwinden, auch das christliche Kreuz.

"Burkinis zuzulassen, ist integrationsfeindlich", wettert der integrationspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Kurt Wansner. "Damit geben wir all das auf, wofür Frauen jahrelang gekämpft haben - und das unter dem Deckmantel der Integration."

Necla Kelek geht noch einen Schritt weiter. Die streitbare Frauenrechtlerin sagt, das, nun ja, Ganzkörperkondom lasse nicht nur muslimische Frauen, sondern auch ihre Männer in einem unvorteilhaften Licht erscheinen. Unterstelle es dem Mann doch, er sei nicht Herr seiner Triebe. Er müsse quasi vor sich selbst in Schutz genommen werden. Dabei, ätzt Kelek, selber begeisterte Schwimmerin, sei der Verlust von Triebkontrolle doch eher ein Fall für die Justiz als für Bademodenhersteller.

Kelek, so scheint es, spricht damit den meisten Absendern der Protestbriefe an die BBB aus der Seele. "Es sind überwiegend deutsch-türkische Frauen, die der Burkini-Testbetrieb erzürnt", sagt BBB-Vorstand Lipinsky. Er macht keinen Hehl daraus, dass er die weiblichen Angestellten in eine vertrackte Lage gebracht hat. Sie müssen die verhüllten Frauen nicht nur daran erinnern, vor dem Baden zu duschen. Sie sollen auch eingreifen, wenn sie vermuten, dass die Frauen Slip und BH unter dem Burkini anbehalten haben.

Nele Abdallah, 29, kann dieser Streit nur Recht sein. Böse Zungen behaupten, von den zehn Frauen, die bislang erst im Burkini gebadet haben, habe sie mindestens neun eingekleidet. Die Jurastudentin vertreibt die markenrechtlich geschützten Burkinis der australischen Designerin Aheda Zanetti exklusiv in Deutschland aus dem heimischen Wohnzimmer.

Dabei, räumt die vor einigen Jahren zum Islam konvertierte Christin ein, bewege sich die Zahl ihrer Kundinnen erst "im dreistelligen Bereich". Frauen türkischer Herkunft seien eher die Ausnahme, gibt Abdallah zu. In erster Linie würde sie die Burkinis an Deutsche, Polinnen, Bosnierinnen und Araberinnen verschicken. An Frauen, die wie sie auf dem Standpunkt stünden: "Entweder im Burkini baden - oder gar nicht."

Fragt man Yassaman Hahn, wie sich ihr Zweiteiler im Wasser anfühlt, sagt sie, egal, wie sehr sie strampele, sie komme kaum vom Fleck. Das hat Miss Berlin mit der Integrationspolitik gemein: Beide gehen widerwillig baden.

Autor:  ANTJE HILDEBRANDT
Datum:  17 | 3 | 2009
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