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Byzanz-Ausstellung in Bonn: Jede Menge Gürtelschnallen

Die tollste Byzanz-Ausstellung, die es je gegeben hat - so das Urteil der Experten. Aber wie kann man nur so eine Ausstellung machen, ohne dem Publikum den Bilderstreit zu erklären, fragt sich Arno Widmann

Byzantinischer Schöner: Ein Medaillon mit dem heiligen Theodor,  erste Hälfte des 12. Jahrhunderts (Gold und Email).
Byzantinischer Schöner: Ein Medaillon mit dem heiligen Theodor, erste Hälfte des 12. Jahrhunderts (Gold und Email).
Foto: Museum of Historical Treasures of Ukraine, Kiev.

Die größte, die tollste Byzanz-Ausstellung, die es jemals gegeben hat. Das ist das Urteil der Experten. Die haben die anderen großen Byzanz-Ausstellungen der letzten Jahre gesehen, die haben viele dicke Bücher über Byzanz gelesen, und sie wissen bestens die verschiedenen Madonnentypen auf den Ikonen zu unterscheiden. Diese Ausstellung breche mit dem Vorurteil gegenüber Byzanz, erklären die Ausstellungsmacher. Sie wollen die Vielfalt und nicht nur den Reichtum des oströmischen Reiches zeigen, dem es gelang, die Traditionen der Antike bis ins 15. Jahrhundert zu retten.

Wer freilich kein Kenner ist, der wird, so er nicht in der Lage ist, sich an der Schmuckauslage Jahrhunderte alter Juweliere zu erfreuen, sich zunächst in all seinen Vorurteilen bestätigt sehen. Die Ausstellung ermöglicht keinen chronologischen Rundgang, sondern stellt zentrale Orte des byzantinischen Reiches vor. Neben Konstantinopel also etwa Ravenna, das Katharinenkloster auf dem Sinai, Ephesos und Thessaloniki. Das negiert die Idee einer Entwicklung und tut so, als könne man die mehr als tausendjährige Geschichte von Byzanz in einer Momentaufnahme fassen. Der Vorwurf des Byzantinismus meinte ja nichts anderes als den irren, notwendig scheiternden Versuch einer starren Führung, die Zeit anzuhalten.

Die Ausstellung

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn: bis 13. Juni.

www.kah-bonn.de

Wann immer in der bildenden Kunst es darum ging, die Person des Künstlers, des Individuums, hinter der Botschaft zurücktreten zu lassen, waren die Ikonen wieder auf der Tagesordnung. Man denke nur an Andy Warhol.

Dieses Bild einer erstarrten Kultur, dem sie doch entgegenzuarbeiten behauptet, festigt die Bonner Ausstellung durch ihre Betonung des Raumes gegenüber der Zeit. Der durch die Ausstellung wandernde Besucher merkt allerdings schnell: Die in ihrem Dilettantismus schreiend komisch wirkenden Ikonen, wie zum Beispiel die des männlichen und des weiblichen Märtyrers vom Berg Sinai, stammen aus dem 7. Jahrhundert. Dergleichen findet man nicht aus früherer Zeit.

Byzanz - Pracht und Alltag

Bildergalerie ( 7 Bilder )

Die Bilder! Wie kann man es fertig bringen, eine Kunstausstellung über Byzanz zu machen, ohne dem Publikum den Bilderstreit zu erklären. Man begreift nicht, wie es von der heiteren Darstellung des Landlebens auf den um 550 n. Chr. entstandenen Mosaiken des byzantinischen Kaiserpalastes über die Statuarik von Ravenna zu den bis ins letzte Detail vorgeschriebenen Ikonen der späten Jahrhunderte kommt, es sei denn, man bekommt diese große christliche Mediendebatte wenigstens skizziert. Nichts davon passiert in der Ausstellung.

Die europäische Kunst begann mit dem Kampf gegen die byzantinische. Am Anfang des Aufbruchs der italienischen Malerei steht - fast gleichzeitig mit der Eroberung von Byzanz durch die Kreuzritter im Jahre 1204 - der Bruch mit der maniera greca. Vasaris Kunstgeschichte ist nichts als die Schilderung dieses Bruches. Sie ist geschrieben als eine Folge von Biographien. Gegen den Korpus der Tradition wehren sich Einzelne. Sie setzen die Wahrheit durch gegen die Überlieferung. Das ist Europas Heldengeschichte. Sie findet nicht statt in der Kontinuität sondern im Bruch mit Byzanz.

Das Verhältnis zu diesem Bruch definiert noch heute die Grenze zwischen West- und Osteuropa. Das macht die Ausstellung aktuell. Wer sich über die Handschrift des Johannes Klimakos aus dem 11. Jahrhundert beugt, der sieht sofort, dass die islamische Kunst sich an solchen Werken orientierte. Byzanz, wo der Kaiser oberster geistlicher und weltlicher Herrscher war, ist vom christlichen Westen, der ständig zerrissen wurde vom Konflikt zwischen Kaiser und Papst, nicht nur geographisch weiter entfernt als vom osmanischen Reich. Jahrhunderte lebten islamische Staaten und das Reich der Römer, wie die griechisch sprechenden Byzantiner sich stolz nannten, nebeneinander. Mal mörderisch, mal friedlich. An keiner Stelle der Ausstellung wird das thematisiert.

Wie kann ein Reich mehr als eintausend Jahre bestehen? Das ist doch die eigentliche Frage an Byzanz. Sie wird nicht einmal aufgeworfen. Geschweige denn, dass Versuche von Antworten vorgestellt werden. Stattdessen Goldkettchen. Auch der Katalog ist keine Hilfe. Da ist etwa Kaiser Manuel II Palaiologos (1350-1425), der vorletzte Kaiser von Byzanz. Er ist Autor eines Werkes über den Islam. Er hat Dialoge mit einem Perser veröffentlicht. Aus ihnen zitierte der Papst im Jahre 2006 eine abfällige Bemerkung über den Islam. Bei Manuel II war das Rollenprosa. Professor Ratzinger nahm es wörtlich. Ihm passte es in den Kram. Manuel II dagegen war befreundet mit Mehmed I, dem Herrscher der Osmanen. Manuel II besuchte um 1400 während einer mehrjährigen Europareise Venedig, Avignon, Paris und London. Er war sicher einer der großen Intellektuellen seiner Zeit. Aber in dieser Ausstellung taucht nur als kleiner Text zu einer Handschrift auf.

Es ist schön, diese Handschrift zu sehen. Aber schöner wäre, wir erführen mehr über Manuel II und seine Versuche, Byzanz zu retten. Wir wüssten auch gerne, was er über den Islam schrieb. Nichts davon in der Ausstellung und auch nichts im Katalog. Aber jede Menge Gürtelschnallen.

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn: bis 13. Juni. www.kah-bonn.de

Autor:  Arno Widmann
Datum:  25 | 2 | 2010
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