Triebtäter im Schutz der Kirche
Die Berliner Rechtsanwältin Manuela Groll, die inzwischen zehn Missbrauchsopfer vom Canisius-Kolleg vertritt, hält die Schilderung für "absolut authentisch. Bertram T. ist keiner der schwereren Fälle. Da gibt es noch ganz andere Sachen." Der Orden und die katholische Kirche müssten sich fragen lassen, was genau sie gewusst haben. "Sie müssen ihre Akten öffnen. Wenn sie von den schweren Missbräuchen wussten, hätten sie die Polizei einschalten müssen." Groll arbeitet mit der Organisation Kinder in Not zusammen, die sich um Missbrauchsopfer und -täter kümmert. Deren Leiterin Sigrid Richter-Unger sagt: "Die geschilderten Taten klingen deutlich nach Sadismus. Ohne Behandlung lässt eine solche Obsession nicht nach."
Zwar hat Wolfgang S. im Lauf der Zeit, als er von Berlin nach Hamburg, von Hamburg nach St. Blasien versetzt wurde, immer wieder Therapien angefangen, doch haben sie offensichtlich nicht geholfen. Es liegt eine Zusammenstellung seiner Aufenthaltsorte und seines jeweiligen Verhaltens Kindern und Jugendlichen gegenüber vor, in der Wolfgang S. gegenüber dem Jesuitenorden minuziös seine Verbrechen auflistet und erklärt, dass man lange um sie gewusst - und nicht gehandelt habe.
Die Übergriffe setzen im Alter von dreizehn Jahren ein, als Wolfgang S. - selbst noch Schüler des Canisius-Kollegs - Jugendleiter in der MC-Burg wird. "Vereinzelte Vergehen" notiert er von 1959 bis 1963, seinem Abiturjahr. Im Noviziat der Jesuiten habe es in den folgenden zwei Jahren keine Übergriffe gegeben, doch von 1966 bis 1970, als S. in Spanien studiert und sein Praktikum am Canisius-Kolleg absolviert, "häufige Vergehen". Anschließend studiert er vier Jahre in Frankfurt am Main. Er schreibt: "dort keine Vorfälle". Von 1974 bis 1989 notiert er "häufige Vergehen" als Student an der FU und der TU Berlin, Lehrer am Canisius-Kolleg, der Ansgar-Schule in Hamburg, dem Kolleg St. Blasien im Schwarzwald und selbst in Chile, wo er seit 1986 lebt. Ab Dezember 1990 habe es keine Übergriffe mehr gegeben, behauptet Wolfgang S. Er hat damals geheiratet und mit seiner chilenischen Frau inzwischen ein dreizehnjähriges Mädchen, das behindert ist.
Nach dieser Liste hat Wolfgang S. seine letzten Missbräuche in Deutschland im Jahr 1989 in Hamburg und St. Blasien begangen. Damit sind sie spätestens seit Januar 2010 verjährt. Die Tat-Liste von Wolfgang S. will Pater Mertes, der jetzige Canisius-Rektor, nicht kommentieren, denn sie sei "erschlichen worden". Ihre Echtheit stellt er jedoch nicht infrage - ebenso wenig wie Wolfgang S. selbst, der sich über "eine illegale Ausspähung vertraulicher E-Mail-Korrespondenz mittels einer gefälschten Identität" aufregt. Versuche, ein Interview mit ihm zu führen, lehnte er ab. Gestern schrieb er an die Berliner Zeitung: "Meine Antwort ist ein klares Nein.
Der ehemalige Geistliche ist auf dem Sprung nach Deutschland, denn Ende 2009 hat er seine Arbeit im katholischen Kolpinghaus in Santiago de Chile beendet und ist pensioniert worden. In Kürze wird er 65. Bis heute beziehe Wolfgang S. sein Gehalt vom katholischen Kolpingwerk in Köln, sagt eine Mitarbeiterin in Chile am Telefon.
Die Männer, die damals Verantwortung dafür trugen, dass ein offenbar schwer gestörter Triebtäter mindestens 25 Jahre im Schutz der Kirche agieren konnte, schieben sich heute die Schuld zu - ehemalige Jesuitenprovinziale, Rektoren, Bistumsangestellte. "Wir wissen nicht, was damals vorgefallen ist, denn die Unterlagen hat die Missbrauchsbeauftragte Frau Raue", sagt der Sprecher des deutschen Jesuitenprovinzials, Thomas Busch. Ursula Raue ist derzeit auch nicht zu sprechen. Busch drückt sich vorsichtig aus: "Wenn die Dokumente über das Ausscheiden von Pater S. aus dem Orden 1992 vom Vatikan als konfidentiell eingestuft wurden, dann wäre ihm Vertraulichkeit zugesichert worden - wie im Beichtgeheimnis. Dann wäre es dem Orden unmöglich gewesen, eine strafrechtliche Verfolgung in Gang zu setzen."