Ende des Jahres 1975 handelt die Mutter von Thomas Henkel. Sie hat sich einen Termin beim damaligen Direktor des katholischen Canisius-Kollegs, Johannes Zawacki, geben lassen. Sie ist zornig. "Meine Mutter stellte Pater Zawacki zur Rede. Sie sagte zu ihm, er solle der Sache nachgehen. Er solle etwas unternehmen", berichtet Thomas Henkel, ein 47-jähriger Mann, der heute als Lehrer in Norddeutschland arbeitet. Und wie hat der Leiter des katholischen Elitegymnasiums reagiert? "Er sagte zu meiner Mutter, das seien alles Lügen, wie sie Schüler immer wieder erfinden. Er höre sie nicht zum ersten Mal, aber da sei nichts dran."
Die angeblichen Lügen hat der Arztsohn seiner Mutter schamvoll wenige Tage zuvor erzählt. "Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Mutter, wir konnten über alles reden", sagt Henkel, der darum gebeten hat, seinen echten Namen nicht zu nennen. "Ich habe ihr davon erzählt, dass Pater Peter R. an den Freizeitnachmittagen in der sogenannten MC-Burg zudringlich wurde und jeden zum Einzelgespräch bat. Dass einige dort vor ihm masturbieren sollten. Man hätte ihn damals stoppen können."
Am Canisius-Kolleg wurde Ende Januar 2010 ein Brief des amtierenden Rektors Pater Klaus Mertes an mehr als 500 ehemalige Schüler bekannt. Er deckte auf, dass in den 1970er- und 1980er-Jahren Patres eine Vielzahl von Schülern systematisch sexuell missbraucht hatten. "Mit tiefer Erschütterung und Scham", schrieb Mertes, "habe ich diese entsetzlichen, nicht nur vereinzelten, sondern systematischen und jahrelangen Übergriffe zur Kenntnis genommen." Einer der verdächtigen Patres hat die Vorwürfe eingestanden. Juristisch sind die Taten verjährt.
Von mindestens 100 Opfern in deutschen Jesuitenkollegs und katholischen Schulen spricht inzwischen die vom Orden mit der Untersuchung von Missbrauchsfällen beauftragte Berliner Anwältin Ursula Raue.
Auf Spreeblick, dem Blog von Johnny Haeusler, selbst Absolvent des Canisius-Kollegs, haben viele ehemalige Schüler Kommentare hinterlassen, die darauf schließen lassen, dass die Vorwürfe schulintern bekannt waren, aber ignoriert wurden. Karl Heinz Fischer, Rektor des Kollegs zwischen April 1981 und Juni 1989, bestätigte, dass ihm bereits 1981 Vorfälle bekannt wurden.
Eine Umfrage bei allen 27 deutschen Bistümern hat ergeben, dass seit 1995 mindestens 94 Kleriker und Laien unter Missbrauchsverdacht geraten sind, 30 davon wurden juristisch belangt und verurteilt
Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) hat das Thema inzwischen auf die Tagesordnung ihrer nächsten Vollversammlung gesetzt. Sie findet vom 22. bis zum 25. Februar 2010 in Freiburg statt. Die 65 Bischöfe wollen aber auch deutlich machen, dass es keinen Generalverdacht gegen Priester oder katholische Schulen geben darf
Der Berliner Rechtsanwalt Lukas Kawka erklärte zu den Vorfällen am Canisius-Gymnasium in Berlin: "Sollte sich bestätigen, dass ehemalige Schüler die amerikanische Staatsbürgerschaft haben, wäre eine Sammelklage in den USA, anders als in Deutschland, möglich. Die finanziellen Konsequenzen wären dann für den Jesuitenorden desaströs."
Die MC-Burg ist ein Seitengebäude des Canisius-Kollegs, das als eine Art Jugendzentrum für die Schüler fungiert. Aber Zawacki, der inzwischen verstorbene Schulleiter, sieht damals keinen Grund einzugreifen. "Meine Mutter hat dann zu mir gesagt, Junge, du gehst nie wieder in die MC-Burg. Ein halbes Jahr später habe ich die Schule verlassen - und es nie bereut."
Im Dezember 1975 ist Pater Peter R., einer von drei des jahrelangen sexuellen Missbrauchs beschuldigten Patres am Canisius-Kolleg, gerade drei Jahre dort als Religionslehrer und zwei Jahre als geistlicher Leiter der Freizeiten in der MC-Burg tätig. Der zweite, inzwischen geständige Täter, Pater Bernhard E., hat nur 1970/71 an der Schule unterrichtet. Der dritte, Pater Wolfgang S., ist erst 1975 als Sportlehrer ans Canisius-Kolleg gekommen. "Die Intervention meiner Mutter war eine Chance, die Übergriffe sehr frühzeitig zu beenden", sagt Thomas Henkel. "Aber geschehen ist nichts."
Gehandelt wurde erst 1981, als ein Abiturient einen Brief an den damaligen Rektor Pater Karl Heinz Fischer schickte und acht ehemalige und gegenwärtige Schüler die Schulleitung, den Orden und viele Eltern über R. informierten und darum baten, dass dieser "sich rechtfertige". Die Briefschreiber erhielten keine Antwort. Pater Peter R. leitete sogar noch eine Ferienfahrt. Ab Herbst 1981 durfte er nicht mehr am Kolleg unterrichten, 1982 wurde er nach Göttingen versetzt, wo er erneut Kinder missbraucht haben soll. Auch die anderen Täter wurden hin und her versetzt, wenn ein Verdacht auf sie fiel.
Seit der jetzige Rektor des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, im Januar die jahrelangen sexuellen Missbräuche per Brief an 500 Canisius-Absolventen der betroffenen Jahrgänge öffentlich machte, werden täglich neue Details des Skandals bekannt. Nachdem die Berliner Zeitung am Montag über vermutlich dreistellige Opferzahlen allein am Canisius-Kolleg berichtet hatte, räumte die vom Jesuitenorden eingesetzte Missbrauchsbeauftragte Ursula Raue ein, mehr als hundert Opfer seien ihr mittlerweile bundesweit an einigen katholischen Schulen bekannt. Aber nicht nur die zahlenmäßige Dimension des Falles wächst, immer klarer wird auch, dass der Orden offenbar viel früher als bisher zugegeben von den Taten gewusst haben muss, dass immer wieder Hinweise kamen. Aber niemand die Täter wirksam stoppte.
Am 23. Januar 2010, vier Tage, nachdem Pater Mertes die Ehemaligen informiert hat, schreibt Wolfgang S. aus seinem Versteck in Südamerika eine E-Mail an die Missbrauchsbeauftragte, die der Berliner Zeitung vorliegt. Darin erklärt er, die Akte über seinen Austritt aus dem Jesuitenorden 1991/92 umfasse mehr als 50 Seiten. Diese Dokumente, so schreibt S., "bringen unter immer wieder neuen Rücksichten meine Verfehlungen gegen Kinder und Jugendliche zur Sprache, wiederholen und überkreuzen sich dabei".
Im Jahr 1991 ging es möglicherweise um einen Deal. Da er erneut als Missbrauchstäter aufgefallen war, sollte S. seine Verbrechen offenlegen. Für ihn wurde ein Verfahren eröffnet, um den Orden zu verlassen. Er wurde dann weiter von der katholischen Kirche beschäftigt, allerdings weit weg, in Südamerika. Nun erklärt S., die damalige Akte umfasse einen ausführlichen Lebenslauf, "pflichtgemäß verfasst unter der Perspektive meiner besonderen Problematik". Außerdem eine schriftlich protokollierte offizielle Befragung durch den für ihn zuständigen Provinzoberen der deutschen Jesuiten. Und zuletzt das "pflichtgemäß handschriftliche persönliche Laisierungsgesuch an den Papst", also die Bitte um Entlassung aus dem Orden.