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Christoph Waltz im Interview: "Scheißegal, wie ich etwas spiele ..."

Der Schauspieler und Star aus "Inglorious Basterds" über Tarantino, "Tatort" - und die Kunst, einen kultivierten Unmenschen zu spielen. ( mit Trailer)

Christoph Waltz als Nazi-Oberst Hans Landa im Kinofilm Inglourious Basterds, der in dieser Woche in Deutschland in die Kinos gekommen ist.
Christoph Waltz als Nazi-Oberst Hans Landa im Kinofilm "Inglourious Basterds", der in dieser Woche in Deutschland in die Kinos gekommen ist.
Foto: dpa

Herr Waltz, als Sie kürzlich in Cannes für Ihre Rolle als SS-Schurke in dem neuen Film von Quentin Tarantino als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurden, überschlug sich die Kritik vor Lob: Win Weltstar sei geboren. War das nicht ein bisschen merkwürdig für einen preisgekrönten Film- und Theaterschauspieler, der immerhin schon seit fast 30 Jahren im Geschäft ist?

Na ja, ich war zumindest nicht völlig verblendet und bin es auch jetzt nicht. Ich stürze mich auch nicht voller Wollust auf alle Angebote, die mir aus anderen Ländern gemacht werden. Aber es entwickelt sich ganz gut. Schauen wir mal.

Zur Person

Christoph Waltz, 52, ist durch seine Nazi-Rolle in der Kriegsfarce "Inglourious Basterds" zum international gefragten Star geworden. Der gebürtige Wiener gilt als einer der vielseitigsten deutschsprachigen Theater-, Film- und Fernsehschauspieler; im Kino war er u.a. in der Komödie "Herr Lehmann" zu sehen.

Ein reizvolles Angebot kam erst mal aus Deutschland: Es hieß, Sie sollen den neuen "Tatort"-Kommissar aus Frankfurt spielen und hätten Interesse bekundet - unter der Voraussetzung, dass Sie alleine ermitteln.

Ich ermittle gar nichts, im "Tatort" nicht und auch sonst nirgendwo, weder alleine noch in der obligatorischen Gruppe.

Aber es ist ein schönes Beispiel für die neue Strahlkraft, die Sie nach Ihrer Arbeit mit Tarantino inzwischen haben. Allein die spärlichen Informations-Häppchen über Ihre mögliche "Tatort"-Verpflichtung haben für viel Wirbel gesorgt.

Möglicherweise ist es als schmeichelhaft zu bezeichnen, dass ein einziges, noch dazu sehr flüchtig geführtes Gespräch, das in erster Linie dazu gedacht war, meine Abneigung gegenüber diesen Wiederholungstaten auszuloten, solche Begeisterung auslöst, dass die Zeitungsenten gleich wild losflattern. Nochmal: Ich werde sicher kein "Tatort"-Kommissar werden. Das war eine Falschmeldung.

Herr Waltz, lassen Sie uns über Barbaren mit humanistischem Bildungshintergrund reden. Der von Ihnen gespielte SS-Oberst Landa in Tarantinos Film "Inglourious Basterds" ist nicht zuletzt deshalb so erschreckend, weil er ein überaus kultivierter Unmensch ist, der gute Manieren hat, fließend Italienisch, Französisch und Englisch parliert. Also kein Klischee-Nazi, wie wir ihn aus vielen Hollywood-Produktionen kennen. Haben Sie all diese Vorbilder intensiv studiert, um sich bewusst davon abzugrenzen?

Nein. Sicher, diese von Ihnen beschriebenen Nazi-Schurken, die ständig "Sieg Heil" brüllend durch die Filme laufen, kennen wir alle. Aber ich habe es tunlichst vermieden, diese Rollen zu analysieren. Meine einzige Inspiration war das Drehbuch von Tarantino - ein ganz eigenes und eigenwilliges Universum. Es hat mir unendlich viel Spaß gemacht, meinen Platz darin zu finden. Davon mal abgesehen, gibt es in der Filmgeschichte ja auch ganz großartige Darstellungen von Nazis ...

An wen denken Sie?

Na ja, jemand wie Oskar Werner in "Der letzte Akt". Der ist schlicht großartig.

Landa ist eine fiktive Figur, für die es im NS-Regime aber zahlreiche reale Vorbilder gab. Die Frage, wie sich das Gros der geistigen Elite eines Landes zu derartigen Grausamkeiten hat hinreißen lassen, wird immer wieder gestellt. Haben Sie für sich eine Antwort darauf gefunden?

Nein. Aber es ist interessant, wie ernst Sie diese Figur nehmen, weil einige Berichte nach der Premiere des Films in Cannes zunächst vor allem um die Frage kreisten, ob man Fakten und Fiktion aus Zeiten des Dritten Reiches so dreist mischen kann, wie Tarantino das gemacht hat.

Er lässt Nazis von jüdischen Guerilla-Kämpfern skalpieren und Hitler am Ende in einem brennenden Kino sterben.

Wichtig ist, dass ein Film in sich stimmig ist. Die Frage nach der historischen Authentizität ist für mich völlig irrelevant. Mich hat an meiner Figur vor allem beschäftigt, dass ich mein Urteil über die Rolle erst mal beiseite schieben. Nicht weil ich mir kein Urteil bilden könnte, sondern weil das Urteil den Zugang zur Rolle behindert. Man setzt beispielsweise die Uniform vorschnell mit der Person gleich. Und dann? Was mache ich dann damit? Was bringt das? Sowohl mir als Schauspieler als auch dem Zuschauer? Gar nichts. Karl Kraus hat das einmal "Weltanschauspieler" genannt. Und diese Weltanschauspielerei grassiert im Moment nicht nur in Deutschland. Das ist grauenvoll, tausendmal schlimmer als die Schweinegrippe. Ich wollte diese Weltanschauspielerei umschiffen. Und dabei bot mir Tarantinos Drehbuch ungeahnte, unverhoffte Betätigungsfelder - alles, wonach, man als Schauspieler immer sucht.

Aber Sie sind in dieser fiktiven Groteske auf einen interessanten Kern gestoßen - nämlich die ewige Frage, wie es möglich war, dass jemand wie Landa seine humanistische Prägung und sein Wissen in Unmenschlichkeit verwandelt. Der Kriegsverbrecher Radovan Karadzic, in seinem anderen Leben Psychiater, Kinderbuchautor und Romancier, wäre ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte.

Da haben Sie Recht. Wobei ich dem Karadzic jetzt die humanistischen Aspekte absprechen würde, einfach weil er ein rein orthodoxer Ideologe ist. Von dem SS-Mann Landa würde ich behaupten, dass er genau das nicht ist.

Landa ist Opportunist, der am Ende die Seiten wechselt, um sein Leben zu retten.

Er ist ein Konstruktivist. Aber um Ihre Fragen zu beantworten: Barbarei und Humanismus gingen immer schon zusammen. Nur sagt die Tatsache, dass Adolf Hitler gerne Wagner hörte und Wagner selbst ein wilder Antisemit war, überhaupt nichts über die Qualität seiner Musik aus.

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Datum:  20 | 8 | 2009
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