Sonne, Regen, warm und kalt - fast scheint es an diesem Tag, als habe sich das Wetter der Stimmung angepasst. Schrill, bunt und laut wummert die Parade zum Frankfurter Christopher Street Day durch die Innenstadt.
Lesben, Schwule und ihre Freunde sorgen auf 30 Wagen für ausgelassene Stimmung in der Community und unter mehreren zehntausend Besuchern, die für mehr als zwei Stunden die Straßen säumen. Lack und Leder, Puschel, Highheels, Federboas und wallende Kostüme - der Dresscode ist so vielfältig wie gewagt.
Alltagstauglich ist das selten, aber gerade das macht für viele die Faszination aus und ans Büro denkt heute sowieso keiner. "Yeah! Party!" schreien die einen von den Wagen.
Beate Wetzel hat ihre Mutter sowie die Tante aus Lippstadt zu Besuch. "Dass man das mal sieht! Wir kennen das sonst nur aus dem Fernsehen", staunen sie. "Toll" finden sie das Spektakel, so etwas hätten sie noch nie gesehen. Ein Foto nach dem anderen knipsen die beiden älteren Damen mit ihren Kleinbildkameras. Das ist der CSD als Party-Event - ein lustiges Feier-Wochenende und eine schöne Erinnerung im Fotoalbum so manch einer Familie.
Dass es da noch eine andere, ernste Seite gibt, wird auf vielen Transparenten deutlich, die die Teilnehmer für die traditionelle Demoparade gebastelt haben. "Mehr Party, weniger Hirn" lassen die Kritiker des kommerziellen Spektakels verlauten.
Anderen geht der Tod des Gründers des Frankfurter CSD nahe. Rainer Gütlich, der 1992 den ersten Frankfurter CSD auf die Beine gestellt hatte, nahm sich Ende Juni das Leben. "Lieber Rainer, danke für Alles" haben auch die Regenbogen-Polen auf ihr Transparent geschrieben.
"Er hat unseren Zusammenschluss vor drei Jahren ins Leben gerufen", erklärt Tomek Wosinski. Damals habe man polnische Homosexuelle zur Parade nach Frankfurt eingeladen. Einige Zeit habe er sogar mit Gütlich in einer Wohngemeinschaft gewohnt - und sei natürlich mit ihm befreundet gewesen. "Feiern werde ich heute nicht. Sein Tod überrascht mich noch immer und ist noch nicht bei mir angekommen."
"Sex ist käuflich, der Mensch nicht", "Lesbisch ohne Erklärung" oder "Alle Menschen sind gleich" - die Antworten auf das Motto, das in diesem Jahr mit "Sind wir schon angekommen?" eine Frage ist, sind fordernd. Ein "Ja!" ist auf keinem der Transparente zu lesen. "Wir brauchen die Gleichstellung - jetzt!", fordert der Lesben- und Schwulenverband Hessen in seiner aktuellen Kampagne, mit der er sich für die rechtliche Gleichstellung einsetzt und gegen religiöse Homophobie wendet.
Die Ergänzung des Gleichheitsartikels im Grundgesetz um den Satz "Niemand darf wegen seiner sexuellen Identität benachteiligt oder bevorzugt werden" sei eines der Ziele, erläutert Sprecher Ralf Harth.
An den Ständen der Aids-Hilfe in der Großen Friedberger Straße widmet man sich zur selben Zeit vor allem dem Thema Prävention. "Ich weiß was ich tu" heißt eine der Kampagnen, mit denen auch die Feierwütigen vor Ort über Partnerschaft und Fremdgehen informiert und an das HI-Virus erinnert werden sollen.
Teddybären, rote Schleifen und Tombola-Lose gibt es auch. "Die Resonanz ist sehr positiv", freut sich Helmut Dzubiel, der die Nachmittagsschicht hier übernommen hat. Das dichte Gedränge zeigt, dass das Interesse nach wie vor da ist.
Die Gesprächsrunde mit Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, Jürgen Banzer, dem hessischen Minister für Arbeit, Familie und Gesundheit, Renate Künast von den Grünen, Alexander Alvaro von der FDP und Barbara Höll, von den Linken ist ebenfalls gefragt. Podiumsdiskussionen und Partyrausch - auch das ist der Christopher Street Day in Frankfurt.