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Den teuflischen Kreis schließen

Luk Perceval mit Ingmar Bergman in Hannover

Auf allen vieren krabbelt die junge Frau im spärlich erleuchteten Zuschauerraum von oben über die Stuhllehnen auf die graue Eminenz in der braunen Strickjacke zu, die da am Regietisch, mittig zwischen Reihe 7 und 8, zusammengesunken ist, und flüchtet, als sie sich bewegt, zur Seite. "Ich habe dich gar nicht gesehen."

Die offensichtliche Lüge ist das Fanal für weitere Angriffsversuche, und weitere Lügen. Nicht, um ihm weh zu tun. Sondern um etwas herauszufinden. Warum hat er sie als Agnes in Strindbergs "Traumspiel" besetzt? Sie, die eigentlich zu jung dafür ist, die sich hilflos mit den umjubelten Vorgängerinnen in dieser Rolle herumschlagen muss. Die er ausgewählt hat, weil er sie in einem grauenvollen Stück gesehen und sich gesagt hat, so schlecht können nur hochbegabte Schauspielerinnen sein. Sie, die nicht Schauspielerin werden wollte, weil sie nicht werden wollte wie ihre am Alkohol verendete Mutter, die einst ihre Karriere hinschmiss, Kinder bekam und unglücklich wurde. "Hattet ihr ein Verhältnis?", fragt sie den Alten, den Freund des Vaters, der früher oft und plötzlich gar nicht mehr zu Besuch kam, und wird natürlich belogen.

Picco von Groote gibt dieser Anfängerin etwas Kindliches, Unscheinbares: die schlaksige Unfertigkeit einer Heranwachsenden, die ihre körperliche Wirkung herumlümmelnd ausprobiert und sich darüber erschreckt in ihrem Kapuzen-Sweatshirt verschanzt, und sie gewinnt ihre Kraft aus der Mutwilligkeit eines Kindes, das aus Wut und Angst vor Entdeckung ein Geheimnis zerstört. Lügen zerstört, indem es selber lügt, schreit, ins Wort fällt.

Wolf-Dietrich Sprenger ist ihr scheinbar überlegener Sparringpartner in diesem Kammerspiel, bei dem die Zuschauer in Hannover auf der Bühne sitzen und, anders als im danach entstandenen gleichnamigen Film Ingmar Bergmans, immer die Totale vor Augen haben. Hinter Brille und grauen Strähnen blitzen die Augen des alten Raubtiers, wenn er über das Wunder doziert, das sich im Theater vollzieht. "Eine Theatervorstellung entsteht, wenn drei Elemente vorhanden sind: das Wort, der Schauspieler, der Zuschauer. Das ist alles, was man braucht."

Um das zu untermalen, lässt Regisseur Luk Perceval stapelweise leere Seiten,sogar mit Hilfe der Windmaschine, herumfliegen, in denen die Schauspieler herumwaten. Damit ist der Boden bereitet für Oda Thormeyer, die als Mutter der jungen Schauspielerin und hysterisches Gespenst der dämmrigen Bühnenträume des Alten einen atemraubenden Auftritt hinlegt, verzweifelt fleht und schluchzt, besoffen pöbelt und ihn beinahe vergewaltigt, weil sie eine große Rolle will und doch nur seine Liebe bekommt. Und womöglich eine gemeinsame Tochter mit ihm hat, die junge Schauspielerin, die vorübergehend unbeteiligt in einem Zuschauerstuhl zusammen gesunken ist.

So ist der teuflische Kreis geschlossen, den Ingmar Bergman in seinem 1980 geschriebenen und später fürs schwedische Fernsehen in vielen Nahaufnahmen verfilmten Stück um die drei gezogen hat. Und es gibt wohl kaum eines unter seinen Beziehungsdramen, in dem so verdächtig häufig die Wahrheit behauptet wird, um ihr Gegenteil vorzuführen. "Nach der Probe" geht noch ein Stück weiter als etwa seine weltberühmten "Szenen einer Ehe", denn das Stück führt die Behauptung des Unwahren und Ausgedachten als Bedingung und Motor von Schauspiel und Leben gleichermaßen ein.

Bergmans zentrale Themen, das qualvolle Durchdeklinieren menschlicher Täuschungsmanöver und Missverständnisse zwischen Liebessehnsucht und Liebesscheitern, erscheinen hier fast wie in einem Selbstporträt des Regisseurs, der alle Beziehungsfallen kennt und dennoch, ratlos auf der Suche nach seiner Wahrheit, immer wieder hineintappen muss. Auch Bergmans Offenheit zum Medium Film, für das Bergman eine Durchlässigkeit zum Theater - und umgekehrt geschaffen hat, mag den Theatermann und Probenfilmer Perceval dazu bewogen haben, dem Meister des Psychodramas einfach zu folgen. Und das ist gut.

Freilich, zur deutschen Erstaufführung kommt Bergmans universeller und großartiger Text vor allem durch seine Beschäftigung des Theaters mit sich selbst. Die hat Hannovers nach Dresden scheidender Intendant Wilfried Schulz nämlich zum Abschiedsprogramm erhoben und zusammen mit dem künftigen Intendanten am Hamburger Thalia Theater, Joachim Lux, gleich zur Grundlage einer Koproduktion und damit eines Neuanfangs gemacht.

Luk Perceval, der zur nächsten Spielzeit von der Berliner Schaubühne als Oberspielleiter ans Hamburger Thalia Theater unter die Joachim Lux wechselt, kann mit diesem feinen Abend seinem Einstand beruhigt entgegensehen und trägt damit zum ehrgeizigen Ziel des Neu-Intendanten Lux bei, schon Ende September am Hamburger Thalia eine Repertoire mit zehn Inszenierungen zu bestreiten.

Schauspiel Hannover, weitere

Termine: 31. Januar, 8., 13. Februar.

Autor:  FRAUKE HARTMANN
Datum:  27 | 1 | 2009
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