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Der Besuch der verjüngten Dame

Der Amsterdamer Oper gelingt mit "Frau ohne Schatten" ein fulminanter Spielzeit-Einstieg

Andreas Homoki hat sich als Intendant der Komischen Oper Berlin immerhin einen solchen Ruf erworben, dass ihn die Schweizer auf einen der begehrtesten europäischen Intendantenposten berufen haben. Da mag dann in zwei Jahren die Berliner Opernszene im provinziellen Kleinklein versinken oder sich wie ein nationaler Phönix bei einem ja auch denkbaren Höhenflug die Flügel versengen - Homoki wird am Zürichsee mit Geldeinsammeln beschäftigt sein und einem Turbo-Opernhaus den Massenausstoß sichern.

Bei der Annahme dieses Angebotes, das man nicht ablehnen kann, wenn man bei Verstand und nicht ohne Ehrgeiz ist, haben vielleicht auch seine eigenen Erfahrungen als Regisseur eine Rolle gespielt: Zwar nicht in Zürich, aber immerhin in Genf hatte er 1992 seinen Durchbruch mit einer "Frau ohne Schatten". Die eigenwillig reduzierte Strauss-Produktion wurde zur Inszenierung des Jahres gekürt. Sie ging dann nach Paris und Barcelona.

Eigentlich ist es nicht unproblematisch, erfolgreiche Inszenierungen nach vielen Jahren wieder hervorzuholen, unter und mit der Zeit leiden nicht nur die Kulissen. Vor allem verblassen meist Frische und Intensität der Personenregie, wenn fleißige Assistenten aus Regiebüchern nacharbeiten und die Regisseure erst zum Schlussapplaus aufkreuzen. Verhindern können das nur die Regisseure selbst, wenn sie noch einmal in den Ring steigen.

Für Amsterdam wurde nun die schon etwas bejahrte Dame aus der Schweiz zum bejubelten Schmuckstück der aktuellen Saison. Mit einem nachgebauten Bühnenbild, überarbeiteten Kostümen, einer von den Vorzügen des Hauses inspirierten, höchst stimmungsvoll angepassten Lichtregie, vor allem aber mit sechs Wochen Arbeit des Regisseurs und eines ausgesuchten Protagonisten-Ensembles.

Unter Marc Albrecht fungierte diesmal das Nederlands Philharmonisch Orkest als Opernorchester der Nederlandse Opera im Muziektheater an der Amstel. Albrecht wahrte Transparenz im groß entfalteten Klang, umging Schwelgerisches, ließ sich aber mit Lust auf das düster Dräuende ein und konterkarierte das vor allem mit den Inseln traurig schöner Streicherpassagen.

Dass Evelyn Herlitzius mit allen dramatischen Strauss-Wassern gewaschen sein würde, war klar. Doch so sicher, ohne jede flackernde Schärfe, so ausgeglichen und dabei intensiv wie als Färbersfrau war sie noch selten zu erleben. Gabriele Fontana als durch Mitleid wissend gewordene Kaiserin war dazu ein komplementärer Glücksfall. Terje Stensvold als warm tönendem, exzellent artikulierendem Barak stand der aktuell als Bayreuther Stolzing und auch sonst auf Strahlemann abonnierte Klaus Florian Vogt gegenüber. Das ist sicher nicht unproblematisch; doch wie da einer mit lyrischem Schmelz und Format jedem Orchesteraufwallen mühelos und selbstverständlich begegnet, das fasziniert. Auch Doris Soffels Amme beeindruckt mit ihrer Intensität und sich steigernder Klarheit.

Bleiben Homokis Inszenierung und Wolfgang Gussmanns Bühne. Beides wirkt nicht aufgefrischt, sondern ist in der Tat frisch. Diese "Frau ohne Schatten", zwischen den schrägen Wänden mit den rätselhaften Zeichen, besteht mit ihrer minimalistischen Opulenz vor allem auf einer autonomen Ästhetik. Was in Zeiten von dramaturgisch überformtem Bühnentrash einerseits und den ganz verschiedenen Variationen von Neorealismus andererseits auf selbstbewusste Weise altmodisch wirkt. Mit einer Konsequenz, wie sie sonst vielleicht nur noch bei Robert Wilson oder auch Willy Decker anzutreffen sind, und zu der sich Homoki in seinen späteren Arbeiten auch nicht mehr durchzuringen vermag.

De Nederlandse Opera, Amsterdam: 5., 9., 12., 16., 20., 23., 28. September. www.dno.nl

Autor:  JOACHIM LANGE
Datum:  5 | 9 | 2008
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