Berlin. Das Wichtigste vorweg: Die Kanzlerin ist noch da, und es geht ihr offenbar prächtig. Inmitten der großkoalitionären Selbstzerfleischung, der Blockade beinahe sämtlicher gemeinsamer Vorhaben und des offenen Richtungsstreits in der Union konnte man zuletzt den Eindruck gewinnen, Angela Merkel habe sich aus dem operativen Regierungsgeschäft zurückgezogen. Sechzig Minuten lang bemühte sich die CDU-Vorsitzende gestern Abend in der ARD-Talkshow "Anne Will", das Gegenteil zu beweisen.
Im cremefarbenen Sakko, mit locker übereinander geschlagenen Beinen und einem Dauerlächeln auf den Lippen ließ Merkel gleich zu Beginn die vermeintlich kritische Frage der Moderatorin über ihre "Teflon-Strategie" an sich abtropfen: "Die Frage passt nicht zu dem, wie ich denke." Ruhig und gelassen konterte sie auch Mutmaßungen über ein vorzeitiges Ende der großen Koalition "das wäre absurd" und den Ruf nach einem Machtwort. "Jeder hat so seine Art, zurückzuschlagen", sagte sie süffisant. Selbst die in einem Einspielfilmchen dokumentierte Ratlosigkeit eines CDU-Ortsverbandes über den Kurs der Kanzlerin lächelte sie weg.
Ein Klaps für SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, der nicht so viel "rummosern" solle, ein Seitenhieb gegen den Wunschkoalitionspartner FDP, der sich bei der Pleitebank HRE einen "schlanken Fuß" mache, so gab Merkel ganz die pragmatische Landesmutter. Weil Anne Will einfühlsam-psychologisch, doch niemals hart in der Sache fragte, blieben inhaltliche Widersprüche unerkannt. Wie soll der Staat gleichzeitig "mehr Freiraum und Eigenverantwortung" bieten und doch "Exzesse" der Märkte verhindern? Weshalb lehnt Merkel die Neuordnung der Jobcenter, die sie selbst anstieß, nun ab? Weshalb stockt der Kampf gegen die Steuerflucht, obwohl die Regierungschefin eine stärkere Regulierung fordert?
Leider war in dieser Sendung ganz untypisch nur ein Gäste-Stuhl besetzt, und so durfte Merkel zu erwartbaren Stichworten wohlklingende Antworten geben. Opel? "Wir werden als Staat auch helfen, aber der Staat wird nicht der bessere Unternehmer sein." Manager-Boni? "Unpassend" Zumwinkel-Pension? "Jenseits dessen, was man sich vorstellen kann." Papst-Kritik? "Notwendig." Das alles brachte Merkel nicht zufällig Studio-Applaus ein. Über weite Stecken war die Kanzlerin eine von uns, die auch nicht vergaß, dem Opel-Arbeiter noch einen schönen Hochzeitstag zu wünschen.
"Mal bin ich liberal, mal bin ich konservativ, mal bin ich christlich-sozial", kokettierte der Studiogast mit seinem Pragmatismus. So gesehen war es dann fast schon wieder konsequent, dass Anne Will keine Vertreter von anderen Parteien eingeladen hatte. Kritiker haben den Führungsstil der CDU-Politikerin wiederholt als "präsidial"bezeichnet. Dafür lieferte Merkel nicht nur indirekt, sondern durch einen zweifachen Versprecher sogar expressis verbis einen weiteren Beleg, als sie sich als "deutsches Staatsoberhaupt" bezeichnete. Der Posten ist bekanntlich schon besetzt und soll im Mai erneut an Horst Köhler vergeben werden. Angela Merkel wird also noch mindestens bis zum September eine Regierung führen und die Krise meistern müssen. Ob sie dafür die Richtige ist? "Ja, ich glaub' schon", antwortete sie mit einem spitzbübischen Lächeln.