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Die simple Wahrheit

Stéphane Bittouns "Family Affairs 2274" weiß in Mainz eine ernüchternde Botschaft unterhaltsam zu vermitteln

Es gibt mehrere Möglichkeiten, das Konzept von Familie - jedes noch so erfreuliche Konzept von Familie - in einem unbekömmlichen Licht erscheinen zu lassen. Stéphane Bittoun wählt auf der TiC-Studiobühne des Mainzer Staatstheaters mit seiner "Filmrecherche" unter dem Titel "Family Affairs 2274" die definitiv unterhaltsame Variante. Dass wir dabei einer Demontage beiwohnen, muss uns nicht bekümmern. Man kann lachen und Filme raten: "Logan's Run", dazu eine Kombination aus "Couchgeflüster", "Denn sie wissen nicht, was sie tun", "Die Royal Tenenbaums" und "The Virgin Suicides".

"Sandmann" Logan 5 ist, kurz gesagt, im Jahre 2274 für die Erschießung flüchtiger 30-Jähriger zuständig, welche nicht bereit sind, sich in einem dubiosen Karussell abmurksen zu lassen. Im Rahmen einer Geheimmission verlässt er die Glocke, unter der die U30 ein appetitliches, aber kurzes Leben führen, und spürt dem Versteck der Flüchtigen nach. Familien sind inzwischen keine Affäre mehr, weil es sie nicht mehr gibt. Auf seinen Recherchen aber stößt er auf alte Dokumente aus dem 20./21. Jahrhundert. Sie berichten von einem Vater, der seinem pubertierenden Sohn nicht zu helfen weiß, und von einem, der nur zwischendurch kurz hilft. Von einer Mutter, deren Sprössling zu ihrem Schockement eine ältere Frau aus einer anderen Glaubensgemeinschaft liebt. Von den Mädchen aus dem frommen Haushalt, die sich alle das Leben nehmen und uns im Kino damals fassungslos machten. Hier, nun ja, hat es zumindest eine groteske Seite.

Denn in der Machart dokumentiert "Family Affairs 2274", wie gewieft das Theater inzwischen mit Filmeinspielungen umgehen kann (kann!). Bittoun, der aus der freien Szene kommt sowie auch Erfahrung mit regulären Spielfilmen hat, und die sehr guten Darsteller des Staatstheaters sind dafür eine tolle Mischung. Abwechselnd und gleichzeitig ist auf der von Britta Kloss mit einem Minimum an Kunstrasen und Rollbänken ausgestatteten Bühne und auf der vollmondigen Leinwand also zu sehen: wie Joachim Mäder und Gregor Trakis à la Raumschiff Enterprise reden und schießen; wie Zlatko Maltar James Dean spielt; wie Andrea Quirbach Verena Bukal therapiert & manipuliert; wie Monika Dortschy einen Song aus "Yentl" so gut wie selbst singt. Die Darsteller machen kein Hehl daraus, dass das für sie ein Spaß ist, und eine Maskerade, bei der jeder zeigt, was er drauf hat. Das Risiko, dass dieser Theaterstück Lust aufs DVD-Ausleihen macht, nehmen alle Beteiligten in Kauf.

Mit der Familie aber ist es ein Debakel. Ohne sie ist es ebenfalls ein Debakel. Das ist die niederschmetternde Auskunft, die Bittoun uns nach seinen Recherchen gibt. Dass sie simpel klingt, macht sie nicht weniger wahr. Tröstlich bleibt, wie heimisch wir in unserem Jahrhundert sind.

Staatstheater Mainz, TiC: 25. Januar, 3., 10., 16. Februar.

Autor:  JUDITH VON STERNBURG
Datum:  24 | 1 | 2009
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