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Einsatz gegen Rockerbande
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Die Sterne mit neuer CD: Per Disco auf Distanz zu Hamburg

Der universale Beat, der alle Menschen gleich macht: Die Sterne und ihre neue CD "24/7": Die Band, schon immer am Rhythmus orientiert, entfernt sich mit dieser Platte von der Hamburger Schule. Von Thomas Winkler

Im Benz in die Disco: Die Sterne
Im Benz in die Disco: Die Sterne
Foto: Materie Records

Es ist Krise und auf nichts mehr Verlass, nicht mal mehr auf Die Sterne. Auf "24/7" wird aus der Rockband eine Disco-Kapelle. Fordernde Beats liegen unter den Stücken, ein elektronischer Groove dominiert, und die Bässe rollen. Darüber erheben sich bisweilen immer noch Gitarren und natürlich Frank Spilkers Gesang, vor allem aber eine rotierende Glitzerkugel. Die Sterne sind also noch wiederzuerkennen, aber der von ihnen gewohnten norddeutschen Unterkühltheit bringen sie nun gehörig das Schwitzen bei.

Ein Wandel, der mit Richard von Schulenburg ein Opfer forderte. Der Tastenmann verließ die Band aufgrund der, wie es dann immer heißt, künstlerischen Differenzen durchaus im Unfrieden. Ein Wandel, der auch dadurch zustande kam, dass Die Sterne nun stattdessen mit Mathias Modica zusammen arbeiten. Der betreibt sonst in München zusammen mit Jonas Imbery das Label Gomma, das internationale Beachtung fand mit sauber produzierten, bisweilen vielleicht etwas zu klinischen Dance-Tracks.

Vor allem aber ein Wandel, mit dem Die Sterne - ein Widerspruch nur auf den ersten Blick - wieder zu sich finden. Waren sie doch schon immer, verglichen mit Kollegen wie Blumfeld oder Tocotronic, eine Rockband, die viel Wert auf den Rhythmus legte. Zwar wurden sie meist wahrgenommen als Sprachrohr für Spilkers zu Parolen neigenden Texten, aber immer fanden sich auf den CDs auch Instrumentals, in denen eine rhythmische Figur bisweilen so lange erforscht wurde, bis es öde wurde. Einer der ersten Artikel über die Band im Magazin Spex hieß: "Wo der Bartel den Groove holt". Die Sterne waren schon 1993 auf ihrem Debüt-Album "Wichtig" eigentlich eine Funkband. Nun entstehen die Beats am Computer, der Groove aber ist grundsätzlich noch der gleiche. "Eine ästhetische Veränderung", stellt Spilker klar, aber "kein Neuanfang, keine Revolution".

Vormann Spilker beibt sich treu

Auf diesen neu instrumentierten Groove als Fundament bauen Die Sterne nun das alte Haus. Denn inhaltlich bleibt Spilker seiner Linie treu. Er setzt die vor Jahren begonnene Erzählung fort und schlüpft in die Körper der Bewohner des modernen Niedriglohnsektors, versetzt sich in die Köpfe des stets flexiblen Menschenmaterials, auf das der moderne Kapitalismus baut, empfindet noch einmal die Ohnmacht der kreativen Honorarsklavenmasse nach. Die Festung Europa ist dicht, neue Armut breitet sich aus, und vermeintlichen Reichtum gibt es an der Ecke auf Pump. Die einen "ficken ohne Kondom", die anderen zählen "tausend Leichen in der Stadt der Reichen". Alles hängt mit allem zusammen und man muss aufpassen, dass man nicht ausgeschlossen wird.

Trotz dieser inhaltlichen Kontinuität darf man aber gespannt sein, wie das Stammpublikum der Sterne auf die stilistische musikalische reagieren wird. Ein erster Test beim kleinen Immergut-Festival in Neustrelitz misslang bereits: Ausgerechnet zu den neuen elektronischen Rhythmen wollten die Sterne-Fans nicht tanzen. Nicht wirklich eine Überraschung: Ist doch in weiten Kreisen der Indie-Gemeinde der Genrebegriff "Disco" immer noch ein Schimpfwort, Synonym für Oberflächlichkeit und Eskapismus.

Die in den schwulen Clubs New Yorks in den späten siebziger Jahren geborene Utopie vom radikal-toleranten Tanzboden, der keine Rassen oder Geschlechter mehr kennt, ist dort ebenso wenig verstanden worden wie die ähnlich egalitären Ideale der Techno-Szene in den Neunzigern.

Es sind aber genau diese Traditionen, auf die sich Die Sterne mit "24/7" beziehen. Mit der Zeile "Ich wechsel den Schritt, ich mache nicht mit" findet Spilker ein schönes Bild für die musikalische Volte seiner Band im Besonderen und das subversive Potenzial eines ansteckenden Rhythmus im Allgemeinen. "Investieren" reimt sich bei Spilker auf "demonstrieren", während ein fordernder Beat Leben in den Protest pumpt.

So distanzieren sich Die Sterne mit diesem Album endgültig von der Hamburger Schule, von der wohlfeil distanzierten Ironie des so genannten Diskurspop. Stattdessen reihen sie sich ein in eine Traditionslinie, die weit zurückreicht bis zu Marvin Gayes "What´s Going On" und "There´s A Riot Goin´ On" von Sly & The Family Stone. Und das sind ja nun wohl wirklich ehrenwerte Referenzen. Also immerhin auf Die Sterne bleibt weiterhin Verlass.

Die Sterne: "24/7" (Materie/ Rough Trade)

Autor:  Thomas Winkler
Datum:  1 | 3 | 2010
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