Sie verpasste die Olympischen Winterspiele in Vancouver, weil sie unter Dopingverdacht stand. Nun bahnt sich eine Ehrenrettung für Eisschnellläuferin Claudia Pechstein an. Gerhard Ehninger, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie, will am Montag in Berlin zusammen mit zwei Experten - Winfried Gassmann aus Siegen und Wolfgang Jelkmann aus Lübeck - belegen, dass Pechsteins erhöhte Retikulozytenwerte medizinische Gründe haben.
Bei Retikulozyten handelt es sich im junge rote Blutkörperchen (Erythrozyten), die im Knochenmark gebildet werden und ins Blut wandern. Dort reifen sie innerhalb von zwei Tagen zu normalen roten Blutkörperchen heran. Eine Erhöhung von roten Blutkörperchen ist im Sport von Vorteil, weil dadurch der Sauerstofftransport deutlich verbessert wird. Natürlicherweise kann dieser Prozess durch Training im Hochgebirge erreicht werden. Verboten ist das Doping mit Epo (Erythropoetin), das die Anzahl der roten Blutkörperchen erhöht.
Bei Claudia Pechstein, das lassen erste Angaben von Professor Ehninger in der Süddeutschen Zeitung vermuten, liegt eine angeborene Kugelzellanämie (Sphärozytose) vor. Bei dieser Form der Blutarmut trägt ein Defekt in der Zellwand der Blutkörperchen dazu bei, dass sie nicht plattgedrückt, sondern kugelförmig aussehen. Die kugeligen Blutkörperchen werden normalerweise in der Milz verstärkt abgebaut, so dass es zu einer schweren Blutarmut kommt.
Bei länger andauernden leichteren Formen dieser Krankheit überkompensiert der Körper manchmal den Defekt. Es kommt zu einer stark gesteigerten Neubildung von Retikulozyten und damit roten Blutkörperchen. Die Kugelzellanämie ist erblich und unter Nordeuropäern sehr häufig, sie betrifft in den schweren Formen nach Schätzungen etwa zwei von 10000 Menschen. Typische Symptome sind Müdigkeit, Atemnot und mangelnde Leistungsfähigkeit. Für eine Leistungssportlerin also genau das Gegenteil dessen, was erwünscht ist. So müsste Pechsteins Körper über jene erstaunliche Gegenstrategie verfügen, die sie zur Ausnahme-Eisschnellläuferin gemacht hat. Pechsteins Blutbild sei typisch für die Kugelzellanämie, aber eben nicht für Doping mit Epo, so Ehninger, der zunächst selbst zu den Skeptikern gehört hatte. Umso mehr Gewicht kommt jetzt seinem Gutachten zu.
Der Fall Pechstein sorgte für erbittertem Streit unter Medizinern. Der Heidelberger Dopingjäger und Zellbiologe Professor Werner Franke sah klare Indizien für Blutdoping. Menschen mit Kugelzellanämie könnten teilweise noch nicht einmal längere Spaziergänge machen, ohne dass es sie anstrenge, meinte er. Mit einer solchen Krankheit sei Leistungssport unmöglich.
Heftige Kritik
Manch Wissenschaftler scheint gar mit sich selbst im Clinch zu liegen. Der Dopingforscher Fritz Sörgel hielt Pechstein zu Beginn der Affäre im Juli 2009 eher für unschuldig ("Es wäre grob fahrlässig, bei Pechstein von Doping zu sprechen"), am Freitag kritisierte heftig er die Wissenschaftler, die den Nachweis für Pechsteins Unschuld gefunden haben wollen: "Das Vorgehen hat mich schon etwas schockiert, wenn sich solche exzellenten Fachleute auf eine Ebene mit Pechstein stellen. Ein bisschen mehr Distanz wäre angebracht gewesen." An eine juristische Wende glaubt Sörgel nicht. "Dafür reichen die neuen Erkenntnissen nicht aus. Die Möglichkeit physiologischer Ursachen für die Blutwerte war bereits in früheren Verhandlungen schon Thema."