Berlin. Stimmgewaltig donnerte Egon Krenz durch den Saal. "Ich habe nie um Gnade gewinselt", rief der frühere DDR-Staats- und SED-Parteichef. Er sei gegen eine Verteufelung der DDR und die Ausgrenzung von Ostdeutschen. Applaus, Bravorufe. Knapp 300, zumeist ältere Ex-Mitstreiter, waren am Mittwochabend in das Gebäude des früheren SED-Blattes "Neues Deutschland" in Berlin gekommen, als der Ex-Spitzenfunktionär sein Buch "Gefängnis-Notizen" vorstellte. Der "Kronprinz Erich Honeckers" war wegen seiner Mitverantwortung für den Tod von vier DDR-Flüchtlingen im August 1997 zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Das sah er stets als "Siegerjustiz".
Aus den Gefängniserinnerungen zitierte der frühere Funktionär nur kurz, vielmehr nutzte er den selten gewordenen öffentlichen Auftritt zu einem Rundumschlag - gegen "Strafrenten für politisch Verfolgte" und zum Dank für die Solidarität während der Knastzeit. Krenz war 2003 nach knapp vierjähriger Haft vorzeitig auf freien Fuß gekommen, die Reststrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Mit seinen Klagen gegen die Strafe scheiterte er auch vor dem Europäischen Gerichtshof.
"Ich habe nach dem Grundsatz gehandelt: Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt", sagte der 71-Jährige, der heute im mecklenburgischen Dierhagen lebt. Fast wehmütig machte er einer jungen Frau Mut, die ihre Kindheit in der DDR als "sauber, ordentlich und mit Kinderfesten" beschrieb. "Sie werden noch erleben, dass der Kapitalismus nicht das letzte Wort der Geschichte ist."
Bei Opferverbänden machte sich rasch Entsetzen über den Krenz-Abend breit. "Ich finde es eine Unverschämtheit, dass einer der Hauptverantwortlichen für die SED-Verbrechen sich so präsentieren kann", empörte sich am Donnerstag der Leiter der Stasiopfer- Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe. "Das ist für die Opfer nur schwer zu ertragen", sagte er der Deutschen Presse-Agentur dpa.
Bundespräsident Horst Köhler habe den Ausschlag für das Buch gegeben, meinte Krenz genüsslich. Köhler habe gesagt, dass die DDR- Geschichte nicht verklärt werden dürfe. Nun wolle er aufklären - "gegen Lüge und Verleumdung, gegen Geringschätzung und Häme", verkündet Krenz in dem Buch aus der Eulenspiegel Verlagsgruppe.
Jedoch räumte er ein: "Nicht alle Westdeutschen sind DDR-Hasser." Im schwarzen Jackett, aber ohne Krawatte, unterbreitete Krenz einen Vorschlag zum Gedenken an den 20. Jahrestag des Mauerfalls: "Machen wir doch die DDR nicht schlechter als sie war und die Bundesrepublik nicht besser als sie ist." Eine Einteilung der Gesellschaft in Täter und Opfer akzeptiere er nicht. Der ehemalige DDR-Spitzenmann schien mit sich im Reinen: "Meine Verantwortung für den Untergang der DDR ist vor keinem bürgerlichen Gericht verhandelbar." "Wer in der DDR gelebt hat, der braucht sich seines Lebens nicht zu schämen", sagte Krenz, der nach dem Sturz des Staats- und Parteichefs Honecker im Oktober 1989 die Macht in der DDR übernommen hatte - allerdings nur für wenige Wochen. Von der DDR sei kein Krieg ausgegangen, die Wende sei friedlich verlaufen, rechtfertigte er sich erneut und ließ erkennen, dass er wesentlichen Anteil an der Maueröffnung gehabt habe: "Das waren harte Stunden, das war kein Volksfest für mich", sagte Krenz. Nur das besonnene Handeln der DDR- Grenztruppe habe "Deutschland und vielleicht sogar der Welt den Frieden gerettet", beschwor Krenz die Zustimmung nickenden Zuhörer.
Dann plauderte Krenz über seinen damaligen Mitstreiter Günter Schabowski. Der habe am 9. November 1989 die Öffnung der DDR-Grenze "aus Unkonzentriertheit" im Alleingang um Stunden zu früh verkündet.
Er habe an dem Abend erst gegen 21 Uhr davon erfahren, sagte Krenz. "Da wurde die Grenze durch eine Fernsehsendung geöffnet und niemand wusste davon." Damals hatte Schabowski als Mitglied des SED- Politbüros, dem höchsten DDR-Machtzirkel, der Presse gegen 19.00 Uhr erklärt, dass DDR-Bürger ab sofort frei reisen könnten.
Für den 10. November 1989 wären die Befehle zur Grenzöffnung dagewesen, sagte Krenz. Mit der Reisefreiheit sollte nach seiner Darstellung die DDR reformiert werden. Für Schabowski, der nach der Wende von seiner politischen Vergangenheit abgerückt war, hat Krenz nichts mehr übrig: "Entweder hat er damals geheuchelt, oder er heuchelt heute." In der Diskussion meldete sich auch ein Mann zu Wort, der in der DDR als 19-Jähriger wegen "versuchter Republikflucht" eine Haftstrafe bekam. Wie er das finde, wandte er sich an Krenz. Der einstige SED- Spitzenmann meinte lapidar, es habe auch ungerechte Urteile gegeben. "Aber manche haben auch mit gutem Grund gesessen." Auch das wurde von den Krenz-Anhängern beklatscht. (dpa)