Herr Funkel, Ihre beiden besten Fußballer, Ioannis Amanatidis und Chris, fallen lange aus. In Cottbus sitzen die Nachwuchsspieler Timothy Chandler, Jürgen Mössmer, Juvhel Tsoumou und Kreso Ljubicic auf der Bank. Können Sie so in der Bundesliga bestehen?
Das ist unfassbar, das sind nur schwer zu verdauende Schläge. Dass es gerade unsere beiden Leitwölfe und Führungsspieler trifft, ist ganz bitter. Das ist schon eine schwierige Situation, weil wir solche Spieler einfach nicht ersetzen können. Wir müssen jetzt die Spieler stärken, die uns zur Verfügung stehen. Aber eines ist klar: Wir stecken mitten im Abstiegskampf.
Friedhelm Funkel, 54, wirkt im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau im VIP-Bereich des Frankfurter Stadions locker und gelöst. Die Erleichterung über den ersten Saisonsieg ist ihm auch Tage später noch anzumerken, er redet ohne Punkt und Komma, mehr als eine Stunde nimmt er sich Zeit. Funkel ist kampfeslustig. "Du darfst dich niemals verbiegen, du musst authentisch bleiben, immer du selbst", sagt er.
Der Eintracht-Trainer steht vor seiner schwierigsten Situation in Frankfurt. Fast alle Leistungsträger fallen lange aus. Mit nur 17 Spielern, darunter vier Nachwuchsleuten, ist er nach Cottbus geflogen. An Verstärkung denkt er dennoch nicht: "Wir holen jetzt bestimmt keinen arbeitslosen Spieler."
Cottbus: Tremmel - Pavicevic, Radeljic, Cvitanovic, Ziebig - Kukielka, Rost - Sörensen, Skela, Iliev - Jelic.
Frankfurt: Nikolov - Ochs, Galindo, Russ, Spycher - Steinhöfer, Inamoto, Fink, Korkmaz - Liberopoulos -Fenin.
Schiedsrichter: Kircher (Rottenburg).
Der Eintracht fehlen: Amanatidis (Meniskusriss), Chris (Kapselbandriss), Köhler (Außenbandschaden im Knie), Mahdavikia (Knöchelprellung), Preuß (Knieoperation), Vasoski (Trainingsrückstand), Bajramovic (Reha), Meier (Knieoperation), Bellaid (Muskelfaserriss in den Adduktoren), Toski (Leisten-Probleme), Krük (Fuß-OP).
Das sagen Sie so frank und frei heraus?
Ja, klar. Wir reden nichts schön und sagen: Ach, wir sind zu gut, um abzusteigen. Nein, wir sind dann gut, wenn alle zu 100 Prozent zur Verfügung stehen. Aber so wissen wir, was die Stunde geschlagen hat. Und das ist der Unterschied zu den Nürnbergern. Die haben am 25. Spieltag noch immer nicht geglaubt, dass sie im Abstiegskampf sind und wirklich absteigen können. Wir wussten das schon am sechsten Spieltag. Das sprechen wir offen aus, weil es die Wahrheit ist. Unser Ziel kann erst mal nur sein, drei, vier, fünf Mannschaften hinter uns zu lassen. Alles andere wäre Träumerei.
Abstiegskampf - da sind Sie ja ganz in Ihrem Element.
Glauben Sie mir: Mir wäre es lieber, wir stünden auf dem neunten Platz und ich könnte daran feilen, das Team weiterzuentwickeln.
Dabei hatten Sie sich gerade das vorgenommen: Die Mannschaft fußballerisch zu verbessern. Weshalb ging dieser Schuss nach hinten los?
Wir wollten attraktiver spielen, besser und schneller von hinten heraus. Aber wenn wir mit Hindernissen und Handicaps zu tun haben, dann geht es nicht. Und vielleicht war es ein Stück zu früh, das von der Mannschaft zu erwarten. Das muss ich mir eingestehen. Wir wussten nicht, wie etwa ein Bellaid einschlägt. Jetzt wissen wir, dass er Zeit braucht. Und man hat gegen Karlsruhe gesehen, dass es eine unglaubliche Festigung der Abwehr war, einen erfahrenen und wertvollen Spieler wie Chris an die Seite von Marco Russ zu stellen. Sein Ausfall trifft uns hart.
Das Eintracht-Spiel ist geprägt von einer ziemlichen spielerischen Armut. Weshalb?
Wir können uns nicht so gut vorne durchsetzen. Die Spieler, die die kreativen Momente ins Spiel bringen, fehlen. Aber was soll ich machen? Die Spieler, die da sind, können es eben nur begrenzt. Das Kreative bleibt ein bisschen auf der Strecke. Und jetzt merkt man erst, wie sehr uns Alexander Meier fehlt. An allen Ecken und Enden.
Hinter Ihnen liegen turbulente Wochen, Sie sind teilweise sogar angefeindet worden. Hat Sie das irgendwie verändert?
Nein. Und das darf es auch nicht. Ich spüre eine unglaubliche Gelassenheit, die ist auch nicht gespielt oder aufgesetzt. Man muss der Mannschaft gegenüber so auftreten wie immer. Sonst verliert man seine Glaubwürdigkeit. Und die Spieler müssen wissen, dass da einer steht, der seinen Weg kerzengerade geht. Der keine Angst hat, seinen Job zu verlieren. Der keine Angst hat, wenn die Zuschauer pfeifen oder Funkel raus rufen. Das verunsichert nicht mich, sondern die Spieler. Darüber sollten die Fans mal nachdenken. Ich stehe ruhig da und lasse das an mir abprallen. Aber wenn nach dem Tor zum 1:1 diese Rufe derart laut ertönen, dann fällt mir dazu nichts mehr ein. Da hält sich mein Verständnis in Grenzen.
Woher nehmen Sie Ihre Ruhe?
Das Trainerteam steht mit Heribert Bruchhagen und Bernd Hölzenbein ganz eng zusammen. Das gibt mir diese Kraft. Und wir wissen genau, was wir wann zu tun haben. Ich weiß das auch. So viel Vertrauen und Respekt habe ich noch nirgends gespürt, und ich weiß, dass dieses Vertrauen ehrlich ist.
Wissen Sie jetzt, wer Ihre Freunde sind?
Das wusste ich schon vorher. Mir stehen viele Menschen zur Seite, die mir alles Glück dieser Erde wünschen. Vor dem Spiel gegen den KSC habe ich 70, 80 SMS bekommen. Da waren ehemalige Spieler dabei, aktuelle Bundesligatrainer und -manager. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Ich kann nicht allzu viel falsch gemacht haben in meiner Karriere.
Hand aufs Herz: Dachten Sie, Sie werden entlassen, wenn es gegen den KSC schiefgeht? Hing es am seidenen Faden?
Das ist ja jetzt hypothetisch. Aber es ist grundsätzlich so, dass die Situation sehr schwierig war. Und ich habe mich auch gefragt: Kannst du das noch länger aufrecht halten? Macht es noch Sinn? Kannst du noch länger mit der Mannschaft arbeiten? Diese Fragen stelle ich mir sehr wohl. Nur: Der Zeitpunkt, an dem ich mir eingestehen muss, dass es besser ist, wenn ein anderer Trainer kommt, der ist eben noch nicht da. Vielleicht kommt er auch nicht. Und ich bezweifel nicht ein Prozent, dass die Mannschaft hinter mir steht. Die Mannschaft hat mich noch nie hängen lassen.
Dennoch: Einige Spieler stagnieren in ihrer Entwicklung.
Daran müssen wir arbeiten. Aber das hat auch mit der Situation zu tun. Die Spieler sind nach außen hin immer sehr selbstbewusst. Aber wenn sie dann vor 50 000 Zuschauern spielen, die schnell unzufrieden sind, ist dieses Selbstvertrauen plötzlich wie weggeblasen. Darüber haben wir auch im Trainingslager gesprochen. Ich habe ihnen gesagt: Dagegen müsst ihr euch wehren, da müsst ihr den Leuten trotzen. Da hilft es nicht, in Selbstmitleid zu verfallen. Die Spieler müssen sich bewusst machen, dass es weitaus schlimmere Dinge im Leben gibt.