Es ist in Lauterbach die gleiche Dachkonstruktion wie die der Eissporthalle in Bad Reichenhall, die vor knapp zwei Jahren eingestürzt war: Die Halle in der Vogelsberg-Kreisstadt ist in schlechtem Zustand. "Die Risse im Holz haben sich binnen Jahresfrist verdoppelt", teilt der Sprecher des Vogelbergkreises mit.
Seit knapp zwei Jahren ist das Problem bekannt. Jetzt hat die Bauaufsicht die Notbremse gezogen: Entweder die Stadtwerke messen ständig elektronisch die Dachlast und Feuchtigkeit - oder die 1990 erbaute offene Halle muss beim nächsten Schneefall schließen.
Große Hallen, Kliniken, Schulen, Heime sind Sonderbauten. Sind sie privat, so unterliegen sie der Kontrolle der unteren Bauaufsicht, die in den Landkreisen oder kreisfreien Städten angesiedelt ist.
Sind sie öffentlich, haben die Kommunen die Überwachung selbst zu verantworten. Die Gebäude müssen alle fünf Jahre anhand einer neuen Checkliste kontrolliert werden, Fußballstadien alle drei Jahre. Kritiker bemängelten, dass diese Inaugenscheinnahme nicht ausreiche.
Nach dem Unglück von Bad Reichenhall hat das Land Hessen acht Monate später veranlasst, alle acht Eissporthallen im Land zu überprüfen.
Die Stadtwerke halten die Auflage für unsinnig. Sie wollen per Hand Messungen an dem von ihnen betriebenen Gebäude vornehmen. Findet sich kein Kompromiss, wird die jährlich 50.000 Besucher zählende Eissporthalle zum 1. Dezember schließen; zum Nachteil der Tourismusindustrie, des Eissportvereins und des Nachwuchses der Kassel Huskies: Das Team trägt mangels Hallenkapazität ihre Bundesliga-Heimspiele auch in Lauterbach aus.
Egal wie sehr Gemeinwesen und Wirtschaft darunter leiden: Bei Bedenken zur Sicherheit müssen Bürgerhäuser oder Sporthallen zur Vorsicht geschlossen werden. Das hatten Hessens Wirtschaftsministerium und die Kommunen nach dem schlimmen Unglück in Bayern mit 15 Toten versichert. Und auch versprochen, dass die Kontrollen in Hessen künftig besser würden.
Im August 2006 gab Wiesbaden einen Erlass heraus, woraufhin alle acht Eissporthallen im Land überprüft wurden. "Größere Schäden wurden nur an Hallen mit Dächern aus Holz festgestellt", so ein Sprecher des Ministeriums - und zwar in Viernheim, Bad Nauheim und Lauterbach.
Dort wurde die Dachkonstruktion sogar schon Anfang 2006 unter die Lupe genommen. Ergebnis: Um sie für die nächsten 15 Jahre fit zu machen, müsste der Steuerzahler 1,2 Millionen Euro berappen - zu viel für die finanziell gebeutelte Stadt.
Nächstes Jahr soll Fördergeld beim Land beantragt werden, sagt Dieter Heß, der Chef der Stadtwerke, die gestern Widerspruch gegen den Bescheid des Kreises eingelegt haben.
Mit dem Lauterbacher Stefan Winter haben die Stadtwerke einen Gutachter, der sich mit maroden Hallen gut auskennt. Er war Hauptgutachter im Prozess um das Bad Reichenhaller Unglück und hat nach eigenen Angaben in den vergangenen zwei Jahren rund 200 Hallen überprüft.
Die meisten standen in Bayern, wo er in München Bauingenieur- und Vermessungswesen lehrt. Am gefährdetsten, sagt Winter, sind teil-offene Hallen wie die in Lauterbach, weil dort Nebel oder Tau hineinziehen können, und ungedämmte Dächer.
In den meisten anderen hessischen Eissporthallen gibt es das Problem nicht. In Kassel, Frankfurt, Darmstadt und Wiesbaden seien sie geschlossen und aus Stahlbeton. Die Holzkonstruktion in Bad Nauheim ist eine andere als die Bad Reichenhaller. Es handelt sich um ein Tonnendach, von dem das Wasser automatisch nach außen abfließt. Nach dem Unglück hatte die Stadt verfügt, dass das Gebäude künftig alle drei Jahre überprüft wird.
Alle Kommunen haben von dem Unglück in Bayern gelernt, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. "Wir gehen davon aus, dass die von unserem Haus herausgegebene Checkliste auch genutzt wird." Auch Experte Winter hat beobachtet, dass sich bei den Verantwortlichen in den Verwaltungen etwas getan hat: "Es wird insgesamt sensibler mit dem Thema umgegangen."