Washington. Als im Herbst 2001, wenige Wochen nach den Terroranschlägen vom 11. September, anonyme Briefe mit tödlichen Milzbranderregern die USA in Angst und Schrecken versetzten, suchte die Bundespolizei FBI Hilfe bei Bruce Ivins. Der Wissenschaftler im Heeres-Labor für biologische Kampfstoffe in Maryland galt als einer der führenden Experten für Milzbranderreger und sollte helfen, die Spur zum Absender zurückzuverfolgen. Fast sieben Jahre hat es gedauert, bis den Ermittlern klar wurde, dass der Experte selbst der Mörder war, der die tödlichen Erreger in Umlauf brachte.
Wieso wird ein renommierter Wissenschaftler zum Mörder? Was trieb den freundlichen, aber eigensinnigen Mann in diesen Wahn? Und wieso hat das FBI sieben Jahre gebraucht, um ihm auf die Spur zu kommen? Am Ende der Ermittlungen stehen mehr Fragen als Antworten, und die meisten dieser Fragen werden unbeantwortet bleiben. Denn Bruce Ivins, 62 Jahre alt, hat sich in der vergangenen Woche mit einer Überdosis Schmerzmitteln offenbar selbst das Leben genommen. Seine Verhaftung stand zu diesem Zeitpunkt unmittelbar bevor; die Anklage sollte auf fünffachen Mord lauten und die Forderung nach der Todesstrafe beinhalten.
Amerikanischen Medienberichten zufolge hatte das FBI zuletzt erdrückende Beweise gegen Ivins gesammelt. Vor allem könne nun mit neuen Methoden nachgewiesen werden, dass der Milzbranderreger, der im September und Oktober 2001 zum Tod von fünf Menschen (und der Erkrankung von 16 weiteren) geführt hat, nur aus dem Labor von Ivins stammen kann. Als Täter komme mithin nur in Frage, wer Zugang zu den Substanzen gehabt habe. Die wenigen anderen Mitarbeiter im Labor aber, seien unverdächtig. Ivins dagegen habe eine lange Vorgeschichte psychischer Erkrankungen und sei unter dem Druck der Ermittlungen noch auffälliger geworden, habe neue Morddrohungen ausgestoßen und mit Stolz auf seine "biologischen Waffen im Labor" verwiesen.
Bestätigt wird der Verdacht des FBI durch die Psychotherapeutin und den Psychiater, die den Wissenschaftler in den vergangenen Monaten ambulant und zeitweilig auch stationär behandelt haben. Beide sahen in Ivins eine "Gefahr für die Gesellschaft", und die Therapeutin wendete sich sogar hilfesuchend an die Polizei, nachdem er gedroht hatte, auch sie zu ermorden. Allerdings räumt auch das FBI ein, dass ohne ein Geständnis von Ivins wichtige Teile der Indizienkette fehlen und die Motive völlig im Unklaren bleiben.
Viele seiner Kollegen halten den in Fachkreisen hochgeschätzten Wissenschaftler weiterhin für unschuldig: "Er sah zuletzt sehr bedrückt aus, ängstlich und deprimiert", sagt Russell Byrne, der als Spezialist für die Bekämpfung ansteckender Krankheiten eng mit Ivins zusammengearbeitet hat, "aber trotzdem glaubt hier keiner von uns, dass er irgendetwas mit den Anschlägen zu tun hat".
Am 18. September 2001 - genau eine Woche nach den Anschlägen vom 11. September - waren beim Postamt der Stadt Trenton im Bundesstaat New Jersey die ersten Briefe eingeworfen worden, die Milzbranderreger enthielten. Sie waren an zwei Zeitungen und drei Fernsehsender adressiert; ein Bildredakteur in Florida starb an der Krankheit. Eine zweite Welle von Briefen knapp einen Monat später war an führende Politiker der Demokratischen Partei im Kongress gerichtet. Opfer der Erreger wurden aber Unbeteiligte, nämlich Postmitarbeiter, die mit den Briefen in Berührung gekommen waren, und Empfänger von anderen Briefen, die offenbar mit der kontaminierten Post in Berührung gekommen waren und den Erreger weitertrugen.
Heute fast vergessen ist auch die Panik in Folge der Anschläge, die man zunächst noch mit dem 11. September 2001 in Verbindung brachte und als eine "zweite Angriffswelle" der El-Kaida-Terroristen wahrnahm. Mehr als eine Woche lang ruhte der gesamte Briefverkehr in mehreren Bundesstaaten. Postämter in Washington, New York, Florida und New Jersey blieben lange Zeit geschlossen. Millionen von Postempfängern trauten sich nicht mehr, ihre Post mit nackten Händen anzufassen, offizielle Stellen rieten Familienvätern zur Postbearbeitung im Freien, am besten ausgerüstet mit Handschuhen und Atemschutz.
Trotz der Panik gerieten die Anschläge recht schnell in Vergessenheit. Wohl auch deshalb, weil es keine spektakulären Bilder gab, aber auch, weil die Ermittlungen lange Zeit völlig ergebnislos blieben. Ein Jahr nach den Anschlägen glaubte das FBI schon einmal, den Täter ermittelt zu haben: Steve Hatfill, ebenfalls ein bekannter Biowaffen-Experte, stand offiziell unter Verdacht. Später wurden die Ermittlungen gegen ihn eingestellt, und das FBI musste 5,8 Millionen Dollar Schadensersatz an Hatfill zahlen. Diesmal, heißt es aus FBI-Kreisen, sei man sich sicher, auf der richtigen Spur gewesen zu sein. Auch glaube man fest, dass Ivins ein Einzeltäter ohne Komplizen war. Die Ermittler wollen die Akte in Kürze schließen.