Manch Deutscher Evangelischer Kirchentag hat sich dauerhaft ins Gedächtnis eingebrannt. Zum Beispiel der von 1983 in Hannover: wegen der lila Tücher von Friedensbewegten. Der offizielle Schal zum 32. Kirchentag, der gerade in Bremen stattfindet, ist blassblau und trägt das wenig eingängige Motto des Treffens: "Mensch, wo bist du?", ein Wort aus der Schöpfungsgeschichte.
Eigentlich sollte man denken, der Bremer Kirchentag würde mit einem Aufschrei gegen Finanzhaie oder gar gegen das ganze Wirtschaftssystem Geschichte machen. Aber im 560-seitigen Programmheft muss man mit der Lupe nach Veranstaltungen zur Wirtschaftskrise suchen. Der Ablaufplan ist fast so geblieben, wie er schon vor einem Jahr konzipiert wurde.
"Wir sind kein Wirtschaftsforum", rechtfertigt Kirchentag-Generalsekretärin Ellen Ueberschär die Zurückhaltung. Und Pressesprecher Rüdiger Runge sagt: "Wir wollen über die Krise hinausdenken." Also zum Beispiel: Was tun gegen den Klimawandel? Wo bleibt die soziale Gerechtigkeit, in Deutschland und im Umgang mit der Dritten Welt?
In den ersten Stunden des Protestantentreffens mit 100.000 Dauerteilnehmern sind es vor allem Gäste aus der Politik, die sich zur Krise äußern. Bundespräsident Horst Köhler ruft dazu auf, "aus unseren Fehlern zu lernen". Das Motto "Jeder für sich", das "uns im Grunde erst in die Klemme geführt" habe, dürfe nicht länger gelten. Fast klingt es schon umstürzlerisch, als Köhler "Veränderung" fordert: "Wir wollen, dass mehr Gerechtigkeit in die Welt kommt."
Steinmeiers unverbindliche Worte
Auch Außenminister und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier darf am Eröffnungsabend auftreten und einen "Aufbruch zum Besseren", ja sogar einen "Neustart von sozialer Marktwirtschaft" anregen. Mehr Regulierung fordert er, aber auch "Anstand, menschliches Maß und Vernunft". Unverbindliche Worte, wie sie ähnlich auch von Kirchentagspräsidentin Karin von Welck vor der Presse geäußert werden: Das Treffen wolle Deutschland dazu aufrufen, "eine Verantwortungsgesellschaft zu werden", denn "das Ende der Neid-und-Gier-Phase scheint gekommen zu sein".
Am Morgen danach lässt sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in der Bremer Stadthalle umjubeln. Steinmeiers Kontrahentin bei der Bundestagswahl redet über "Menschenwürde und Demokratie". Als Ex-DDR-Bürgerin mahnt sie, dass auch in einer Demokratie Freiheit mutig gelebt werden müsse, weil sonst "ein hohes Maß an Konformität" entstünde. Nebenbei erwähnt sie dann auch die Krise und nennt unter anderem global wie lokal wirkende Therapien: Die EU müsse sich geschlossen für internationale Finanzregeln einsetzen, aber auch jeder Einzelne könne etwas tun, etwa als Handwerksmeister Arbeitsplätze erhalten.
Die Verantwortung des Einzelnen wird auf Kirchentagen schon immer groß geschrieben. In Bremen passiert das nicht nur in Messehallen und Kirchen, sondern erstmals auch auf schwankendem Boden: Tief unten im Bauch des Museumsfrachters "Cap San Diego" wird zum Beispiel für fair gehandelte Kleidung geworben. Andere Schiffe mit singenden Chören an Bord fahren am Eröffnungsabend im Korso auf der Weser.
Der Kirchentag nutzt aber auch alte Lagerschuppen in einem brach liegenden Hafengelände, das neuerdings von Firmen und Kulturstätten wiederbelebt wird. Bremen hat hier den Niedergang eines Hafenreviers als Chance für einen Neuanfang genutzt. Bis Sonntag hat auch der Kirchentag noch die Chance, neue Ideen gegen die Krise zu entwickeln. Damit er nicht nur als "Kirchentag der Schiffe" in Erinnerung bleibt.