Matze kam mit dem Bus. Am 24. Mai 1969. Zwei Monate später betrat mit Neil Armstrong der erste Mensch den Mond - und wurde ein Star. Matze kam erstmal in die Futterküche, auf die Waage - wurde aber auch ein Star, bis er im August dieses Jahres im hohen Gorilla-Alter von 51 Jahren wegen schwerer Erkrankungen eingeschläfert werden musste.
Der frühere Tierpfleger und Fotograf Wolfgang Lummer hat daraufhin in seinen Archiven nach Bildern aus der Zeit von Matzes Ankunft gesucht. Und wurde fündig.
Vor Matze aber, war Abraham. Der Silberrücken mit dem biblischen Namen zeugte mit Makulla, der Stamm-Mutter der Frankfurter Gorillazucht, Zwillinge. Die Äffchen kamen 1962 zur Welt und wurden Ellen und Alice getauft - von den Kessler-Zwillingen.
Doch "der Tod ist groß", wie Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht "Schlussstück" schreibt, "wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen, mitten in uns". Die Zwillinge verloren ihren Vater Abraham bald, er ertrank, als er bei Temperaturen um den Gefrierpunkt im Wassergraben um das Gorillagehege baden gehen wollte. Aufmerksame Zoobesucher der heutigen Zeit haben schon bemerkt, dass im Außengelände des neuen Borgori-Waldes ein Wassergraben entsteht. Nach mehreren Todesfällen bei Affen durch diese Gräben früher in Frankfurt und in anderen Zoos mag das irritieren. Aber: "Gorillas mögen Wasser, sie brauchen nur eine Möglichkeit, wie sie da auch wieder rauskommen", erklärt Zoodirektor Manfred Niekisch. Deshalb werden an der Böschung des neuen Grabens Gitter angebracht, über die sie sicher an Land gelangen.
In den 60er Jahren aber war nach Abrahams Tod der alte Wassergraben zugeschüttet worden. Und der Zoo brauchte einen neuen Gorilla-Mann.
Während dieser Zeit fuhr Matze als "Attraktion" in einem Schaustellerbus durch die Welt. Zwölf Jahre. Bei Hitze im Sommer, Kälte im Winter. Der Motor dröhnte, wenn der Bus auf Straßen oder Pisten fuhr. Erwachsene staunten, schlugen sich die Hand vor den Mund, "was für ein wildes Ungeheuer!" Kinder schrieen, wenn das "Ungeheuer" präsentiert wurde. "Man darf sich gar nicht vorstellen, dass Matze in dem Gefährt einen nur sechs Quadratmeter großen Raum hatte, und damals ja schon 139,5 Kilo wog", sagt Wolfgang Lummer, den das noch heute für den stolzen Gorilla traurig macht. Lummer hat ein großes Herz - und einen guten Blick für Tiere. Der damalige Zoodirektor Bernhard Grzimek förderte sein fotografisches Talent, als er es bei seinem Mitarbeiter in den 50er Jahren bemerkte. Lummers Tierporträts schmückten Zoo-Plakate und Publikationen, erschienen in Grzimeks Zeitschrift "Das Tier" und in der Illustrierten "Stern".
Fast wäre Lummer Schaufensterdekorateur geworden. "Bei Peek & Cloppenburg. Aber als ich mit meiner Mutter als 13-jähriger Bub mit der Bahn vom Vorstellungsgespräch bei P & C nach Hause fuhr, sah ich in einem Schaukasten, dass der Zoo einen Lehrling sucht", erzählt der heute 71-Jährige. "Ich konnte gar nicht weiteratmen in dem Moment", so aufgeregt war der Schüler. "Das wäre doch doll, Mutti", hat er gesagt und nicht nur ihr Herz erweicht, sondern auch Grzimek im Gespräch überzeugt. Mit 14 Jahren, 1952, begann er als Tierpfleger. 17 Jahre später kam Matze mit dem Bus in Frankfurt an.
"Ich betreute gerade das Bärengehege und sah nur den roten Bus", erinnert sich Lummer, "da bin ich los und hab' meine Hasselblad geholt." Geärgert hat ihn die Zeichnung von einem brüllenden Affen auf dem Bus. "Natürlich, um Publikum anzulocken." Dann sind ihm "fast die Tränen gekommen", als er den Gorilla "so eingepfercht" sah. "Der Halter hatte ihn nicht mehr im Griff und benutzte einen Elektroschocker, um ihn zu handeln." Nachdem der Arzt Matze narkotisiert hatte, haben ihn "sieben, acht Mann" in die Futterküche getragen, wo er gewogen wurde und man ihm Blut abnahm, um seinen Gesundheits-Zustand zu erfahren. Lummer dachte damals: "Der muss aber noch was werden, bis er an Abraham heranreicht." Matze ist das gelungen.
An seinem Leben haben die Zoobesucher jahrzehntelang Anteil genommen und sein Tod hat viele sehr berührt, wie Zuschriften und zahlreiche Vorschläge für ein Gedenken an Matze zeigen. Vielleicht, weil die Menschen das Leben dieses Menschenaffen auf eine Art stellvertretend für das Leben allgemein empfinden. So klein und so groß, frei und gefangen zu gleicher Zeit. Wir kommen, wir bleiben eine Weile. Dann gehen wir. Und ein anderer kommt nach uns. Wer für Matze kommt, und wann, ist noch ungewiss.