Der schwarze Schirm steckt senkrecht in der Schneedecke am Nizza. Gut sichtbar in der hellen Umgebung, selbst jetzt noch, mitten in der Nacht. Steht da wie eine Reviermarke. Achtung, besetztes Gebiet. Peter Nordmann und Johannes Heuser vom Kältebusteam haben den herrenlosen Schirm am nächtlichen Mainufer sofort bemerkt. Er ist also da. Der Mann mit dem Schirm. Voriges Jahr war der wohnsitzlose Osteuropäer wie vom Erdboden verschluckt. Jetzt hat er sein Stammquartier wieder bezogen. Die beiden Sozialarbeiter schauen unter dem großen Mammutbaum nach. "Sein Schlafplatz." Tatsächlich liegt eine zusammengerollte Steppdecke unter den Zweigen, von dem Mann fehlt jede Spur. Fehlanzeige auch wenige Meter weiter in dem Laubhaufen unter der Untermainbrücke, den die Stadtgärtner übrig gelassen haben. Auch hier schläft einer ihrer Kunden jede Nacht. Lässt sich bisher nicht bewegen mitzukommen in die warme Notunterkunft am Ostpark, der Basis-Station auch für den Kältebus. Sie werden später wiederkommen, mit ihrem Bus voll Tee, Decken, Isomatten und Schlafsäcken. Nachsehen, ob alles ok ist, kein Schläfer unterkühlt, keine Gliedmaßen abfrieren.
Das Thermometer im Bus zeigt Minus zehn Grad, doch die Nacht ist noch jung. In einigen Stunden werden die Temperaturen weiter sinken. Nebel liegt über dem Main, der Bus fährt im Schritttempo am Ufer entlang zu den einschlägigen Lagerplätzen der Obdachlosen. So geht es jede Nacht.
Heute sitzen Peter Nordmann und Teamkollege Oliver Kadronski im Bus. Johannes Heuser und Elfi Ilgmann-Weiß, die die Einsätze koordinieren und die Wohnsitzlosen als Streetworker und im Sozialdienst am Ostpark betreuen, begleiten sie heute das erste Stück. Ein eingespieltes Team. Sie kennen die meisten, die in Frankfurt Platte machen. Viele mit Namen. Man unterhält sich in der Nacht, schenkt Tee aus, lädt ein, die Hilfen anzunehmen. "...und wir sind für Sie da. Rufen Sie uns an: Fon 069-431414" steht auf der handbeklebten Schokowaffel, die Nordmann zum Tee ausgibt.
"Ich mag die Leute", sagt er. "Mag es mit ihnen zu reden und es ist gut, wenn man es schafft, ihnen zu helfen." Selbst nach mehr als 20 Jahren Sozialarbeit ist das noch so, sagt er. Obwohl es ein zähes Geschäft ist, Geduld braucht und man alles andere als empfindlich sein darf. Es sind nicht immer schöne Anblicke, bestätigt Johannes Heuser. Wie jener psychisch kranke Mann in Heddernheim, der im eigenen Müll liegt, seine Fäkalien nur wenige Meter entfernt. Oder die Wohnsitzlosen, die sich in öffentliche Toiletten einquartieren. Egal wie schmuddelig. "Wir kennen die schlimmsten Löcher in der Stadt." Und doch seien sie für einige besser als eine Unterkunft.
Etwa 100, sagt Elfi Ilgmann-Weiß, übernachten auch bei klirrender Kälte im Freien, sind durch nichts zu bewegen, wenigstens für die Nacht im Notquartier zu schlafen. "Sie halten es nicht in Räumen aus." Oder mit anderen in einem Zimmer. Viele haben das Empfinden für Hitze und Kälte verloren. Psychisch Kranke, die oft nicht mehr nach sich sehen könnten. Alkoholkranke sowieso. "Nach zwei Flaschen Wodka spürt niemand mehr was."
Nachts geht es ums nackte Überleben. Bei Minus 15 bis 20 Grad sowieso. Der Bus ist inzwischen an der Hauptwache angelangt. Tägliche Teestunde um zehn. Aber heute lässt niemand blicken. Unten in der B-Ebene bereiten sich gut 20 Männer und Frauen für die Nacht vor. Eine Frau, bindet sich eine Iso-Matte über die Lagen an Kleidern, die sie übereinandergezogen hat. Danach steigt sie in den Schlafsack. Nein, sie will nicht gestört werden, nicht sprechen - ihre Form von Freiheit.
Tobias H. erzählt. Die Eiseskälte hat ihn in die B-Ebene getrieben, die die VGF über den Winter für Obdachlose offenhält. Ausnahmsweise. Seit zwei Jahren lebt er auf der Straße, schläft meistens am Römer. "Mit zwei Schlafsäcken ist das kein Problem." Allemal besser als ein Wohnheim, sagt er. Und dass er 35 ist, aus Friedberg stammt, Metallschlosser ist und als Stanzer gearbeitet hat. Dann ging die Firma über die Wupper. Arbeitslos, wohnungslos, obdachlos. Im Wohnheim kam nicht zurecht, ist lieber auf die Straße gegangen. Es ist in Ordnung, sagt er. Will auch nichts mit anderen zu tun haben. "Die nur trinken." Oder klauen. Das Misstrauen sitzt tief. Wenige Minuten später entscheidet er sich doch gegen den Sammelschlafplatz und verschwindet ins Freie. Immerhin, vom Kältebus hat er die Schlafsäcke angenommen, zum Duschen geht er ins Allca 21 - die Caritas Straßenambulanz Allerheiligenstraße 21. Ansonsten schlägt er sich alleine durch, sagt er. Betteln, mal ein Job. "Mein Essen kauf ich mir selbst."
Oben am Bus ist es noch immer ruhig. Wie überhaupt auffallend Wenige dieses Jahr auf der Straße seien, sagt Ilgmann-Weiß. "Niemand weiß warum und wo sie stecken." Im "System" seien sie noch. Würden registriert in Ambulanzen, bei Essensausgaben, Ärzten. Das Infonetz zwischen den Hilfestellen funktioniert. Nur nachts seien die Leute wie verschluckt. "Wir kennen natürlich nicht alle Abbruchhäuser."
Obwohl sie jede Nacht bis fünf Uhr früh durchs ganze Stadtgebiet fahren. Alle bekannten Lagerplätze abklappern, allen Meldungen von Obdachlosen oder Alkoholleichen nachgehen, die übers Nottelefon reinkommen. Kurz vor der Abfahrt sieht Nordmann einen Betrunkenen ohne Jacke an der Hauptwache liegen. Er packt den Mann in den Bus, wird ihn gleich in den Ostpark fahren. Dann geht die Tour von vorne los. Der Mann mit Schirm wird jetzt da sein.