"Endstation Schlagerstar" kommt als Komödie daher und ist auch komisch. Aber im Grunde erzählt Viktor Vössing als Schlagersänger Viktor Moreno, "der blonde Vic", eine Tragödie. Es ist die Tragödie aller, die einmal künstlerisch etwas wollten und es nicht weit brachten. Das heißt also: ungefähr aller, die einmal künstlerisch etwas wollten. Dass die anderen jetzt darüber lachen - ungeachtet der Pläne, die sie selbst vielleicht einst hatten -, ist Teil der Tragödie.
Viktor Moreno ist vor langer Zeit für einen Grand-Prix-d'Eurovision-Vorentscheid im Gespräch gewesen (im Gespräch gewesen!). Er hat es außerdem auf einen Sampler geschafft. Stars der Siebziger sind darauf vertreten, und klein unten am Rand auf der Rückseite des Covers: er. Seine Mutter kommt schier um vor Stolz. Jetzt wartet er auf der Off-Off-Bühne in der Brotfabrik Hausen auf ein Vorsingen. Er hat einen goldenen Zylinder dabei und probt vor dem Spiegel ein paar lässige Bewegungen: Hut ziehen, tänzeln, gut aussehen. O je.
Beim Frankfurter Autorentheater ist erneut das Maintheater zu Gast, Vössing hat sich selbst den Text auf den Leib geschrieben, wo man ihn nicht unbedingt erwartet hätte. Dank einer neuen blonden Fönfrisur, eines Rüschenhemds und des Zylinders wird aber alles sehr plausibel. Wenn Vössing als Viktor Moreno lächelt, sieht man die Verzweiflung hinter dem Optimismus des Handlungsreisenden. Wenn er tanzt, ist noch zu ahnen, dass er sich einst große Mühe dabei gegeben hat. Jetzt ist er ein wenig eingerostet. So soll es sein.
Im Hintergrund läuft schon das Casting, der blonde Vic hat noch Zeit und nutzt sie selbstverständlich, um uns aus seinem Leben zu erzählen. Als Frau für alle Fälle steht Claudia Brunnert bereit, ist eine größere Anzahl Gesangslehrerinnen, die bodenständige Mutter, die sagenhaft schlechte Hintergrundtänzerin Doris. Die Szenen aus dem Gesangs- und Schauspielunterricht sind zum Schießen, wobei sich Viktor Moreno unter anderem als schmelzender Eiszapfen bewährt. Seine Darbietung aus "Kabale und Liebe", ein gummiartiger, aber erschütterter Ferdinand, ist leider sehr realistisch. Die Szene mit Doris, die auf Barry Manilows "Copa Copacabana" mit ihren Pompons wedelt, ist zum Heulen. Doris haut Vic ein Pompon ins Gesicht und kommt ins Schleudern. Es wird jedoch immer deutlich, dass hier Leute ihr Bestes geben.
Weil das Vorsingen, auf das Moreno nun wartet, auch im Stück auf der Off-Off-Bühne der Brotfabrik stattfindet, ist Selbstironie im Spiel. Hat man es nun weit gebracht, wenn man hier vorsingt? Nun, der Laden ist voll, die Autogrammbilder gehen weg wie die warmen Semmeln, na, fast wie die warmen Semmeln, und das Publikum hat nichts gegen eine Zugabe. Der blonde Vic steht gern zur Verfügung, und Doris zückt erneut die Pompons. Längst geht es nicht mehr um die große Karriere, sondern nur noch um den nächsten Tingeltangel-Auftrag. In Eschborn eröffnet ein Möbelhaus und sucht noch einen Sänger. Es gibt keinen Grund, den Respekt zu verlieren, wenn jemand Geld verdienen muss und tut, was er kann.
Brotfabrik in Frankfurt-Hausen: 13.-15., 20.-22., 27.-29. März. www.autoren-theater-frankfurt.de