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Gastronomie in Hessen: Immer öfter "Mogel-Schinken"

Sie schmecken Schinken und kauen doch nur an einem Stück Stärke mit Fleischpartikeln. So ähnlich ergeht es Katzen mit ihrem Katzenfutter. Nur sind Restaurantgäste keine Haustiere, was hessische Restaurantbetreiber offenbar anders sehen. Von Frank Schuster

Kochschinken oder Schinkenimitat?  Nach Erkenntnis hessischer Lebensmittelkontrolleure ist mittlerweile fast jeder dritte in der hessischen Gastronomie angebotene Schinken ein Imitat.
Kochschinken oder Schinkenimitat? Nach Erkenntnis hessischer Lebensmittelkontrolleure ist mittlerweile fast jeder dritte in der hessischen Gastronomie angebotene Schinken ein Imitat.
Foto: dpa

Was wie Schinken aussieht, muss nicht immer Schinken sein. Nach Proben hessischer Lebensmittelkontrolleure ist fast jeder dritte in der Gastronomie angebotene Schinken ein Imitat. Immer häufiger werde in Gaststätten ein minderwertiges Produkt als angeblicher Kochschinken serviert, sagte Verbraucherschutz-Staatssekretär Mark Weinmeister.

Für Pizza oder Schinken-Nudeln wird laut den Kontrolleuren oft ein billiges Schinkenimitat verwendet, das zum großen Teil aus schnittfestem Stärke-Gel hergestellt aus Stärke und Gelatine in das kleine Fleischstücke eingebettet sind, besteht.

Echt oder nachgemacht

Was unterscheidet einen echten Schinken von einem Mogelschinken? Als Schinken dürfen in Deutschland nur Produkte aus dem Hinterschenkel des Schweins so wie das Fleisch gewachsen ist bezeichnet werden. Die Ersatz-Produkte weisen einen Fleischgehalt von nur zwischen 50 und 65 Prozent auf. Das wird mit Wasser ausgeglichen. Der Gehalt an fleischfremden Wasser liegt bei bis zu 40 Prozent, manchmal darüber. Es werden Bindemittel (Stärke, Gelier- und Verdickungsmittel) zuge-geben, damit aus der Mischung von Fleischstückchen und Wasser eine schnittfeste Masse entsteht. Hinzu kommt fleischfremdes Eiweiß wie Soja- und Milcheiweiß.

Wie kann der Verbraucher Mogelschinken erkennen? Faustregel: Je dunkler und roter, desto mehr Schinken. In die geleeartige Masse des Schinken-Imitats sind deutlich sichtbare Fleischstücke nur eingebettet. Oft weisen die Produkte ein brühwurst-ähnliches Aussehen auf. Neben Aussehen, Geschmack und Geruch ist auch der niedrigere Preis ein Hinweis auf die tatsächliche Art des Erzeugnisses.

Warum verwenden Gastronome Schinken-Imitate? Als Grund wird oft vorgeschoben, dass sich die Scheiben auf der Pizza beim Backen nicht nach oben wölben und somit keine verbrannten Spitzen entstehen. Der wirkliche Grund ist aber, dass Imitate preisgünstiger sind.

Müssen die Hersteller die Produkte nicht korrekt bezeichnen? Es gibt Hersteller von Schinken-Ersatz, die ihre Produkte korrekt bezeichnen. Diejenigen, die unzutreffende Bezeichnungen wie "Vorderschinken" oder "Formfleischvorderschinken" verwenden, überwiegen jedoch deutlich. Problem speziell in der Gastronomie: Auch wenn die Hersteller von Schinken-Ersatz eine zutreffende Bezeichnung auf der Originalpackung angeben, wird daraus in den Gaststätten ein Pizzabelag mit "Vorderschinken".

Der Fremdwassergehalt darin ist im Vergleich zu echtem Schinken sehr hoch, der von tierischem Eiweiß hingegen extrem niedrig. Die Kontrolleure hatten seit 2006 in Hessen insgesamt 528 Proben bei Gastronomen, Herstellern und Händlern genommen. Weinmeister kündigte Konsequenzen an. Jedem, der das Imitat wiederholt ohne korrekte Kennzeichnung verwende, drohe die Veröffentlichung seines Namens im Internet.

Bei Vorsatz eine Straftat

Die dreistesten Mogelpackungen

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Wer Mogelschinken ohne ausreichende Kennzeichnung in Verkehr bringe, begehe zumindest eine Ordnungswidrigkeit, bei nachgewiesenem Vorsatz, so Weinmeister, liege sogar eine Straftat vor. Der Verbraucherzentrale Hessen geht Weinmeisters Ankündigung nicht weit genug. Die Veröffentlichung der Namen sollte nicht erst bei wiederholtem Verstoß erfolgen, sagte die Sprecherin Andrea Schauff gegenüber der Frankfurter Rundschau.

Sie forderte stärkere Kontrollen der Behörden. "Wer nicht ordentlich arbeitet, muss öffentlich an den Pranger gestellt werden. Das ist der einzige Weg, der Verbrauchertäuschung Einhalt zu bieten." Die Verbraucherzentrale sieht eine verstärkte Tendenz zu Imitaten, mit denen die Lebensmittelhersteller Produktionskosten sparen wollen. Als weitere Beispiele nannte Schauff den so genannten Analog-Käse, der statt aus Milch aus Pflanzenfett gewonnen wird.

Auch Speiseeis verdiene oft nicht die Bezeichnung "Eiscreme", weil es aus billigerem Pflanzenfett und nicht aus Milchfett hergestellt werde. Lebensmittel-Imitate würden meist für Fertiggerichte und in Gaststätten in Gerichten,die aus aus mehreren Zutaten zusammengemischt sind, verwendet, so dass ihre mindere Qualität oft nicht auffalle.

"Wo Schinken drauf steht, muss auch Schinken drin sein"

Im Mai dieses Jahres geriet der Analog-Käse , der ebenfalls häufig auf Pizzen kommt, öffentlich in die Kritik. Schon da hatte das Verbraucherschutzministerium angekündigt, stärker gegen Verstöße vorzugehen. Das Ministerium müsse seine Ankündigung nun endlich in die Realität umsetzen, forderte die verbraucherschutzpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Angela Dorn.

"Nachdem jetzt nicht nur Analog-Käse, sondern auch noch Mogelschinken aufgetaucht ist, steht eine bessere Kennzeichnung dieser Lebensmittel unverzüglich auf der Tagesordnung. Die Kennzeichnung darf sich nicht nur auf die Verpackung beschränken, sondern muss auch auf den Speisekarten zu finden sein." Der Verbraucher habe ein Anrecht darauf, über Lebensmittel Bescheid zu wissen. "Das, was in den vergangenen Wochen verstärkt bekannt wird, ist schlicht und einfach Betrug am Verbraucher und die Industrie reibt sich die Hände."

Schärfere Kontrollen fordert auch der Präsident des Hessischen Bauernverbandes, Friedhelm Schneider. "Wo Schinken drauf steht, muss auch Schinken drin sein." Es werde ein "hochwertiges Lebensmittel zur Produktwerbung benutzt". Auf dem Tisch der Verbraucher lande jedoch "das billige aus Stärke-Gel und kleinen Fleischstückchen bestehende Imitat".

Autor:  Frank Schuster
Datum:  3 | 7 | 2009
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