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Gaza-Krieg: "Wir mussten den Kerl niederknallen"

Israelische Soldaten brechen ihr Schweigen und schildern ihre brutalen Erfahrungen aus dem Gaza-Krieg. Von Inge Günther

Die Organisation Breaking the Silence  hat Berichte israelischer Soldaten über den Einsatz während des Gaza-Kriegs gesammelt. Das Bild vom 2. Januar 2009  zeigt einen Israeli in Uniform in der Westbank, der von einer palästinensischen Frau beschimpft wird.
Die Organisation "Breaking the Silence" hat Berichte israelischer Soldaten über den Einsatz während des Gaza-Kriegs gesammelt. Das Bild vom 2. Januar 2009 zeigt einen Israeli in Uniform in der Westbank, der von einer palästinensischen Frau beschimpft wird.
Foto: dpa

Jerusalem. Die meisten Israelis wollen vom Gaza-Krieg nichts mehr hören. Sie halten ihn für eine harte, aber nötige Antwort auf die Raketen-Angriffe der Hamas. Als sechs Wochen nach Kriegsende publik wurde, was Soldaten in einer Militärakademie an brutalem Vorgehen geschildert hatten, löste das zwar einen Nachschock aus. Alsbald jedoch kam die Armee in einem internen Untersuchungsbericht zum Schluss, man habe sich nichts vorzuwerfen.

Eine "sehr kleine Anzahl" unschöner Vorfälle möge es gegeben haben - in jenen 22 Tagen, in denen die Palästinenser das "Gegossene Blei" des israelischen Militärs kennenlernten. Insgesamt jedoch hätten sie "im Einklang mit internationalem Recht" operiert.

Im Netz

Mehr zum Thema auf der englischsprachigen Website der Organisation "Breaking the Silence".

22 Tage Gaza-Krieg :Das israelische Militär spricht von einer sehr kleinen Anzahl unschöner Vorfälle. Die Berichte der Soldaten klingen anders.
22 Tage Gaza-Krieg :Das israelische Militär spricht von einer "sehr kleinen Anzahl" unschöner Vorfälle. Die Berichte der Soldaten klingen anders.
Foto: rtr

"Breaking the Silence", eine linke Organisation israelischer Reservisten, will das Schweigen brechen. Am heutigen Mittwoch stellen sie eine Dokumentation von 54 Zeugenprotokollen vor, basierend auf den Aussagen von 30 Soldaten und Offizieren, die im Gaza-Krieg im Einsatz waren. "Breaking the Silence" hat ihnen garantiert, weder Namen noch genaue Angaben zu Ort und Zeit zu nennen.

"Ernste Vorfälle" habe man nur aufgenommen, versichert Gründungsmitglied Jehuda Shaul, "wenn es mindestens zwei Augenzeugen dafür gab". In diese Kategorie fällt etwa die Erschießung eines alten Mannes. Mehreren Aussagen zufolge irrte er durch die Nacht. Die Soldaten geben an, sie hätten ihn "etwa 150 bis 200 Meter weit weg" von palästinensischen Häusern entdeckt, in denen sich eine israelische Einheit verschanzt hatte. Für "abschreckendes Feuer" habe der Kommandant vor Ort kein Okay gegeben. Damit ist gemeint, im Radius von 30 Grad daneben zu zielen, um jemanden zur Umkehr zu bewegen.

Schließlich sei der Alte weniger als 20 Meter vom Haus entfernt gewesen, was als "Nullreichweite" gilt. Er habe unbewaffnet gewirkt, "als ob er Schutz oder Essen suchte oder unter Drogen stand". Nur, so ein anderer Soldat: "Wir hatten eine Menge Alarm wegen der Gefahr von Selbstmordattentaten. Also mussten wir den Kerl niederknallen." Im Nachhinein gesehen "ein Fehler", zumal man den Mann nicht gewarnt habe. Dessen Schrei, als er tödlich getroffen niedersank, werde er sein Leben lang nicht vergessen. Genauso wenig wohl den begeisterten Kommentar des Kommandanten: "Das ist die Eröffnung für heute Nacht!"

So erschütternd Einzelfälle exzessiver Gewalt sein mögen, "das eigentliche Problem ist das Konzept dahinter", sagt Jehuda Shaul. Vieles deute darauf hin, dass die Kommando-Ebene die Truppen auf ein möglichst aggressives Vorgehen einstimmte. Nicht zuletzt, so Shaul, "um das Selbstvertrauen nach dem Libanon-Debakel wieder herzustellen". "Mein bester Arabischübersetzer ist mein Granatwerfer", wird ein Bataillonsführer zitiert.

Ein Reservist sagte aus: "Ziel war, die Operation mit möglichst geringen Verlusten für die Armee auszuführen, ohne uns zu fragen, was der Preis dabei für die andere Seite sei." Mit dieser Maxime wurden verbotene Methoden wie die "Johnny-Prozedur" gerechtfertigt, bei der palästinensische Zivilisten der Armee als "menschliche Schutzschilde" dienten. "In jedes Haus, in das wir eindrangen, haben wir erst einen ,Johnny\' geschickt." Der musste herausfinden, ob sich darin Bewaffnete versteckten. Falls ja, feuerten Panzer und Kampfhubschrauber Raketen auf das Haus. "Danach musste wieder der Palästinenser rein, um zu melden, ob die Kämpfer erledigt sind." Bisweilen habe man "von den Johnnys auch verlangt, mit dem Vorschlaghammer ein Loch in der Mauer aufzuhauen" - der Eingang konnte ja vermint sein.

Aus ähnlichem Grund wurden Weiße Phosphor-Bomben in dicht bevölkerten Gebieten eingesetzt. Ein Soldat berichtet, wie mehrfach per Armeesender die Genehmigung erteilt wurde: "Phosphor in die Luft." Auf die Frage wozu, erwidert er: "Weil es Fun ist, cool."

Vor allem, wenn das Risiko für die Truppen bestand, in ein womöglich vermintes Haus einzudringen, wurde von oben Phosphor abgeschossen. "Der bildet einen Feuerschirm über dem Ziel. Klar, dass sich das ganze Haus entzündet." Klar auch, dass das keine präzise Munition ist, sondern eine, die weit streut und schreckliche Verbrennungen bewirkt.

Schüsse aus Langeweile

Überhaupt wird der Grad an Zerstörung als enorm beschrieben - disproportional zum als gering erlebten Widerstand der Palästinenser. Im Panzer fühle man den Feind nicht wirklich, erklärt es ein Soldat. Oft habe Langeweile vorgeherrscht. Umso mehr fanden "eine Menge Leute" seiner Panzerkompanie Gefallen daran, auf Häuser zu feuern. Bulldozer machten anschließend das Gelände wie etwa in Abed Rabbo im Norden Gazas platt - derart, dass Einsatzkarten nichts mehr taugten, weil eingezeichnete Koordinaten nicht mehr zu finden waren. Bei der Häuser-Einnahme war offenbar Vandalismus verbreitet. "Man bricht schießend durch die Tür. Die Soldaten schauen sich nach Fernsehern oder Computern zum Zertrümmern um, suchen Schubladen nach Interessantem durch."

Die "Schamprozedur", bei der sich je zwei Kameraden am Ende gegenseitig durchsuchen sollten, nützte da wenig. "Es war, als ob sie Angst hatten, was zu finden, was sie nicht sehen sollten." Die Einheit, die vor dem Abzug aufräumte und einen Entschuldigungszettel für die palästinensischen Hauseigentümer hinterließ - eine rühmliche Ausnahme.

Internationales Kriegsgesetz verpflichtet die Konfliktparteien, die zivile Bevölkerung zu schonen. Zwischen Kämpfern und Zivilisten zu unterscheiden, sagt der israelische Bürgerrechtsanwalt Michael Sfrad, "ist oberstes Prinzip". Davon leite sich alles weitere ab, etwa das Verbot zu plündern oder mutwillig und ohne militärischen Zweck, Eigentum zu zerstören. Wer dies missachte, so Sfrad, öffne Kriegsverbrechen die Tür.

Manches in den Soldatenaussagen bewegt sich im Grenzbereich - allemal schwer vereinbar mit dem Anspruch der israelischen Armee, die moralischste der ganzen Welt zu sein. Auf die Frage, was in seiner Erinnerung an Gaza bleibe, sagt ein Soldat: "Wie furchtbar leicht es ist, gleichgültig zu werden."

Zusammenstöße in Hebron

"Breaking The Silence" führt Touren in Hebron durch, um die Zerstörung der Altstadt zu zeigen. Dabei komme es immer wieder zu Behinderungen durch israelische Soldaten und Zusammenstößen mit radikalen Siedlern. Der Beitrag aus dem israelischen Fernsehen zeigt, wie Mitglieder der Organisation beschimpft werden:

Autor:  INGE GÜNTHER
Datum:  15 | 7 | 2009
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