Jetzt wird es ernst. Wer will, kann Bürgermeistern und Landräten jetzt genau auf die Finger schauen, wenn es um die Gleichberechtigung von Frauen und Männern geht. Am Montagabend wurde das neue Internet-Portal Gender-Index freigeschaltet: Zahlen und Grafiken zeigen, wie gut oder wie schlecht es um die Gleichstellung in jedem Landkreis und in jeder kreisfreien Stadt in Deutschland bestellt ist. Die Verfasser haben dazu 19 Indikatoren aus verschiedenen amtlichen Statistiken ausgewertet.
Wer auf die neue Internetseite geht, findet eine Deutschlandkarte und kann mit wenigen Klicks zu allen Kommunen und Kreisen gelangen. Er kann nachschauen, wie groß dort die Quote der Schulabbrecher und Schulabrecherinnen ist, wie viele junge Frauen und Männer Abitur machen, wie die Kinderbetreuung aussieht oder wie viele Frauen politische Ämter inne haben. Im groben Überblick zeigt der Index zum Beispiel , dass Frauen und Männer in Ostdeutschland im Schnitt eher gleiche Berufschancen haben. Das heißt aber nicht, dass dort Zustände wie im Schlaraffenland herrschen, sondern eher - wie man an der hohen Arbeitslosigkeit erkennen kann -, dass Frauen wie Männer dort weniger Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben.
Der Schwerpunkt des neuen Services liegt bei den Beschäftigungschancen von Frauen. Das soll auch Unternehmen helfen. Sie sehen auf diese Weise schnell, wo es für sie gute Bedingungen für Niederlassungen oder neue Investitionen gibt. Kommunen, die einen guten Index-Wert erreichen, haben damit in Zeiten sich abzeichnenden Fachkräftemangels einen Standortvorteil.
Vorbild aus Schweden
Das neue Instrument werde "den politischen Wettbewerb um mehr Chancengleichheit verstärken", sagte am Montagabend Michael Sommer, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Der Index, der jedes Jahr aktualisiert werden soll, wurde von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in Kooperation mit dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung erarbeitet. Vorbild ist der Jäm-Index, der sich in Schweden seit Jahren als gute Dienstleistung für Politiker und Unternehmer bewährt hat.
Die neue Transparenz ist nicht als feministisches Folterinstrument gedacht, das Städte oder Kreise, die in punkto Gleichberechtigung noch Nachholbedarf haben, an den Pranger stellt. Bei der Auswertung der Daten von 2006 haben die Verfasser nämlich festgestellt, dass "praktisch in allen Regionen noch beachtenswerte Unterschiede bei der Chancengleichheit von Frauen und Männern bestehen".
Es gibt also viel zu tun. Der Index bietet nun erstmals lokale Daten, die leicht zugänglich und systematisch aufbereitet sind. Auch für jene Bürgermeister, Landräte oder Unternehmer, die das Wortungetüm Gender Mainstreaming nicht mal buchstabieren wollen oder können, aber den Alltag für die Bürger und Bürgerinnen verbessern wollen. Das erleichtert den Lokalpolitikern auch, Aufgaben zu erfüllen, die ihnen die EU stellt: Mit der Lissabon-Strategie verfolgt die EU das Ziel, die Beschäftigungsquote von Frauen und Männern zu erhöhen. Danach hat sich nicht nur die Wirtschaftsförderung des Bundes, sondern auch die der Länder, Regionen und Kommunen zu richten.