Sibylle Berg ist schwer einzuordnen. Sie ist scheu, aber mit ihrem dramatischen Lidstrich und lockig hochgesteckten Haaren sieht sie glamourös aus. Sie kommt aus dem Osten, aber wenn man sie sieht, muss man an Zürich denken, wo sie lebt. Sie schreibt Kolumnen, unter anderem für die Zeit, in denen deutlich wird, dass sie keine sehr hohe Meinung vom Leben und von ihrer Zeit hat.
Vor allem aber schreibt sie Romane. In ihrem letzten, "Die Fahrt", verzeichnete Berg in vielen kurzen Kapiteln die Lebenswege von einigen, meist deutschen Menschen, die durch die Welt reisen und unglücklich sind. Wieder wurde deutlich, dass sie das Quantum Glück, das das Leben uns zumisst, nicht für bedeutend hält, und dass sie das in raffinierter, zugleich mitfühlender und distanzierter Sprache mitteilen kann.
Schon aus ihrem ersten Roman "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" von 1997 hatte Berg ein Theaterstück gemacht, später schrieb sie dann "Helges Leben" fürs Theater, obwohl sie, wie sie sagt, Theater hasst. Das Stück aber war ein Erfolg. Es folgten weitere Stücke, unter anderem "Der Herr Mautz", ein Auftragswerk für Klaus Weise, der heute Intendant des Theater Bonn ist. Das neue Stück von Sibylle Berg, eben ein Auftragswerk des Theater Bonn, heißt "Die goldenen letzten Jahre". Darin wird von vier jungen Menschen berichtet, mit denen es das Leben, man ahnte es, nicht besonders gut meint. Theater hasst Berg angeblich auch noch immer.
Beas Gebiss weist eine Fehlstellung auf und an den Beinen trägt sie Schienen. Rita kneift den Mund unschön zusammen und wird von jedem übersehen. Ihre Mutter sagt: "Diese Person hier sagt, sie sei unsere Tochter." Ihr Vater: "Ich kenn sie nicht. Guten Tag, Auf Wiedersehen." Uwe und Paul sind auffallend dick und auch sonst nicht schön anzuschauen, was ihre Frisuren nachdrücklich herausstellen. Paul ist Autist und zieht die Ärmel über die Arme. "Nicht einmal die Freunde, die ich mir ausgedacht habe, mochten mich", sagt er.
Wenn man sie dergestalt von ihrer lustigen Seite nimmt, können Gebrechen, Unglück und Hässlichkeit ohne Zweifel subversiv werden. Aber es gibt da seit längerem ein Problem: Da das private Fernsehen solche Figuren längst als Quelle der Heiterkeit entdeckt hat, ist ihr subversives Potential sozusagen totgelacht.
Über hässliche, unförmige, unglückliche Menschen lacht inzwischen jeder gern, weil er sich vormachen kann, zumindest etwas schöner zu sein. Für Berg aber machen solche Figuren den Normalfall des Menschseins aus, es handelt sich um den gemeinen Mitteleuropäer, und sie verteidigt standhaft sein Terrain: "Für erwachsene Verlierer wird Einiges getan", sagt Bea etwa. "Es gibt Selbsthilfegruppen für Mobbingopfer. Integrationskurse für Randgruppen. Psychologische Betreuung für Angehörige von Suchtkranken und Tsunami-Toten." Dazu dann Uwe: "Kindern sagt man: Reiß dich zusammen."
Das Stück erzählt sehr skizzenhaft die Geschichte der vier Hässlichen, die Inszenierung von Shirin Khodadadian folgt ihr darin. Bea wird von einem Mann gespielt, Uwe von einer Frau, was der Darstellung von Hässlichkeit schöne Möglichkeiten eröffnet, die Stefan Preiss und Anke Zillich gut nutzen. Rückblenden, neue Personen, dazu kommende Roboter, alles wird hier nur durch Behauptung und Fingerzeig dargestellt. Dabei schaut man mit wohligem Gruseln zu wie im Panoptikum ("Das sehen wir hier sehr schön").
Manche Witze sind dagegen platt: Dass Rita nicht bemerkt wird, läuft sich zum Beispiel irgendwann tot. Ein sporadisch auftretender Bär könnte den Blick aus der Zukunft verkörpern, in der sich laut Berg die Tiere als überlegene Art gegenüber dem gemeinen Menschen durchsetzen werden. Tut er aber nicht. Das tierische Element ist ins Bühnenbild gerutscht: Auf einem Rundhorizont ist viel Urwald mit zugehöriger Fauna zu sehen.
Wenn die Aufführung ein Problem hat, ist es aber der Lehrer, bei dem sich die vier zum Klassentreffen versammeln und der in Rückblenden aus der Schulzeit erzählt. Ulrich Hass passt als wort- und gestenreicher Conferencier einfach nicht in die sonstige Beiläufigkeit. Genauso wenig überzeugt, dass sich die drei karriereschnittigen Erfolgsschüler in erregt-dümmliche Konsumgeilheit hineinsteigern. Da gilt der schlichte Satz, dass man dem Zuschauer schon zutrauen darf, selbst zu denken. Im übrigen sind diese drei sehr gemeine Exemplare der Gattung Mensch, die die vier Hässlichen fast in den Selbstmord treiben.
Sehr schön die vielen Lieder, die das Stück auch als Musical denkbar machen. Hier klingen sie sehr zurückgenommen wie einfache Volkslieder (Musik: Michael Barfuß). Träumerisch singen die Hässlichen vom Selbstmord, zärtlich von Verlorenheit. Je länger es geht, desto mehr klingt das wie die sanften Songs einer neuen alternativen Bewegung, irgendwo versteckt sich da ein neues Selbstbewusstsein. Das Beste dabei: Auch wiederentdeckte Würde kann lustig sein, man muss sie nur nicht zu ernst nehmen.
Dabei zeichnen Stück und Aufführung eine Utopie des Alters nach dem Wer-zuletzt-lacht-Motto: Wenn man schon immer hässlich war, muss man sich vor dem Verfall nicht fürchten. Man muss nur jeden Gedanken an den eigenen Wert aufgeben, dann geht es schon. Nicht aussteigen, sondern an die Verhältnisse anpassen. Bloß keinen offenen Widerstand. Man passt sich an, um im Schatten so sein zu können, wie man ist. Es ist ein sehr kleines Glück, aber es hat den Vorteil, praktikabel zu wirken. "Das Alter", kann man dann mit Befriedigung über die anderen sagen, "ist immer der beste Vorwand für den Selbsthass". In dem unübersehbaren Schriftgut, das die absehbare Flut der Alten schon ausgelöst hat, ist Sibylle Bergs kleines Stück eines der glaubwürdigsten. Und zur Krise passt es auch.
Theater Bonn, 25. Februar, 6., 15., 25. März. www.theater.bonn.de