Monika Gintersdorfer ist eine Theaterbesessene. In Aachen gewann eine Besucherin ihres Films "Verlieren" einen Kurz-Trip nach Ghana, betreut und begleitet von Gintersdorfer und Knut Klaßen. Voraussetzung: Die Person sollte mindestens einmal in der Woche beten und über eine gute körperliche Konstitution verfügen. "Verlieren" hatte Gintersdorfer 2006 während der Unruhen in den Pariser Banlieues mit Knut Klaßen gedreht und am Theater Aachen zur Vorbereitung ihres Religionsprojekts "Der Mensch sucht's, Gott gibt's" gezeigt.
In Hamburg machte sie in ihrer Gruppe "Rekolonisation" mit dem Künstler Jochen Dehn ein Jahr lang aktionistisches Theater. Das hatte das Ziel, die Wirklichkeit anderer Gesellschaften, Flucht oder Kampf etwa, in die Hansestadt zu übertragen, aber möglichst so, dass es - zunächst - keiner merkt. Mit befreundeten Künstlern sprang sie im Winter in die Alster und schwamm einem Alsterdampfer hinterher. Oder sie besetzte Privatwohnungen, die man absichtlich vorher nicht besichtigt hatte, mit dem "Missverständnis" von Albert Camus, das genau diese Situation, die Inbesitznahme der privaten Welt durch den Einbruch von Fremden beschreibt.
Auch in ihrem neuen Stück "Betrügen", das jetzt in der Hamburger Kampnagelfabrik Premiere hatte, arbeitet Monika Gintersdorfer mit dem Bildenden Künstler Knut Klaßen, der für alles Technische zuständig ist, an der Grenzüberschreitung. Ihre Spezialität ist es, die feine Bruchlinie zwischen dem Gespielten und Authentischen fast unmerklich aufzulösen. Schon deshalb sind enge Arbeitsbeziehungen Voraussetzung. Jeder, der mit ihnen arbeitet, gibt viel und nicht unbedingt immer das, was er zu beherrschen meint, von sich preis.
Diesmal hat das Duo eine Gruppe von Einwanderern von der Elfenbeinküste ins Visier genommen, die sich in Paris als ivorischer "Jet Set" etabliert haben, indem sie sich Künstlernamen geben und schlicht behaupten, Stars zu sein. Sie jetten zwischen den Clubs in Europa und Abidjan herum, tragen Phantasie-Künstlernamen wie ihr verstorbener und selbsternannter Präsident Douk Saga, lassen ihre Fans stundenlang auf sich warten und werfen bei ihren sagenumwobenen Auftritten Geld unters Volk, Geld, das zurück kommt. "Natürlich ist der Jet Set arrogant und zickig", sagt Gintersdorfer, "manche Clubbesitzer müssen dreimal umbuchen, bis sie endlich kommen." Am meisten fasziniert sie, dass die Jet-Set-Angehörigen mit ihrer selbstgewählten Rolle, berühmt und erfolgreich zu sein, in die Wirklichkeit eingreifen. "Doch für uns bedeutet das mehr", sagt sie. "Wir benutzen ein anderes System, um auf das eigene zu schauen."
Es ist die Utopie des Theaters, die Gintersdorfer nicht nur an diesem Abend beschwört. Dafür riskiert sie alles, was das Theater, in Deutschland zumindest, sicher macht. Es gibt keinen festgelegten Text, die Schauspieler entscheiden, ob sie die Kostüme tragen. Gesprochen wird französisch mit ivorischem Akzent und von dem deutschen Schauspieler Hauke Heumann übersetzt, manchmal hinterfragt und kommentiert, vor allem in Ton und Bewegung nachgeahmt. Stets denkt dabei das Theater über sich selber nach.
Auf der leeren Bühne, die Klaßen bevorzugt, zeigen sich drei schwarze Darsteller, Choreograf Franck Edmond Yao und Tänzer Gotta Depri von der Elfenbeinküste und der Pariser DJ Meko, und der weiße Hauke Heumann. Sie entfachen ein Feuerwerk aberwitziger Zuschreibungen und unterlaufen dabei jedes Klischee. Heumann wird es als Anarchie der Anmaßung bezeichnen, er wird sich selber als Niedrigstatus-Darsteller im deutschen Theatersystem einstufen, und Yao wird die Jet-Set-Mitglieder als wahre Schauspieler bewundern. Sie lecken die Sohlen ihrer Schuhe ab, ziehen ihre Unterhosen so weit aus den maßgeschneiderten Hosen, dass die Marke kneifend erkennbar wird, verkünden laut die Preise ihrer Kleidung, lassen tanzend das Zwerchfell hüpfen, und unterstützen singend die Ausrufe des DJs, etwa wenn Yao sein Haar mit Champagner wäscht oder Zuschauern mit dem Mund Geldscheine reicht.
Monika Gintersdorfers Theater gewinnt dabei seinen eigenen Zauber, eine sich stets verschiebende Ursprünglichkeit, die immer wieder unsere Wahrnehmung verunsichert und genüsslich Antworten verweigert. Die muss man schon selber finden.
"Betrügen" unterwegs: 26.-28. Februar Sophiensäle Berlin, 1./2. März
FFT Düsseldorf, 4. März Pumpenhaus Münster, 7./ 8. März Ringlokschuppen Mülheim.