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Hessen: Germanisten treiben Amtsdeutsch aus

Unverständlich und verkopft - Texte aus Amtsstuben regen die Fachleute der Universität Bochum auf. In ihrem Internet-Dienst bieten sie Abhilfe an. Die ersten hessischen Kommunen zeigen Interesse.

Nicht für alle verständlich: Gesetzestexte.
Nicht für alle verständlich: Gesetzestexte.
Foto: dpa

Blockbeschulung, Rechtshilfebelehrungen, Eignungsfeststellungsverfahren - Wortungetüme aus den Amtsstuben fordern die Bochumer Sprachspezialisten geradezu heraus. Wenn Bürokraten die Sprache mal wieder bis zum Unverständnis malträtieren, wird der Ehrgeiz der Linguisten am Germanistischen Institut der Ruhr-Universität erst so richtig angestachelt. Die Fachleute stellen dann die verkopfte wie verzopfte Sprache wieder auf die Beine - gegen ein kleines Entgelt. Seit 2006 verwandeln sie Behördisch in gutes Deutsch. Ihren ungewöhnlichen Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache (Idema) nutzen gegenwärtig bundesweit 15 Stadtverwaltungen sowie die Bundesverwaltung. Aus Hessen sind die beiden Kommunen Oberursel und Langen mit im Boot.

Behördisch ist ein kompliziertes Konstrukt, kein Spleen und keine Mode. Nichts, was sich überlebt, sich erneuert und irgendwann im Retro-Kostüm wieder auftaucht. Behördisch krallt sich an die Sprache wie der Puma an die Beute und lässt so leicht davon nicht ab. Kurz mal schütteln hilft nicht, selbst wenn ein hässliches Wort durch ein hübscheres ersetzt wird, ist die Sprache noch nicht elegant. "Schön wär's, wenn wir die Wörter per Wörterbuch einfach übersetzen könnten", sagt Projektleiterin Michaela Blaha. "Doch weil wir juristische und fachliche Zusammenhänge berücksichtigen müssen, bleibt uns oft nichts übrig, als den Text komplett umzuschreiben."

Kräftige Worte in schlanken Sätzen

Ein Text, einer vom Amt zumal, hat das Ziel, von seinen Lesern verstanden zu werden. Darin unterscheidet er sich nicht von dem Artikel, der in der Zeitung steht. Bei der Frage, was gutes Deutsch sei, kann man getrost beim Journalistenlehrer Wolf Schneider nachschlagen. Sein Credo für attraktive Texte: Aus "kräftigen Worte schlanke Sätze bauen - Sätze ohne Verrenkungen. Sätze, die von der Sehne schnellen wie ein Pfeil." Doch der Wille, verstanden zu werden, ist nicht überall gleich stark ausgeprägt - noch etwas, was Behörden und Zeitungen gleichermaßen anhängt. Warum passiert es so häufig, dass es Behördisch bis in die Zeitung schafft?

In beiden Branchen, so viel steht fest, arbeitet man an dem Problem - immerhin. In Oberursel, berichtet Sprecherin Nina Kuhn, habe der Rathauschef den Anstoß dazu gegeben. Der Bürgermeister sei von einigen amtlichen Schreiben nicht so angetan gewesen, heißt es. Vielleicht mag dies daran gelegen haben, dass Hans-Georg Brum (SPD) vor seinem Amtsantritt 2003 in der freien Wirtschaft tätig war und dort die eher unkomplizierte Form der Kommunikation kennen lernte. Auf jeden Fall meldeten sich die Taunusstädter 2006 zur Pilotphase des Bochumer Idema-Projekts an. Seither nimmt die Stadt die Hilfe der Sprach-Virtuosen in Anspruch. Sie zahlt einen niedrigen vierstelligen Beitrag pro Jahr und hat dafür ein Kontingent von Texten frei, die sie dort überarbeiten lässt. "Das funktioniert etwa wie bei einem Handyvertrag", sagt Nina Kuhn lachend.

Den Oberurselern ist dies recht. Schlechte Kommunikation trübt das Verhältnis zwischen Bürgern und Bürokraten immer wieder, sei es beim Beantragen eines neuen Passes, beim Ummelden, beim Standesamt oder bei der Erhöhung von Gebühren. Missverständliche oder schlecht gewählte Formulierungen ärgern die Bürger - und bescheren den Beamten mehr Arbeit. Wer ein Schreiben nicht kapiert, ruft an, empört sich. Viele Rückfragen sind Verständnisfragen. Die Idema-Städte hingegen nutzen eine Datenbank mit gut formulierten Verfügungen, Bescheiden und Infobroschüren - dort landen überarbeitete Texte. Selbst am Text herumzudoktern, ist mühsam. Nina Kuhn bestätigt das: "Manchmal fragt man besser gleich die Experten."

Der Ton macht die Musik

Zaubern können die jedoch auch nicht. Auf die Schnelle sei gutes Deutsch nicht zu bekommen, sagt Michaela Blaha. Etliche Stunden brütet sie mit ihrem kleinen Team, wie sich für die amtliche Ewigkeit formuliertes Kauderwelsch in flotte Sätze verwandeln lassen - weg mit Floskeln und Nominalstil, Verschachtelungen, Substantivketten und Passiv-Konstruktionen. Den besseren Text diskutieren die Bochumer mit den Fachleuten in den Verwaltungen. "Diese Gespräche sind ungeheuer produktiv und besser, als Mitarbeiter einmal im Jahr auf Schulungen zu schicken", sagt Blaha, die auch Lehrbeauftragte an der Verwaltungsfachhochschule in Speyer ist. Dort wird bürgernahe Verwaltungssprache unterrichtet.

Woran es liegt, wenn man einen Text nicht versteht, interessiert Fachleute wie Blaha. Und Beispiele für holperiges Amtsdeutsch kennt jeder: "Es entstehen Ihnen bei Inanspruchnahme unserer Hilfen keine Kosten." Dabei geht es auch so: "Egal, welches unserer Angebote Sie nutzen: Unsere Hilfe ist immer kostenlos." Oder: "Zur Abklärung der noch offenstehenden Fragen möchte ich Sie bitten, sich zu den obengenannten Sprechzeiten telefonisch mit mir in Verbindung zu setzen." Besser: "Bitte rufen Sie mich an, damit wir die noch offenen Fragen klären können. Der Ton macht die Musik.

Ein gut geschriebenes Schreiben erhöht die Akzeptanz der Entscheidung. Und es hinterlässt beim Empfänger das gute Gefühl, als Bürger ernst genommen zu werden. Ohnehin ist eine schwer verständliche Sprache mit dem Konzept einer am Bürger orientierten Dienstleistungsverwaltung nicht vereinbar. Rechtssicherheit und gutes Deutsch passen zusammen. Kürzlich war in einem Nachruf über einen Journalisten zu lesen: "Er focht gegen die Verschluderung und Versaubeutelung der Sprache." Für einen Textarbeiter ist dies das höchste Lob.

Autor:  VOLKER TRUNK
Datum:  4 | 2 | 2009
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