Nur eine der vier abtrünnigen SPD-Abgeordneten weiß schon, wo sie Arbeit findet. Dagmar Metzger, die 50-jährige Darmstädter Bankjuristin, fängt am 1. Februar wieder bei ihrem früheren Arbeitgeber an, der Sparkasse Darmstadt. Die anderen drei, die eine rot-grüne Minderheitsregierung unter Andrea Ypsilanti (SPD) in letzter Minute verhinderten, stehen nach eigenen Angaben vor einer ungewissen Zukunft.
Dabei besitzt auch Carmen Everts (40) einen Anspruch auf Rückkehr in ihre vorige Beschäftigung. Allerdings ist das politisch schwierig. Everts hat schon vor ihrer Zeit als Abgeordnete für die SPD-Fraktion im Landtag gearbeitet, seit 2003 als wissenschaftliche Referentin. Angesichts des geballten Ärgers in der SPD über ihr Verhalten scheint es aber unvorstellbar, dass Everts tatsächlich wieder ihren Job antritt. Weder die Politikerin noch die SPD-Fraktion wollen sich dazu äußern, wie eine Einigung aussehen kann.
Jürgen Walter, der einst mächtige Fraktionschef und Parteivize der Hessen-SPD, bearbeitet wieder Fälle in seiner Anwaltskanzlei. Auf Dauer will sich der 40-Jährige aber nach einem anderen Job umsehen. Er habe "keinerlei Geldkoffer im Keller und keinerlei Zusagen", betont Walter - und tritt damit erneut jenen Gerüchten entgegen, wonach die vier Sozialdemokraten "gekauft" gewesen seien.
Auch Silke Tesch (50) hat den Eindruck, dass es für sie eher schwieriger ist als für andere Jobsuchende - weil kein Arbeitgeber den Eindruck erwecken will, er stelle sie aus politischen Gründen ein. Die gelernte Erzieherin und Industriekauffrau würde gerne wieder im mittleren Management eines Unternehmens arbeiten, hat aber bisher keinen Job gefunden.
Dabei haben Walter und Tesch ein paar Monate mehr Zeit für die Stellensuche zur Verfügung. Sie erhalten in den nächsten Monaten 6610 Euro Übergangsgeld, da sie dem Parlament länger als ein Jahr angehört haben. Für Metzger und Everts hingegen, die im April 2008 erstmals in den Landtag einzogen, gibt es keine Übergangsregelungen.
Das haben die Abtrünnigen freilich mit anderen SPD-Abgeordneten gemeinsam, die ihre Mandate verloren haben. Von den 13 ausscheidenden Sozialdemokraten waren sechs erstmals im Landtag - neben Metzger und Everts noch Elke Künholz aus Wetzlar, Patrick Koch aus Darmstadt, Christoph Degen aus Hanau und der Frankfurter Turgut Yüksel.
"Eine bittere Sache"
Das sei "natürlich eine bittere Sache", sagt Yüksel, und er meint das für sich persönlich, aber auch in politischer Hinsicht. Die vier Abweichler hätten "ein niederschmetterndes Wahlergebnis und wieder fünf Jahre Roland Koch" bewirkt. Immerhin fällt Yüksel (52) weder beruflich noch politisch ins Leere. Im Frankfurter Stadtjugendring, wo er als Bildungsreferent tätig war, besitzt er ein Rückkehrrecht. Außerdem ist Yüksel froh, dass er dem Rat von Parteifreunden gefolgt ist und sein Mandat in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung behalten hat.
Der 32-jährige Polizist Koch und die 49-jährige Amtsrätin Künholz können in den öffentlichen Dienst zurückkehren. Christoph Degen weiß dagegen nicht, wie es weitergeht. Der 28-jährige Sonderpädagoge bastelte an seiner Doktorarbeit über die Bildungskonzepte der Parteien, als er in den Landtag einzog. Jetzt überlegt er, ob er die Promotion mit dem frischen Wissen aus den Landtagsdebatten fortsetzt. "Ich nehme mir erst einmal eine Auszeit", sagt Degen. Gerne wäre er länger im Parlament geblieben, doch er betont: "Es war eine kurze, aber lehrreiche Zeit."
Der SPD-Bundesvorsitzende Franz Müntefering hat der Landespartei von Ausschlussverfahren gegen die drei Abweichler Everts, Tesch und Walter abgeraten: "Parteien müssen das freie Mandat achten." Das Verhalten der Hessen-SPD unter Andrea Ypsilanti bezeichnete Müntefering als "schädlich für den Ruf der Politik".