kalaydo.de Anzeigen

Hessens neue Schulen: "Schüler nehmen ihr Lernen selbst in die Hand"

Benno Moosmüller über die Freiheit, eine Schule total umzukrempeln, über überflüssige Noten und den Wechsel vom Alleswisser zum Lernbegleiter.

In der kooperativen Gesamtschule des Kreises Darmstadt-Dieburg lernen Haupt- und Realschüler bereits gemeinsam.
In der kooperativen Gesamtschule des Kreises Darmstadt-Dieburg lernen Haupt- und Realschüler bereits gemeinsam.
Foto: Kraus/FR

Herr Moosmüller, Sie revolutionieren in Ihrer Schule gerade den Unterricht. Warum?

Viele Schüler können ihr Wissen nicht anwenden. Sie haben zwar alle möglichen Klassenarbeiten und Tests geschrieben, dafür gute Noten bekommen, aber sie bringen nicht viel davon mit in den Beruf oder ins Studium.

Zur Person

Benno Moosmüller ist stellvertretender Leiter der Hessenwaldschule in Weiterstadt. Zusammen mit Schulleiterin Ute Simon-Nadler und einem Großteil des Kollegiums hat er die kooperative Gesamtschule des Kreises Darmstadt-Dieburg gründlich umgekrempelt.

Statt Haupt- und Realschulklassen gibt es so genannte V-Klassen, in denen Jungen und Mädchen aus beiden Bildungsgängen gemeinsam lernen und arbeiten. Tests werden so angelegt, dass auch schwächere Schüler sich an anspruchsvolleren Aufgaben versuchen können. Alle sollen als Mindestanforderung ein Basiswissen erreichen, dafür sind an der Schule verschiedene Förderangebote eingerichtet worden. Sitzenbleiben soll zur absoluten Ausnahme werden. Die Jungen und Mädchen werden dazu angeleitet, für ihr Lernen selbst Verantwortung zu übernehmen. Dazu erhalten sie Lern-pläne, in denen sie selbst ihre Erfolge und Flops dokumentieren können.

Für die Lehrer bedeutet das einen Rollenwechsel. Sie sollen den Lernfortschritt anleiten, beobachten und die Schüler beraten. Sie halten engen Kontakt zu Eltern und arbeiten mit Sozialarbeitern in Jahrgangsteams.

Benno Moosmüller ist stellvertretender Leiter der Hessenwaldschule in Weiterstadt.
Benno Moosmüller ist stellvertretender Leiter der Hessenwaldschule in Weiterstadt.
Foto: Privat

Geben Sie uns ein Beispiel!

Nehmen wir einmal die Fremdsprachen. Da werden Vokabeln gelernt und Grammatiken abgefragt, Aufsätze geschrieben und Texte übersetzt. Und wenn die Jugendlichen dann bei einem Schüleraustausch mitmachen und auf Altersgenossen aus England oder Frankreich treffen, stehen viele schweigend herum und trauen sich kaum, den Mund aufzumachen.

Weshalb diese Sprachlosigkeit?

Die Schüler besitzen totes Wissen, sie haben nicht gelernt, es anzuwenden.

Woher kommt das?

Der Lehrer steht zu sehr im Mittelpunkt, der Unterricht ist nicht effektiv genug, es kommt einfach zu wenig dabei heraus. Und es gibt offenbar eine Demotivierungsspirale. Je länger Kinder und Jugendliche die Schule besuchen, desto geringer ist die Neugier. Die Schüler lernen nur noch für die Tests, es fehlt das Bewusstsein, für ihr eigenes Leben zu lernen.

Was machen Sie anders?

Wir stellen den Schüler in den Mittelpunkt, mit seinen Bedürfnissen, seinen Interessen, seinen Fähigkeiten und seinem Drang, etwas selbst zu tun.

Wie funktioniert das etwa im Englischunterricht?

Wir wollen konkrete Alltagssituationen mit den Schülern durchspielen, Einkaufen zum Beispiel oder einen Arztbesuch. Es geht nicht nur darum, einen bestimmten Stoff durchgenommen zu haben, also etwa bestimmte Texte gelesen zu haben, sondern ein Schüler soll in der Lage sein, sich in einer bestimmten Situation verständlich machen zu können.

Das klingt nicht sehr aufregend.

Klar, das machen andere auch. Was aber wirklich neu ist:Wir holen die Schüler aus der Konsumentenrolle heraus. Sie nehmen ihr Lernen selbst in die Hand. Dafür muss sich der Lehrer sehr zurücknehmen. Aber nicht einfach in dem er sich zurücklehnt und sagt, nun macht mal, sondern indem er mehr zum Lernbegleiter wird, der die Schüler berät und unterstützt.

Wie geht das?

Eigenständiges Lernen muss im Unterricht fest verankert werden und sich auch im Stundenplan abbilden. So haben wir für die Hauptfächer verbindliche Stunden für individuelles Lernen geschaffen, in denen sich die Schüler eigene Schwerpunkte setzen können. Der Lehrer stellt Selbstlernmaterial zur Verfügung, die Schüler dokumentieren ihren Arbeitsprozess im Lernplan.

Was machen Sie noch anders?

Wir haben die Haupt- und Realschule miteinander verbunden. Die Schüler lernen gemeinsam, sie erarbeiten sich ein Thema selbst. Dann gibt es eine erste Lernkontrolle, die prüft, ob alle das Grundwissen erworben haben. Unser Ziel ist, dass die Mindestanforderungen von jedem erreicht werden.

Und wenn nicht?

Dann bekommen jene, die es nicht geschafft haben, Unterstützung, um das Ziel zu erreichen. Zum Beispiel bieten wir über unsere Schulsozialarbeiter Extraförderstunden an. Dort holen sie das Versäumte nach und können dann im Wiederholungstest besser abschneiden. Oft wissen die Schüler ja selbst am besten, wo sie geschludert haben.

Haben Sie mehr Lehrkräfte?

Wir haben für die gesamte Schulveränderung keinerlei zusätzliche Ressourcen, weder mehr Geld noch mehr Lehrer. Fördern ist in unserem Konzept Teil des normalen Unterrichts.

Ist das nicht mit viel Mehrarbeit für die Lehrer verbunden?

Schon, aber man hat durch das selbstständige Lernen der Schüler ja viel mehr Zeit, sich um die einzelnen zu kümmern. Ich gehe dann durch die Klasse und kann mit jedem reden und sehen, welche Hilfen jemand braucht, und kann die auch geben. Und man gewinnt Freiheiten im Unterricht, kann selbst Arbeiten erledigen. Das Konzept erfordert nicht zwangsläufig mehr Ressourcen.

Was würde Ihnen helfen?

Kleinere Lerngruppen, mehr Räume. Über Klassenstrukturen hinausdenken, jahrgangsübergreifend lernen, da kann man noch viel verändern. Sehr hilfreich wären auch zusätzliche Kräfte an unserer Schule, die sich zum Beispiel um neue Medien und die Bibliothek kümmern könnten.

Wie war es für Sie als Lehrer, nicht mehr der Alleswisser zu sein?

Viele Kollegen haben wie ich darauf gewartet, so unterrichten zu können. Natürlich tun sich manche noch schwer, vom Vorbeter zum Lernbegleiter zu werden. Wir arbeiten mit intensiven internen Fortbildungen daran.

Woher nehmen Sie die Freiheit, Ihre Schule umzukrempeln?

Wer sollte ein Interesse haben, uns daran zu hindern, Schule besser zu machen? Wir erfahren viel Zustimmung und sind sicher, dass unser Weg richtig ist.

Und entlassen Sie dann auch bessere Schüler ins Leben?

Ja, die sind tatsächlich besser gebildet. Die Frage ist nur, ob die Wirtschaft das auch honoriert. Viele Betriebe machen bei der Einstellung noch immer Abfragetests. Das entspricht nicht den modernen Standards. Wichtiger als bloßes Wissen, das man relativ leicht nachlernen kann, sind Fähigkeiten, wie man sich Informationen besorgt, seine Arbeit organisiert, im Team arbeitet, auf neue Anforderungen mutig zugeht.

Geben Sie Ihren Schülern noch Noten?

Es gibt eine Beilage in der verbundenen Haupt- und Realschule zum Zeugnis - und außerdem wie bisher auch Noten. Die Beilage ist viel aussagekräftiger als die herkömmlichen Noten, sie beschreibt die erreichten Kompetenzen, vermittelt ein viel genaueres, schärferes Bild davon, was gelernt wurde. Ich glaube, dass Kompetenzbeschreibungen langfristig die Noten ersetzen werden.

Interview: Peter Hanack

Datum:  20 | 4 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken