14. April 2009

Hillsborough: Der Tag, an dem auch die Wahrheit starb

 Von WOLFGANG HETTFLEISCH
Todeskampf im Fußballstadion: Erinnerung an 96 Liverpool-Fans, die in einem der hoffnungslos überfüllten Blocks von Hillsborough starben. Foto: getty

Die Katastrophe auf den Stehplätzen vor 20 Jahren, bei der 96 Fans des FC Liverpool den Tod fanden, ist ein furchtbares Beispiel für Versagen einer überforderten Polizei-Einsatzleitung. Von Wolfgang Hettfleisch

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Stadionkatastrophen

In Fußballstadien hat es schon viele Katastrophen gegeben - aus unterschiedlichen Gründen. Hier die schlimmsten der Fußballgeschichte (seit 1950): 21. September 1962: Libreville, Gabun gegen Kongo-Brazzaville. Ein Erdrutsch trifft das Stadion, neun Tote, 30 Verletzte. 24. Mai 1964: Nationalstadion Lima, Peru gegen Argentinien. Zwei Minuten vor Schluss gibt der Schiedsrichter Perus Ausgleichstor nicht, Unruhen brechen aus, 318 Tote, mehr als 500 Verletzte. 23. Juni 1968: Estadio Monumental, Buenos Aires, River Plate gegen Boca Juniors. Bei Spielende werfen Boca-Fans brennendes Papier von den oberen Rängen, Panik bricht aus, 74 Tote, 150 Verletzte. 2. April 1971: Ibrox Park, Glasgow, Celtic Glasgow gegen Glasgow Rangers. Fans, die früher gegangen waren, versuchen zurückzukommen, als sie hören, dass die Rangers ausgeglichen haben, eine Stahlbarriere bricht, 66 Tote, mehr als 140 Verletzte. 11. Mai 1985: Valley Parade Stadium, Bradford, England, Bradford City gegen Lincoln City. Eine Zigarette, nicht ganz ausgedrückt in einem Plastikbecher, der unter die hölzerne Haupttribüne geworfen wurde, verursacht einen Großbrand, 56 Tote, hunderte Verletzte. 29. Mai 1985: Heysel-Stadion, Brüssel, Belgien, FC Liverpool gegen Juventus Turin (Finale Europapokal der Landesmeister). Englische Fans stürmen vor Spielbeginn einen Block mit italienischen Fans, Panik bricht aus, 39 Tote, mehr als 450 Verletzte. 16. Oktober 1996: Guatemala-Stadt, Guatemala gegen Costa Rica (WM-Qualifikation). 81 Menschen sterben bei einer Panik. 10. Mai 2001: Kotoko/Ghana, Asante Kotoko gegen Hearts of Oak Accra. Bei Ausschreitungen am Rande der Partie kommen 137 Fans ums Leben. 31. März 2009: Abidjan, Elfenbeinküste gegen Malawi. Stadiontore werden geöffnet, obwohl die Arena schon gefüllt ist. Bei der Panik sterben 22 Menschen.

Fußballfans sind grausam. Selten wird das deutlicher als bei Spielen zwischen den Erzrivalen Manchester United und FC Liverpool. Manche Liverpool-Fans hielten es früher für witzig, bei Spielen gegen den großen Rivalen im englischen Nordwesten mit ausgebreiteten Armen ein Flugzeug nachzuahmen - ihre Art, an das schreckliche Unglück zu erinnern, bei dem im Februar 1958 in München-Riem acht United-Spieler ihr Leben verloren hatten.

Umgekehrt ist es nicht besser: "Wenn die Scousers nicht wären, könnten wir steh'n." Noch vor wenigen Jahren grölten Anhänger von ManU den schrecklichen Satz. Gemeint ist das als perfider Hinweis darauf, dass die Katastrophe von Hillsborough, bei der heute vor 20 Jahren, am 15. April 1989, 96 zumeist junge Fans des FC Liverpool starben, den Wandel englischer Fußballstadien hin zu reinen Sitzplatzarenen einleitete.

Todeskampf im Fußballstadion: Liverpool-Fans in einem der hoffnungslos überfüllten Blocks von Hillsborough.
Todeskampf im Fußballstadion: Liverpool-Fans in einem der hoffnungslos überfüllten Blocks von Hillsborough.
Foto: dpa

Als Wendepunkt für den englischen Fußball und Beginn der Erfolgsstory der Premier League hat Sepp Blatter die furchtbaren Ereignisse mal bezeichnet, die jenen strahlend schönen Frühlingstag in Sheffield in den finstersten Tag der englischen Fußballgeschichte verwandelten. In den Ohren der Menschen, deren Kinder und Geschwister damals der Todesfalle in den völlig überfüllten Blöcken drei und vier der Leppings-Lane-Tribüne nicht entrinnen konnten, klingen Äußerungen wie die des Fifa-Präsidenten, so richtig sie sachlich sein mögen, wie Hohn. Es sind Menschen, "deren Liebsten doch nur ein Fußballspiel sehen wollten, um dann nie mehr nach Hause zu kommen", wie es Kevin Robinson ausdrückt.

Er spricht für die Hillsborough Justice Campaign (HJC). Die Gruppe von Angehörigen der Opfer und Überlebenden der Katastrophe kämpft seit 1998 für etwas, wovon bei der Aufarbeitung der verhängnisvollen Geschehnisse beim FA-Cup-Halbfinale 1989 zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest bis heute nicht die Rede sein kann: Gerechtigkeit. "Diese Leute", sagt Robinson mit Blick auf Hinterbliebene und Traumatisierte, "haben ein Recht darauf, zu erfahren, was an diesem Tag wirklich geschah."

Die Wahrheit war das 97. Opfer von Hillsborough. Sie starb in den protokollierten Aussagen der zuständigen Polizeibeamten, die jede Verantwortung abstritten. Sie wurde schamlos geschändet, als der damalige Chefredakteur der Sun, Kelvin MacKenzie, unter dem Titel "Die Wahrheit" verbreiten ließ, Liverpool-Fans hätten auf Tote und Sterbende uriniert, deren Brieftaschen gestohlen und Polizisten angegriffen, die Erste Hilfe geleistet hätten.

MacKenzies "Wahrheit" war eine einzige Lüge. Bis heute hat sich die Auflage des Boulevardblatts an der Merseyside nicht vom nachfolgenden Boykottaufruf erholt: "Don't buy the Sun!" MacKenzies Karriere nahm keinen nachhaltigen Schaden. "Heute reist er durchs Land, hält Bankettreden und verdient einen Haufen Geld", sagt Kevin Robinson. Es klingt bitter, und das soll es auch.

Angehörige und Überlebende haben in den vergangenen 20 Jahren die Erfahrung gemacht, dass Justiz und wechselnde Regierungen in England vor allem ein Interesse bis heute eint: Die Wahrheit von Hillsborough zu verschleiern.

Die Katastrophe war die Folge eines schier unglaublichen Versagens der Sicherheitskräfte. Vor Spielbeginn wälzte sich ein dichter Strom von Liverpool-Fans auf die veralteten Drehkreuze zu, die zu den verschiedenen Bereichen der West- und Nordtribüne führten. Das Gedränge nahm beängstigende Ausmaße an und der Einsatzleiter der Polizei, Chief Superintendent David Duckenfield, befahl, ein großes Auslasstor zu öffnen, um die Fans dort hereinzulassen und den Druck auf die Drehkreuze zu lindern. Die Anweisung, die Duckenfield unmittelbar danach leugnete, indem er behauptete, "Reds"-Fans hätten sich gewaltsam Zugang verschafft, erwies sich als fatal - auch deshalb, weil der Weg über die Drehkreuze ebenfalls offen blieb.

Vor dem oder im Tunnel, der zu den Todesblöcken drei und vier führte, gab es weder Polizeibeamte noch Ordner, so dass niemand den weiteren Zustrom in die bereits berstend vollen Tribünenabschnitte unterband. Duckenfield und Kollegen hatten aus ihrer Kontrollkabine beste Sicht auf den kritischen Bereich - und Überwachungskameras, mit denen sich jedes Detail dort einfangen ließ. Dennoch wurden Menschen, die verzweifelt versuchten, dem Erstickungstod zu entkommen, von Polizisten daran gehindert, über die Zäune zu klettern - auf Anweisung der Vorgesetzten.

Duckenfield fürchtete noch einen Sturm gefährlicher Fans aufs Spielfeld, als es in den hoffnungslos überfüllten Blöcken längst um Leben und Tod ging. Das Spiel wurde nach sechs Minuten abgebrochen. Als nah postierte Beamte schließlich den tödlichen Ernst der Lage in beiden Blöcken erkannten und die Tore in Richtung Spielfeld geöffnet wurden, waren viele Menschen bereits zu Tode gequetscht worden. Offizielle Todesursache: Ersticken.

"Am nächsten Tag war Premierministerin Thatcher da, der Innenminister, die ganzen hohen Tiere der Polizei. Und sie kannten nur ein Thema: Wie spielen wir das bloß runter", sagt Kevin Robinson. Seine Verbitterung hat viel mit Erfahrungen in den Folgejahren zu tun. Duckenfield wurde zwar wegen Totschlags angeklagt, aber ein Urteil wurde nie gesprochen. Eine Neuaufnahme des 2001 beendeten Verfahrens wird dem vorzeitig pensionierten Beamten nicht zugemutet werden. Er leidet seinen Anwälten zufolge am posttraumatischen Stress-Syndrom.

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