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Horváths Wirtschaftskrisendramatik: Weich wie ein Wiegenlied

Ödön von Horváths Wirtschaftskrisendramatik ist das Theater zur Stunde. Jetzt wird in Frankfurt sein Stück "Kasimir und Karoline" unter der Regie von Simone Blattner aufgeführt.

Wahrscheinlich ist es nicht die schlechteste Art die Stücke Ödön von Horváths zu betrachten, wenn man erkennt, dass sie eine harte und eine weiche Seite haben. Weich sind sie, weil die Menschen hier als sehr zarte Wesen erscheinen, die unter dem Druck der Verhältnisse zerbrechen wie mundgeblasene Glaschristbaumkugeln. Hart sind sie, weil der Blick auf die ökonomischen Realitäten und ihre Auswirkungen extrem schonungslos ist. Die Sichtweise dieser "Volksstücke" auf das Volk ist so ungeschminkt, dass es sich nicht in ihnen erkennen wollte, sondern hasserfüllt und ablehnend reagierte. Das ist lange her, Horváths beste Stücke entstanden zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. Jahrzehntelang galt er dann als Analytiker des Kleinbürgertums. Das war positiv gemeint, aber auch etwas blutleer. Nun, wo die Krise zurückkehren wird, sind es wieder die Stücke zur Stunde. Und wir sehen: Horváth zeigt Menschen, die nicht anders können, nicht unbedingt sympathisch aber auf jeden Fall bemitleidenswert.

Die Regisseurin Simone Blattner hat sich nun im Frankfurter Schauspiel entscheiden, Horváths Oktoberfestdrama "Kasimir und Karoline" ganz von der weichen, mitfühlenden Seite zu nehmen. Das ist überraschend, weil sie bisher eher für zackig-komödiantische Aufführungen bekannt war. Die vielen Lieder, die sie in ihre Inszenierung eingebaut hat, durchaus in Horváths Sinn, werden nicht im Bierzeltstil vorgetragen, sondern werden hier immer sanfter, so dass man bald an Wiegenlieder denken muss. Die Stimmung hat sich zugespitzt, der Alkoholpegel ist hinreichend, der Beziehungskrieg in Gang. Man singt das bekannte "Trink, Brüderlein trink" aber statt hohe Wellen der grölenden Besinnungslosigkeit zu schlagen, wird aus dem Lied eine liebliche Ballade, in der die Zeile "Meide den Kummer und meide den Schmerz" im süßen Mittelpunkt steht. Man könnte sich von der Musik von Christopher Brandt in den Schlaf lullen lassen.

Das ist schön gedacht, erinnert den erfahrenen Theaterbesucher an Christoph Marthalers berühmte Horváth-Liederabende, aber die Aufführung zündet trotzdem nicht. Das liegt daran, dass ihr die andere Seite, die Schärfe, fehlt, und das wiederum liegt daran, dass die Schauspieler mit Ausnahme von Joachim Nimtz als Kasimir kein klares Profil für ihre Rollen finden. Was daran liegt, dass die Regisseurin ihre Figuren ganz klein denkt. Bei Kasimir funktioniert das: Der gerade Entlassene versucht, einen klaren Blick zu behalten, nicht seine Angst und seine Not zu seinem Ratgeber zu machen. Er will ein anständiger Kerl bleiben, sich mit seiner Braut Karoline verständigen und kein Aufhebens davon machen.

Susanne Buchberger als Karoline bekommt die Kurve dagegen nicht. Sie wirkt wie eine Beleidigte ohne Grund, man weiß nicht, was sie auf dem Oktoberfest sucht, Verzweiflung, Lust und Gier sind nur rudimentär vorhanden. Dabei hat doch Horváth mit einem kleinen Text über die Wiesnbraut vieles erklärt. Irgendwo zwischen der Lust an der Besinnungslosigkeit und der Lust, ihre soziale Chance beim Flirt am Schopf zu packen, könnte sich diese Figur sehr schön entfalten. Buchberger aber wirkt, als wäre das schon zu viel der Extravaganz.

Die anderen Schauspieler machen ihre Sache ordentlich, die Kostüme aktualisieren das Geschehen sanft in einen heutigen Angestellten-Oktoberfest-Besuch. Hervorragend ist das Bühnenbild von Alain Rappaport, ein roter Rahmen gibt die Form, tanzende Buchstaben geben eine Ahnung vom Sehnsuchtziehen, was bei Horváth der fliegende Zeppelin übernimmt, Hebebühne und Schräge vermitteln Unübersichtlichkeit. Kleine geschrieene Einsprengsel vermitteln momentweise Wiesn-Atmosphäre.

Müde Liebschaftsversuche aus Gewinnmaximierungs sollten darin - vielleicht - gezeigt werden. "Solange wir uns nicht aufhängen, werden wir nicht verhungern", heißt es am Ende, die Paare stehen umschlungen wie beim Happy End. Aber auch dieser Kontrast zündet nicht mehr.

Schauspiel Frankfurt, Großes Haus: 20., 28. Dezember, 14., 17. Januar. www.schauspielfrankfurt.de

Autor:  PETER MICHALZIK
Datum:  20 | 12 | 2008
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