Herr Babbel, glauben Sie, dass sich Geschichte wiederholen lässt?
Wie meinen Sie das?
Na ja, 2007 marschierte der VfB auch auf den letzten Metern unwiderstehlich dem Ziel entgegen. Am Ende stand der große Triumph, die deutsche Meisterschaft. Da gibt es doch jetzt erstaunliche Parallelen.
Ach so. Für mich ist es nur wichtig, dass sich die Mannschaft nicht um die Früchte ihrer harten Arbeit bringt. Wir haben hervorragend gearbeitet, um in diese Position zu kommen. Uns darf keiner mehr überholen. Das ist unser Ziel. Und wenn wir es schaffen, am Ende unter den ersten Fünf zu stehen, wäre das eine klasse Leistung. Gerade nach den ganzen Schwierigkeiten, auch mit dem Ende der Trainerschaft von Armin Veh. Da war die Mannschaft nicht gut drauf. Aber noch mal: Zum Träumen besteht kein Anlass. Wir müssen jetzt hartnäckig bleiben.
Und damit wären Sie tatsächlich zufrieden? Hand aufs Herz: Schielen Sie nicht zumindest nach der deutschen Meisterschaft?
Es wäre anmaßend, vom Titel zu sprechen. Man darf nicht vergessen: Wir sind von Platz elf gestartet. Es wäre fahrlässig, jetzt von mehr zu träumen. Denn eines ist auch klar: Keiner wird uns etwas schenken.
Wie ist dieser Höhenflug zu erklären?
Das Leistungsniveau ist sehr hoch, für mich ist es sehr schwierig, zu entscheiden, wer spielt und wer auf der Bank sitzt. Weil kein einziger Spieler sich hängen lässt. Das Gesamtniveau steigt da automatisch. Wenn wir unsere Tugenden wie Disziplin, Aggressivität und Laufbereitschaft an den Tag legen, gibt es nicht viele Mannschaften, die besser sind als wir. Denn eines ist auch klar: Der VfB Stuttgart verpflichtet Spieler, die über ein hohes Maß an Qualität verfügen. Aber diese Qualität müssen die Spieler nicht als Ich-AG präsentieren, sondern als Gemeinschaft. Und das machen sie.
Und am Samstag kommt dann der Sparringspartner aus Frankfurt nach Stuttgart. Geht es da nur um die Höhe des Sieges?
Genau. Die schießen wir 7:0, 8:0 weg, 70 Prozent Aufwand sollte da reichen (lacht). Nee, genau das wäre der Trugschluss. Ich habe die Eintracht ein paar Mal gesehen, die Mannschaft hat sich stabilisiert, verfügt über sehr gute Einzelspieler. An einem guten Tag kann sie jeden Gegner schlagen. Nur das Bayern-Spiel muss man ausklammern, da sind die Spieler in Ehrfurcht erstarrt. Für uns wird das Spiel eine Herausforderung, und wir müssen an unsere guten Leistungen anknüpfen, sonst werden wir gegen Frankfurt keine Chance haben.
Mal ganz direkt gefragt: Welchen Anteil haben Sie am Erfolg?
Das Trainerteam gibt den Jungs Hilfsstellungen, wir bringen sie konditionell und taktisch in eine gute Verfassung. Wir arbeiten hart und intensiv, wir bieten ein qualitativ hochwertiges Training an. Der Rest muss von den Spielern kommen.
Halten Sie die Leine eher lang? Oder sind Sie ein Disziplinfanatiker?
Disziplin ist für mich das oberste Gebot. Auf dem Platz und auch außerhalb. Aber auch der Spaß gehört dazu, jeder soll gerne zur Arbeit gehen. Ich muss dennoch im richtigen Moment ein hohes Maß an Konzentration verlangen können. Die Jungs können bei mir ein sehr schönes Leben haben. Aber ich kann auch sauer werden.
Bereitet der Aufstieg vom Co- zum Cheftrainer Probleme? Muss man sich da erst mal Autorität verschaffen?
Ich war ja schon als Spieler vom VfB eine Führungskraft, da ist mir schon sehr viel Respekt entgegengebracht worden von den Mitspielern. Jetzt hat sich meine Position geändert, ich muss Entscheidungen treffen, ich trage Verantwortung - und ich muss meinen Kopf dafür hinhalten. Ich bin sehr umgänglich, ich behandele jeden Mitarbeiter und jeden Spieler respektvoll, so bin ich erzogen worden. Und deshalb erwarte ich auch Respekt mir gegenüber. Wenn einer meint, ihn mir nicht zollen zu müssen, habe ich kein Problem damit, diesen Spieler auszusortieren.
Erzählen Sie uns von Ihrer Philosophie. Es ist ja oft so, dass frühere Defensivspieler als Trainer eine offensive Ausrichtung ihrer Mannschaft bevorzugen - und umgekehrt. Ist das bei Ihnen auch so?
Nein. Die Basis ist die Defensive. Ich spiele lieber fünfmal 1:0 als fünfmal 5:4. Mir ist es als Verteidiger auch schon auf den Keks gegangen, wenn wir 3:0 geführt und dann noch ein Gegentor bekommen haben. Als Trainer versuche ich eine gute Mischung zu finden, das Ausgewogene ist der Schlüssel zum Erfolg. Und Sie müssen sehen, dass wir viele Spieler haben, die ohnehin offensiv ausgerichtet sind. Ich versuche den Offensiven auch das Defensivspiel beizubringen, damit sie mal merken, was die Jungs da hinten leisten müssen. Und auf Dauer wird man keinen Erfolg haben, wenn man nur nach vorne rennt.
Herr Babbel, erzählen Sie uns doch mal, weshalb Jens Lehmann so viele Extrawürste gebraten bekommt.
Was heißt Extrawürste? Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Wenn ein Spieler 39 Jahre alt ist, wenn er so viel erreicht und geleistet hat wie Jens und nach wie vor so hochprofessionell lebt und arbeitet, dann bekommt er von mir auch gewisse Freiheiten. Wenn ein anderer Spieler in so ein Alter kommt, solche Leistungen bringt und eine solche Einstellung an den Tag legt wie Jens, dann wird er bei mir auch nicht jeden Tag zweimal trainieren müssen. Dann reicht es mir auch, wenn er einmal kommt. Und ob Jens jetzt mit dem Hubschrauber hin- und herfliegt, ist mir egal. Im Gegenteil: Es ist mir sogar lieber, wenn er fliegt, da ist er ausgeruhter, als wenn er mit dem Auto kommt. Noch mal: Wichtig ist für mich seine Einstellung, er trägt den absoluten Siegeswillen in sich.