Professor Glaeske, wie schafft es eigentlich die Pharmaindustrie seit Jahren trotz aller Spargesetze hohe Gewinne zu machen?
Die Bedingungen für die pharmazeutische Industrie sind bei uns sehr günstig. Seit jeher können Hersteller die Preise für neue patentgeschützte Arzneimittel alleine festsetzen. Das war eine alte politische Entscheidung, um den Forschungsstandort Deutschland zu fördern. Leider hat die Pharmaindustrie dies den Politiker nicht gedankt und die Situation ausgenutzt. Es gibt viele teure Mittel auf dem Markt ohne Zusatznutzen. Zum zweiten hat die Pharmaindustrie immer sehr gute Lobbyisten und sehr gute Kontakte in die Politik gehabt.
Gerd Glaeske, (64), ist Professor für Arzneimittelversorgungsforschung in Bremen. Seit 2003 ist er Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Allerdings hat Bundesgesundheitsminister Rösler bisher auf die Expertise des angesehenen Pharmazeuten verzichtet. (wow)
Gesundheitsminister Rösler hat sich nun vorgenommen bis zu zwei Milliarden Euro zu sparen. Ist das ein realistisches Ziel?
Es gibt ein großes Einsparpotenzial. Viele Ärzte verordnen zu teuer. Und viele Arzneimittel kosten im Vergleich zum Ausland zu viel. Das Krebsmittel Glivec kostet bei uns 2700 Euro ab Hersteller, in Großbritannien 1800 Euro. Neue Arzneimittel imponieren hier mit einem besonders hohen Preis.
Wie viel lässt sich denn sparen?
Wenn wir das Einsparpotenzial bei den Verordnungen der Ärzte und bei den Preisen zusammennehmen, kommen wir leicht zu drei bis vier Milliarden Euro. Darum lohnt sich zu kämpfen.
Wie bewerten sie denn die Pläne von Minister Rösler?
Sie sind völlig unzulänglich. Rösler sichert den Unternehmen weiter einen freien Zugang zum Markt der Krankenkassen zu. Und über Rabatte können sich die pharmazeutischen Hersteller von einer Kosten-Nutzen-Bewertung freikaufen. Das ist das völlig falsche Signal. Das kann doch nicht wahr sein.
Was müsste getan werden?
Wir brauche eine konsequente und verpflichtende Kosten-Nutzen-Bewertung. Wenn ich darauf verzichte, kann ich keine Verhandlungen führen. Sonst weiß ich doch überhaupt nicht, wie ich ein Arzneimittel einzuschätzen habe. Die Kassen können doch so nicht verhandeln.
Sollte es schon vor der Zulassung eine solche Bewertung geben?
Man kann sich schon ein bis zwei Jahre vor der Zulassung die bis dahin vorliegenden Unterlagen ansehen und eine frühzeitige erste Bewertung abgeben. So hat der Verhandlungspartner etwas in der Hand.
Weitere Prüfungen müssten aber folgen?
Nach der Zulassung muss die Anwendung bei Patienten im normalen Praxisbereich unter wissenschaftlichen Prüfungsbedingungen untersucht werden. Nach einer gewissen Zeit - nach zwei bis drei Jahren - kann ich dann sagen, ob ein bestimmtes Mittel seinen Nutzen gezeigt hat oder nicht und neu in die Diskussion über den Preis einsteigen.
Zunächst also eine vorläufige Prüfung und später eine Bilanz?
Richtig. Man kann dann auch ein Mittel sofort auf den Markt lassen und sogar den Preis akzeptieren, den der Hersteller verlangt. Aber dann gibt es eine zweiten Runde der Überprüfung nach zwei bis drei Jahren und dann kommt die Schlussabrechnung. Wenn sich bei einer Kosten-Nutzen-Bewertung der Nutzen nicht herausgestellt hat, muss der Hersteller das Geld zurückbezahlen.
Und wenn es ihn dann nicht mehr gibt?
Die pharmazeutische Industrie muss dann einen Pool bilden und die Gesetzliche Krankenversicherung entschädigen. Die Alternative wäre, sich gleich bei der Marktzulassung über einen Preis zu verständigen. Wenn der niedrig angesetzt ist, kann man sogar später einen Zuschlag bezahlen, wenn der Nutzen höher ist als erwartet. Wichtig ist aber, dass wir ein geregeltes Verfahren haben.
Ihr Vorschlag funktioniert nur dann, wenn die Einrichtung, die die Arznei bewertet, schlagkräftig ist. Doch dort wird der Leiter gerade abgelöst, weil er nicht industriefreundlich genug war.
Das Qualitätsinstitut Iqwig muss gestärkt und ausgebaut werden. Es braucht mehr Geld und mehr Personal. Und es braucht auch die politische Unterstützung. Ich befürchte, dass die Koalition diese Arbeit nicht weiterführen will und das Institut im Gegenteil schwächt. Das könnte ich überhaupt nicht verstehen.
Sehen Sie im Ausland einen Staat, der seine Arzneimittelkosten im Griff hat?Im Griff hat sie niemand. Dafür ist die Pharmaindustrie zu vernetzt und zu stark. Die Probleme sind überall ähnlich, aber bei uns sind sie besonders groß. Wenn Herr Rösler sie lösen will, muss er mit harten Bandagen gegen die Pharmaindustrie kämpfen.
Interview: Wolfgang Wagner