In ihrer Garage hält Hrafnhildur Thorarinsdottir Ausverkauf: Kinderkleider, Kerzenständer, Christbaumschmuck, alles für ein Viertel des Preises, den sie in ihrem Laden in Reykjaviks Einkaufsmeile nehmen wollte. Dort hängt jetzt ein Schild "zu vermieten", doch Mieter finden sich keine, obwohl Laugavegur die erste Adresse in Islands Hauptstadt ist.
Dort kostendeckend über die Runden zu kommen, wäre auch in guten Tagen ein harter Job gewesen; jetzt, im Zeichen der Finanzkrise, ist es unmöglich.
In der Finanzkrise ist das Nein zum Euro Island teuer zu stehen gekommen. Jahrelang wurde die isländische Krone für lukrative Spekulationsgeschäfte genutzt - jetzt ließ die Flucht der Investoren in sichere Häfen die Währung in die Tiefe stürzen.
Der Bankensektor des Inselstaats war hoffnungslos aufgebläht. Die Bilanzsumme der nun weitgehend verstaatlichten Branche war viermal so groß wie das Inlandsprodukt.
"Ich bin mit hohen Schulden ausgestiegen, und die wachsen weiter", sagt die 30-jährige Jungunternehmerin. Sie hat auf Anraten ihrer Bank einen Fremdwährungskredit genommen, wegen der günstigen Zinsen. Nun hat die isländische Krone zwei Drittel ihres Werts verloren, und die Kreditsumme hat sich verdreifacht.
"Ich habe mein Haus verpfändet, also muss ich weiter zahlen, sonst nehmen sie uns die Bleibe weg." Jetzt arbeitet sie in einem Bäckergeschäft, "doch ich verdiene weniger, als ich abzahlen muss". Früher hat sie als Aktienmaklerin gearbeitet, "da verkaufe ich lieber Brot".
"Wie eine Naturkatastrophe" hat die Krise Island getroffen, sagt Solveig Olafsdottir, Sprecherin des Roten Kreuzes. "Wir sind ein Volk im Schockzustand. Wir wissen, dass die Konsequenzen heftig sein werden, aber wir können es noch nicht verstehen."
Die Banken sind pleite, die Baukräne stehen still, die Arbeitslosigkeit hat sich verdoppelt und wird im nächsten Jahr auf zehn bis 20 Prozent hochschnellen, so die Prognosen. Und das in einem Land, in dem "Arbeit heilig" war, wie es der Schriftsteller Einar Mar Gudmundsson nennt.
Der Begriff Vollbeschäftigung war noch eine Untertreibung: Viele hatten zwei Jobs oder drei und machten Überstunden bis zum Gehtnichtmehr. Auf Massenarbeitslosigkeit ist das System Island nicht vorbereitet. Nach drei Monaten ohne Beschäftigung gibt es 136.000 Kronen, davon kann niemand leben. Wie viel das in Euro ist? Gute Frage, aber nicht so einfach zu beantworten.
Vor einem Jahr kostete ein Euro 85 Kronen, jetzt notiert ihn "Sedlabanki", die Notenbank in Reykjavik, für 175, während die EZB in Frankfurt eher 245 für angemessen hält. Was dazu führt, dass das früher so teure Island plötzlich ein Schnäppchenland für Touristen wurde, was diese weidlich ausnützen. An Wochenenden sind die Flüge und Hotels voll, und im Einkaufszentrum Kringlan bestreiten Skandinavier, Deutsche und Briten 70 Prozent des Vorweihnachtsgeschäfts. Für die Isländer ist die Wirklichkeit eine andere.
Die sehen eine Inflation, die auf 20 Prozent zusteuert, und Lebensmittelpreise, die sich teilweise verdoppelt haben. Die Isländer, die früher wahllos kauften, was sie haben wollten, schauen jetzt auch beim Discounter sehr genau auf die Preise. Die Läden mit den teuren Edelmarken, die das hippe Reykjavik früher gerne als Testlauf für neue Kollektionen benützten, sind selbst an den langen Einkaufssamstagen gähnend leer.
Stattdessen strömen die Menschen vor das Parlament, wo Samstag für Samstag die Protestkundgebungen wachsen, 600 Teilnehmer waren es anfänglich, 6000 zuletzt. Das ist enorm in einem Land mit 320000 Einwohnern, in dem es seit den 70er Jahren keine Massenkundgebungen mehr gab - damals protestierten Linke gegen die US-Militärpräsenz auf der längst verlassenen Keflavik-Basis.
Heute ist das Bild ein anderes: In Windjacke und Pelzmantel, mit Hund und Kinderwagen, alt und jung, Männer und Frauen, mit schwarzen Anarchistenfahnen und den blauen der EU, alle sind sie da, alle ballen die Fäuste und stimmen jubelnd ein, wenn die Redner den Rücktritt von Notenbankchef und Ministerpräsident fordern, und dass jemand die Verantwortung übernehmen müsse für das Debakel.
Der Zorn wächst. Am Samstag setzte die Polizei erstmals Pfefferspray gegen aufgebrachte Demonstranten ein. "Wie die DDR vor dem Fall der Mauer", meint Gudmundsson, der Dichter, einer der führenden Köpfe des Aufruhrs. "Das politische System hat alle Glaubwürdigkeit verloren."
Mit der Liberalisierung der Banken habe es begonnen, als die Politiker "den Reichtum des Volks ihren Freunden schenkten", die Banken unkontrolliert wuchsen - zuletzt belief sich deren Bilanzsumme auf das Zwölffache des Sozialprodukts des Landes. Bis alles zusammenkrachte wie ein Kartenhaus.
"Der Geldadel hat seine Nobelpreiswürdigen Löhne mit der enormen Verantwortung begründet, die er trage", zürnt Gudmundsson. "Aber jetzt wälzt er die Rechnung auf die kleinen Leute ab."
Ein "nationaler Zustand der Verleugnung" habe Island geprägt in den Jahren des Booms, sagt der Nationalökonom Gylfi Magnusson, einer der wenigen, die damals schon warnten, dass es nicht gut gehen könne, wenn man "vier Kronen verprasst, wenn man für drei produziert hat".
Damals wurden die Warner als Neider abgestempelt und lächerlich gemacht. Macht uns die schöne Party nicht kaputt! Und man gab weiter Vollgas, trotz Rotlicht. Mit Ignoranz reagierten nicht nur Banken und Finanzfürsten, Regierung und Aufsichtsorgane.
"In einer so kleinen Gesellschaft breiten sich Epidemien rasch aus", sagt Magnusson. Wenn der ehemalige Klassenkamerad plötzlich Milliardär ist, denken andere: "Der war nicht klüger als ich, das kann ich auch." Und mit der Kontrolle hapert es, wenn der, den man kontrollieren sollte, der Liebhaber der Schwester ist.