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20. Februar 2009

Israel: Immer freitags gegen die Mauer

 Von SEBASTIAN GEHRMANN
Bunte Gewalt: Ein Demonstrant in Bil’in wird von einem israelischen Wasserwerfer eingefärbt.  Foto: ap

Seit vier Jahren versammeln sich Menschen im palästinensischen Bil'in zum Protest am israelischen Grenzzaun. Von Sebastian Gehrmann

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Vor den Toren von Bil'in schreien die Menschen nach "Freiheit für Palästina" - die israelischen Soldaten schreien: "Halt!" Und: "Keinen Schritt weiter!" So fängt es an.

Wenn die ersten Dorfbewohner den Grenzzaun erreichen, der sich quer durch ihre Felder zieht, heult bedrohlich auf der anderen Seite der Motor des Wasserwerfers auf. Wenn sie an den Maschen rütteln, fegt sie der gewaltige Strahl von den Beinen. Sie schleudern Steine auf die Soldaten, die feuern mit Gasgranaten zurück. Menschen sacken zu Boden, Menschen fliehen. Wenn sich der beißende Rauch verzieht, der einem die Sicht vernebelt und die Luft abschnürt, überzeugen gummiummantelte Geschosse den Rest, dass es nun an der Zeit ist zu gehen. So endet es.


Nach einer Dreiviertelstunde ist der Spuk meist schon wieder vorbei.

Seit vier Jahren geht das schon so. An jedem Freitag, dem muslimischen Ruhetag, kurz nach dem Mittagsgebet. Die israelischen Soldaten in dem kleinen Wachturm können inzwischen die Uhr danach stellen. Dann zieht die kleine Menschenmenge aus Bil'in mit ihren Fahnen den kleinen Hügel hinunter. Vorbei an steinigen Feldern und alten Olivenbäumen, auf einer schlecht geteerten Straße bis zum Zaun, der das Westjordanland auf 759 Kilometern von Israel abriegelt. Die Israelis nennen ihn in ihrer Sorge vor Anschlägen "Sicherheitsbarriere", die Palästinenser sagen "Mauer". In Bethlehem ist der Zaun neun Meter hoch und aus Beton.

Früher waren es stets Volksfeste, freitags in Bil'in, 1800 Einwohner, im Osten Ramallah, im Westen Tel Aviv. Früher tagte das Dorfkomitee, das den Widerstand organisiert, bis tief in die Nacht. Tagelang, sagt Mohammed Khatib, haben sie sich "den Kopf darüber zerbrochen, was wir als Nächstes auf die Beine stellen". Sie haben Figuren aus Pappe gebastelt und Traktoren geschmückt, haben Plakate bemalt und sind zur Grenze marschiert. Am 20. Februar 2005 zum ersten Mal.

Manchmal haben Musiker gespielt. Manchmal haben sie gesungen. "Es waren stets friedliche Proteste", sagt Khatib, das Gesicht von Bil'in, ein hagerer Mann mit stolz geschwellter Brust. Friedlich, sagt er, "sind sie noch immer" - aber friedlich enden sie nicht. Am Ende kommt der Wasserwerfer, das Tränengas, die gummiummantelten Geschosse. Wie viele dabei im Laufe der Jahre verletzt wurden, kann niemand so genau sagen.

An diesem Freitag treffen sich noch die üblichen Verdächtigen in Bil'in, Männer und Jungen aus dem Dorf, Mitglieder der israelischen Linken, eine Handvoll vielleicht. Dazu Helfer internationaler Organisationen, die die Demonstrationen Woche für Woche dokumentieren, ein Reporter aus Deutschland und vier Japaner in bunten Hemden.

Einmal kam eine Gruppe Dänen mit dem kleinen Bus aus Ramallah. Die Dänen haben sich traditionelle Tücher um die Köpfe gewickelt, sie sahen aus wie Jassir Arafat auf den vergilbten Plakaten an dem kleinen Laden, oben, an der Hauptstraße. Sie haben sich Armbänder in den palästinensischen Farben gekauft und gefragt, wie gefährlich Tränengas ist. Als die Bewohner von Bil'in anfingen, mit Steinen zu schmeißen, standen die Dänen in der ersten Reihe.

Den vier Japanern genügen aus sicherer Entfernung ein paar tränengasvernebelte Bilder fürs Familienalbum.

Mohammed Khatib sagt, das Bürgerkomitee habe "in den vergangenen Jahren viel erreicht". Vielleicht zu viel - und die Sensationstouristen, die immer öfter kommen, um ein wenig Nervenkitzel hautnah zu erleben, sind das kleinere Übel. Bis vor das Oberste Israelische Gericht ist das kleine Bil'in gezogen, hat erfolgreich gegen den Verlauf der Grenze geklagt, die ihnen 230 000 Hektar, mehr als die Hälfte ihres Landes, raubt, und die israelische Siedlung Mattiyahu, die wie eine Festung lange Schatten auf ihre Felder wirft. Den Ausbau der Grenzbefestigung haben sie so verzögert, den Siedlungsbau, der nach internationalem Recht ohnehin illegal ist, zwischenzeitlich stoppen können. Doch wann die Urteile umgesetzt werden, sagt Khatib, "das weiß nur Gott". Also demonstrieren sie weiter. Jeden Freitag.

Das wissen nicht nur die Touristen. Das weiß längst auch das israelische Militär.

"Boash" heißt die wohl berüchtigtste Wunderwaffe, eine bestialisch stinkende, klebrige, in Haut und Kleider sickernde Gülle, entwickelt in einem Labor der Polizei. Die lobte die widerliche Brühe Ende des vergangenen Jahres in den höchsten Tönen, "gewaltfrei" war eine der am häufigsten gebrauchten Vokabeln. Jeder Demonstrant, hieß es in einer Pressemitteilung, würde bei dem Gestank "um sein Leben rennen".

Die Probeläufe waren allesamt vielversprechend. An einem Freitag in Bil'in musste "Boash" seinen Härtetest bestehen. Keiner ahnte etwas, viele konnten es riechen. Auch Khatib merkte, "dass da irgendwas faul ist". Ungewöhnlich lange war die Maschine im Bauch des Wasserwerfers angelaufen, so, erinnert er sich, "als ob das Rohr verstopft sei". Dann spuckte das Ungetüm "dieses Zeug aus". Der Geruch war unerträglich, widerlich, "eine Wolke, die nach faulen Eiern und verdorbenem Fleisch roch". Angewidert verzieht er sein Gesicht.

In Bil'in bekommen es die Menschen regelmäßig am eigenen Leib zu spüren, wenn aus einer Skizze der Israelis ein Prototyp wird, auch Eliran Tamuz, geboren in Jerusalem. Tamuz, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, beschreibt sich als "linken Juden", als "Exot". Was sie auf dem Weltmarkt vergeblich suchen, sagt Tamuz, "erfinden die Israelis selbst". Mit Glück kommt ein Exportschlager dabei heraus, der bereits unter realen Bedingungen zum Einsatz kam. Die Wissenschaft nennt das Feldversuch.

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