Herr Ziegler, so fürchterlich die Zerstörungen in Haiti sind - auch vorher haben die Haitianer gelitten, als zweitärmstes Land der Welt. Jetzt, endlich, versucht der Westen zu helfen ... Der Westen kümmert sich viel zu spät um Haiti. Das Land war uns ja bisher praktisch egal. Aber genau das rächt sich jetzt, im Moment der Katastrophe. Wissen Sie, wie viele große Bulldozzer es gab, bevor die Amerikaner gekommen sind? Achtunddreißig! Für das gesamte Land. Die haitianische Regierung hat niemals Baunormen und erdbebensichernde Maßnahmen durchgesetzt - obwohl die Gefahr eines Erdbebens seit langem bekannt war und es Vorschläge gab, instabile Kanisterstädte wie die Cité du soleil zu evakuieren.
Und die Hilfe des Westens? Wie viele Menschen wurden denn gerettet? Unter über 200000 Toten genau 137. Das ist nicht viel. Kuba hat einen Zivilschutz, genau so wie die Dominikanische Republik und viele andere. In Haiti gab es nichts davon. Hier wurde der Aufbau eines Nationalstaates verhindert. Es gab den haitianischen Staat aber eigentlich gar nicht mehr, trotz seiner neun Millionen Einwohner und 28000 Quadratkilometer.
Jean Ziegler ist ist Soziologe und Politiker. Er war sozialdemokratischer Abgeordneter im Schweizer Nationalrat, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Mitglied der UN-Task-Force für humanitäre Hilfe im Irak und ist seit 2008 im Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats tätig.
Sein neuestes Buch "Der Hass auf den Westen" erschien letztes Jahr im Bertelsmann Verlag (vgl. FR vom 20.10.2009).
Was werden die Konsequenzen der Katastrophe sein? Die werden dramatisch sein. Denn dieses fürchterliche Unglück ist auch ein Aufbruch. Der haitianische Staat hat sich als unfähig erwiesen. Die Menschen wollen jetzt etwas anderes. Staatspräsident Préval und die ganzen korrupten Söldnertruppen werden radikal abgelehnt. Vorher hat noch jeder versucht, sich durch Korruption durchzulavieren, auch dem kleinen Polizisten sein Bakschisch zu reichen, damit man ungestört in einer illegalen Siedlung leben durfte. Jetzt spüre ich, dass die Menschen radikal brechen mit dieser Lethargie. Es gibt einen Aufstand des politischen Bewusstseins. Das verwundete Gedächtnis erwacht.
Was meinen mit dem Begriff "verwundetes Gedächtnis"? Sie benutzen ihn ja auch in ihrem Buch "Der Hass auf den Westen"... Das verwundete Gedächtnis - das bezieht sich auf ein Gedicht von Aimé Césaire, dem großen Dichter aus Martinique: "Ich bewohne eine heilige Wunde. Ich bewohne ein langes Schweigen, ich bewohne einen dreihundertjährigen Krieg, ich bewohne einen unstillbaren Durst." Irgendwann bricht es aus Menschen, die sehr lange geschwiegen haben, heraus, irgendwann wird das unausgesprochene Leiden Sprache und Bewusstsein. Das ist übrigens ein Phänomen, das wir auch aus dem Holocaust kennen. Elie Wiesel schreibt davon im ersten Band seiner Autobiographie "Alle Flüsse fließen ins Meer." Es ist ja eine merkwürdige Sache, so ein kollektives Gedächtnis, mit seinen Rhythmen. Die Überlebenden des Holocaust haben sich lange geweigert zu reden. Auch ihre Kinder konnten noch nicht davon sprechen. Erst in der dritten Generation hat man die Möglichkeit gefunden, den Holocaust zur Sprache zu bringen und seine Realität zuzulassen. Es hat vierzig Jahre gedauert, bis der Holocaust Bewusstsein, das Trauma Sprache geworden ist.
Was hat das mit den Völkern des Südens zu tun? Schauen Sie sich die Ausbeutung und Massaker in der Dritten Welt an. Die Sklaverei ist in Brasilien erst vor 120 Jahren aufgehoben worden, die Massaker der Kolonialkriege stoppten im größten Teil Afrikas erst vor 50 oder 60 Jahren mit der Unabhängigkeit. Davor liegen 500, 400 oder 300 Jahre schwersten Unrechts. Die Völker der Dritten Welt haben lange gebraucht, um diese Verbrechen in ihrem Bewusstsein zu reflektieren, von den Verbrechen zu sprechen. Aber jetzt finden sie ihre Sprache.
Wirklich? Wie soll sich das äußern? Nehmen Sie das Beispiel Algerien. Da trafen sich der französische Präsident Sarkozy und der algerische Präsident Bouteflika, um Lieferverträge für Erdgas zu unterzeichnen. Die Verträge liegen auf dem Tisch, da erhebt sich Bouteflika und sagt: "Ich will eine Entschuldigung für Setif". In der Stadt Setif waren 42000 Algerier bei Protesten gegen die französische Kolonialherrschaft 1945 ermordet, von der Luftwaffe und der Fremdenlegion niedergemetzelt worden. Daraufhin sagt Sarkozy diesen unglaublichen Satz: "Ich bin nicht der Nostalgie wegen hergekommen." Wörtlich, das steht so im Protokoll. Und Bouteflika antwortet: "La mémoire avant les affaires" - das Gedächtnis vor den Geschäften." Und es gab keine Verhandlungen, bis heute nicht. Als Bouteflika nach Paris fliegt, bleiben die Verträge ununterschrieben. Das ist doch etwas radikal Neues!
Findet das "verwundete Gedächtnis" Anerkennung im Westen? Noch gar nicht. Es ist ungeheuer, wie die westlichen Regierungen mit dem Bewusstsein der Afrikaner umgehen. Zum Beispiel Nigeria. Nigeria ist der achtgrößte Erdölproduzent der Welt - und das siebentärmste Land der Welt! Stellen Sie sich das vor! Seit 1966 folgt eine Militärdiktatur der nächsten. Einer dieser Junatchefs heißt Yar Adoua, ein General, der übrigens in Nordnigeria Christen hingerichtet hat. Seine Wahl wurde von einer Beobachterkommission als betrügerisch und inakzeptabel eingestuft. Und was macht Frau Merkel? Sie lädt genau diesen Yar Adoua als "Ehrengast" nach Heiligendamm ein, zu den G8. Als Ehrengast! Wole Soyinka sagte, dies sei eine Ohrfeige für den ganzen afrikanischen Kontinent gewesen.
Hat der Süden dennoch eine Chance? Aber ja. Am 1. Januar 2006 trat der erste indianische Präsident Südamerikas sein Amt an. Vorher hatte man nie etwas Marginaleres, Verschlosseneres, Versteinerteres gesehen als die Indios, Quetchua und Aimara. Die Menschen waren massakriert in den Bergwerken, die haben gehungert, 500 Jahre lang. In Potossi sind seit dem 15. Jahrhundert acht Millionen Menschen gestorben. Und plötzlich erleben die eine Renaissance. Es gab Aufstände, einen Wasserkrieg, dann die Wahlen. Da ist eine Kollektividentität aus der fernen Vorgeschichte auferstanden. Und zwar mit unglaublicher Dynamik, und das hat diesen Evo Morales nach vorne katapultiert. Dort hat er innerhalb von sechs Monaten Gas- und Erdölgesellschaften zu Dienstleistungsbetrieben umfunktioniert. 82 Prozent der Gewinne fließen jetzt an den bolivianischen Staat. Und die westlichen Gesellschaften haben das alles unterschrieben. Bolivien war ja das drittärmste Land hinter Haiti. Und ist jetzt im Begriff, ein komplett anderes Land zu werden. Kein Hunger, Spitäler werden gebaut und Straßen, die Unterernährung geht zurück. Ich habe hier die Zahlen vom Weltwährungsfond, das ist ja kein Freundeskreis von Revolutionären. Unglaublich, wie die Fortschritte sind, gestützt auf diese Wiederauferstehung, die Verwandlung des verwundeten Gedächtnisses. Da wird echte Souveränität geschaffen, ein Rechtsstaat, eine Nation.
Ist das nicht ein bisschen blauäugig? Evo Morales könnte selbst in kurzer Zeit zum Diktator mutieren, oder er wird umgebracht... Natürlich kann man den töten - aber wenn das geschieht, dann wird in den nächsten dreißig Jahren kein Weißer den Fuß nach Bolivien setzen. Es gäbe Anarchie oder das totale Chaos. Die Bolivianer sind nicht mehr bereit, unter den Weißen zu arbeiten. Es dauert sehr lange, bis das verwundete Gedächtnis historische Kraft und Bewusstsein geworden ist. Aber dann lässt es sich nicht mehr aufhalten. Und das müssen wir begreifen. Wenn wir jetzt nicht erwachen und mit den demokratischen Kräften des Südens solidarisch werden, einen neuen planetarischen Gesellschaftsvertrag schließen, aufhören zu stehlen, undzu lügen, dann geht diese Welt zugrunde.
Interview: Werner Bloch