Moskau/Tiflis (dpa/ap/rtr/ddp) - Georgien und Russland stehen vor einem Krieg. Beide Seiten setzten im Streit um Süd-Ossetien Panzer und Kampfjets ein, angeblich starben hunderte Zivilisten. Georgien hatte zuvor eine Offensive zur Rückeroberung der abtrünnigen Region begonnen. Russland verstärkte daraufhin seine Truppen in dem Gebiet, in dem die meisten Bürger einen russischen Pass haben.
Der Präsident der nicht anerkannten Region, Euard Kokojty, spricht inzwischen von 1400 Opfern, die bei den Kämpfen in der georgischen Konfliktregion Südossetien ums Leben gekommen sind.
Während russische Truppen die abtrünnige Region unterstützen, bat Georgiens Präsident Michael Saakaschwili die USA im Sender CNN um Hilfe. Das US-Verteidigungsministerium erklärte aber, es habe keine Hilfsanfrage gegeben. Bundeskanzlerin Angela Merkel, die USA, die EU und die Nato forderten ein Ende der Kämpfe.
Russlands Kampfflieger greifen ein
Russische Kampfflugzeuge haben nach Angaben der georgischen Regierung georgische Stützpunkte bombardiert. Das Außenministerium in Tiflis teilte mit, es habe bei dem Angriff in Bolnissi Opfer gegeben. Das georgische Außenministerium bezeichnete die russischen Luftangriffe als Beweis einer russischen Aggression gegen Georgien und rief die internationale Gemeinschaft um Hilfe dagegen an.
Der russische Präsident Dmitri Medwedew hatte zuvor Maßnahmen gegen die blutigen Militäroffensive Georgiens angekündigt. "Gemäß der Verfassung und der Gesetze bin ich als Präsident der Russischen Föderation verpflichtet, Leben und Würde der russischen Bürger zu schützen, wo auch immer sie leben", sagte Medwedew nach Angaben der Agentur Interfax.
Das russische Verteidigungsministerium hat daraufhin reguläre Soldaten und Panzer nach Südossetien entsandt. Russland hat in Südossetien bisher 500 eigene Friedenssoldaten stationiert. Die russische Teilrepublik Nordossetien hat ebenfalls 500 Mann in der von den Vereinten Nationen eingesetzten gemischten Kontrollkommission.
Saakaschwili zieht Truppen aus dem Irak ab
Der georgische Präsident Michail Saakaschwili ruft wegen des bewaffneten Konflikts in Südossetien die 2.000 georgischen Soldaten aus dem Irak zurück. Unter ihnen: 1000 Elitekämpfer, wie der Sekretär des nationalen Sicherheitsrats in Tiflis, Alexander Lomaia, bestätigt.
Experten in Tiflis gingen bisher immer davon aus, dass eine solche Initiative Signal für einen möglicherweise größeren Krieg im Südkaukasus sein könnte.
Georgien stellte bisher nach den USA und Großbritannien das drittgrößte Kontingent der Koalitionstruppen im Irak. Saakaschwili sagte am Freitag dem US-Fernsehsender CNN, er ziehe die Soldaten wegen der Kämpfe in Südossetien aus dem Irak zurück.
Russische Friedenssoldaten getötet
Bei den Kämpfen in Südossetien im Kaukasus sind nach Angaben des Moskauer Verteidigungsministeriums mindestens zehn Angehörige der russischen Friedenstruppen ums Leben gekommen. Weit mehr Verluste gibt es unter den Zivilisten, so die Behörden. Mehrere hundert Menschen seien ums Leben gekommen, sagte der Präsident der nicht anerkannten Region, Eduard Kokojty, am Freitag nach Angaben der Agentur Interfax.
"Wir werden den Tod unserer Landsleute nicht ungesühnt lassen. Die Schuldigen werden gebührend bestraft", hatte der Kremlchef zuvor gesagt. Sollten russische Soldaten ohne internationales Mandat in Südossetien einmarschieren, wäre das ein Verstoß gegen Völkerrecht. Südossetien gehört völkerrechtlich zu Georgien, wird allerdings von Russland wirtschaftlich unterstützt.
Saakaschwili bittet USA um Hilfe?
Im sich anbahnenden Krieg hat Georgiens Präsident Michail Saakaschwili die USA zur Hilfe gerufen. Es sei im Interesse der USA, seinem Land zu helfen, sagte Saakaschwili dem US-Sender CNN in einer Live-Zuschaltung: "Es geht nicht mehr nur um Georgien. Es geht um Amerika und seine Werte. Wir sind ein Freiheit liebendes Land, das derzeit angegriffen wird." Russland führe auf georgischem Boden Krieg gegen sein Land.
Die USA allerdings bestreiten, einen Hilferuf erhalten zu haben. Es habe Kontakt mit georgischen Offiziellen gegeben, sagte ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums in Washington. Auf die Frage, ob es eine Anfrage um Unterstützung gegeben habe, antwortete es aber mit "Nein". Die Vorgänge in Georgien würden dennoch genau verfolgt.
Zur Verteidigung gegen die Militäroffensive aus Georgien hatte die abtrünnige Region Südossetien Russland offiziell um bewaffneten Beistand ersucht. Die Behörden in der südossetischen Hauptstadt Zchinwali riefen die russische Führung auf, das Leben der Bevölkerung in der Konfliktregion zu schützen, meldete die Agentur Interfax.
Medien berichteten am Freitag von vielen Toten und Verletzten. "Wir brauchen ein militärisches Eingreifen, damit der Krieg aufhört, der Aggressor gestoppt wird und die Seiten an den Verhandlungstisch zurückkehren", sagte Südossetiens Vertreter in Russland, Dmitri Medojew, am Freitag.
NATO und Merkel besorgt
Mit großer Sorge verfolgt die NATO die jüngsten kriegerischen Auseinandersetzungen im Kaukasus. NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer erklärte in Brüssel, er sei ernsthaft besorgt über die Ereignisse in Georgien und Südossetien. Die Allianz verfolge die Lage dort sehr genau. Der NATO-Generalsekretär appellierte an alle beteiligten Konfliktparteien, die Kämpfe sofort zu beenden und in Verhandlungen einzutreten.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat ein sofortiges Ende der kriegerischen Auseinandersetzung in Südossetien verlangt. In Telefonaten mit dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew und Georgiens Staatschef Michail Saakaschwili forderte sie beide Seiten auf, die Gefechte unverzüglich einzustellen, wie der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg am Abend mitteilte. Niemand könne diesen Konflikt mit militärischen Mitteln entscheiden. Alle Seiten müssten dazu beitragen, den früheren Zustand "schnellstmöglich wiederherzustellen und eine politische Lösung zu entwickeln".
Die USA, die EU und die OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) wollen angesichts des Ernstes der Lage in Südossetien eine gemeinsame Delegation nach Georgien entsenden. Die Delegation "soll so schnell wie möglich einen Waffenstillstand erreichen", hieß es in einer Erklärung des französischen EU-Ratsvorsitzes am Freitag in Paris.
Georgien beginnt Offensive zur Rückeroberung Südossetiens
Georgien hat am Freitag seine Offensive zur Rückeroberung der abtrünnigen Region Südossetien gestartet. Schon zuvor gab es Berichte über heftige Gefechte, bei denen mindestens 15 Menschen getötet wurden.
Unterdessen hat der georgische Präsident Michail Saakaschwili eine allgemeine Mobilmachung der Truppen und Reservisten angeordnet. "Nur so können wir unser Land retten", sagte Saakaschwili am Freitag laut Medien in Tiflis. Georgien kontrolliere bereits den Großteil Südossetiens, sagte Saakaschwili.
Georgiens Streitkräfte haben nach Angaben von Präsident Micheil Saakaschwili in der abtrünnigen Region Süd-Ossetien die Hauptstadt Zchinwali und die Mehrzahl der Dörfer unter ihre Kontrolle gebracht. Saakaschwili erklärte zudem am Freitag, bei russischen Bombenangriffen auf die Region seien rund 30 Georgier ums Leben gekommen, die meisten von ihnen Angehörige des Militärs.
UN-Sicherheitsrat ohne einheitliche Linie
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat sich in einer Dringlichkeitssitzung nicht auf eine gemeinsame Linie zum Konflikt zwischen Georgien und Südossetien einigen können. Der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin, der die Sitzung beantragt hatte, warf dem höchsten UN-Gremium in der Nacht zum Freitag (Ortszeit) mangelnden politischen Willen vor.
Er und ein Vertreter Georgiens beschuldigten sich gegenseitig, für die Eskalation der Gewalt in der Region verantwortlich zu sein. Nach dem Bruch der Waffenruhe in der georgisch-südossetischen Konfliktzone hatten beide Seiten nach Angaben der Agentur Interfax Ziele mit Kampfflugzeugen bombardiert.
Der amtierende Ratspräsident Jan Grauls (Belgien) sagte, das Gremium sei sich einig gewesen, dass die Situation Anlass zur Sorge gebe. Alle Mitglieder hätten sich für ein Ende der Feindseligkeiten und die Rückkehr an den Verhandlungstisch ausgesprochen. Dennoch habe man nicht zu einer gemeinsamen Erklärung gefunden.
Auswärtiges Amt gibt Reisewarnung aus
Das Auswärtige Amt hat aus Sorge über die Gewalteskalation in Südossetien seine Reisehinweise für die von Georgien abtrünnige Region aktualisiert. "In Südossetien finden aktuell militärische Auseinandersetzungen statt, bei denen auch schwere Waffen eingesetzt werden", heißt es seit Freitag auf der Internetseite des Ministeriums. "Wie auch bisher rät das Auswärtige Amt dringend von allen Reisen nach Südossetien und in die unmittelbare Nähe der Konfliktregion ab."
Das Auswärtige Amt hat eine Reisewarnung für das gesamte Gebiet Georgiens herausgegeben. "Vor Reisen nach Georgien wird gewarnt", erklärte das Amt in Berlin. Es seien alle Verkehrsverbindungen über Land zwischen der Russischen Föderation und Georgien unterbrochen; direkte See- und Luftverbindungen gebe es jedoch inzwischen wieder. Die Verbindungen zwischen Georgien und anderen Staaten bestehen uneingeschränkt.