Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Mahnt die Bibel. Auf Margot Käßmann angewendet, könnte der Satz heißen: Wer von euch noch nie mit einem Glas zu viel am Steuer saß, wer noch nie eine rote Ampel überfuhr, der fordere Konsequenzen von der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche. So könnte man argumentieren und sagen: Die Bild-Redaktion jazzt mal wieder die persönliche Verfehlung eines Promis hoch und schaut genüsslich zu, ob er darüber strauchelt oder sich herauswinden kann.
Aber es geht eben nicht nur darum, ob viele von uns schon mal angetrunken Auto gefahren sind. Es geht vielmehr um den Fehltritt einer Frau, die wir bisher als moralische Instanz kennen und schätzen gelernt haben. Deren Leben nicht ohne Brüche ist, wie ihre Scheidung gezeigt hat, die aber immer aufrecht ihren ethischen Maßstäben folgte und sich dadurch Glaubwürdigkeit erarbeitet hat.
Es geht um eine Amtsträgerin, die sich herausnimmt, nicht nur in die Kirche hineinzuwirken, sondern die auch beherzt in öffentliche Debatten eingreift. So als sie zuletzt dem Afghanistan-Krieg die Rechtfertigung absprach und auf Distanz zum Bundeswehr-Einsatz ging. Oder als sie Guido Westerwelle vorwarf, mit seinen Attacken auf Hartz-IV-Empfänger gefährde er den sozialen Konsens. Eine Frau also, die sich keinen Maulkorb umbinden lässt. Die auch mal die katholische Kirche für ihr verqueres Verhältnis zur Homosexualität angeht oder sich skeptisch zum Zölibat äußert.
Was das alles mit dem Alkoholwert in ihrem Blut am Samstag zu tun hat? Eigentlich nichts - und doch sehr viel. Denn jemand, der anderen Ratschläge erteilt, maßt sich an, die Dinge wahrhaft zu durchdringen. Um dabei nicht als Besserwisser bloß Abwehr zu provozieren, sondern nützliche Debatten anzustoßen, ist hohes persönliches Ansehen nötig. Dazu gehört ein möglichst untadeliges Verhalten. Was der Gläubigen in der Kirchenbank verziehen wird, kratzt am Image der Amtsträgerin, die für sich in Anspruch nehmen darf, Millionen Christen zu vertreten. Kurzum: Wer an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland steht, hat sich darauf eingelassen, Vorbild zu sein. Vorbilder aber werden zu Recht nicht nur an ihren Worten, sondern auch an ihren Taten gemessen.
Insofern ist in diesem Fall nicht der Bild-Bericht das Ärgernis, sondern Käßmann selbst. Die Bischöfin hat dem Boulevard mit ihrer Alkoholfahrt über eine rote Ampel den Anlass geliefert, sie an den Pranger zu stellen. Da hilft auch ihr rasches Eingeständnis nichts, einen schweren Fehler begangen zu haben. Zwar ist es besser, als wenn sie versuchte, die Sache zu vertuschen. Doch ihr Image hat Käßmann ramponiert. Sie wird zwar womöglich menschlicher durch diesen Fehltritt, zugleich aber auch angreifbarer. Das ist deshalb nicht hinnehmbar, weil es sie für die Rolle als streitbare Mahnerin disqualifiziert. Schon wird sie genüsslich mit früheren Aussagen zitiert, sie könne nicht nachvollziehen, dass immer mehr Autofahrer drogenauffällig sind. Nicht nachvollziehen kann vielleicht auch ein Langzeitarbeitsloser, warum die Kirchenchefin mit einer Luxuslimousine durch die Gegend fährt. Und so wird das weitergehen.
Das Bild von einer Frau, die Maßstäbe setzt, ist beschädigt. Wegen eines solchen Ausrutschers? Ja. Denn Versagen im Kleinen lässt auf mangelnde Eignung für größere Aufgaben schließen. Zumal es dem Zufall zu verdanken ist, dass aus dem Fehltritt keine Tragödie wurde. Hätte Käßmann jemanden an- oder gar totgefahren, gäbe es keine quälende Debatte, ob sie im Amt zu halten ist.
Margot Käßmann selbst wird abwägen müssen, ob sie derart angeschlagen noch die moralische Autorität hat, die sie braucht, um ihr Amt auszufüllen. Sie kann diese Entscheidung nicht einem Ermittlungsverfahren überlassen. Sie braucht auch nicht zu warten, ob die Synode noch hinter ihr steht. Wer zum Vorbild nicht taugt, sollte lieber aus der zweiten Reihe agieren.
Das auszusprechen, hat mit Häme nichts zu tun, auch wenn der Verdacht naheliegt, Käßmanns Gegner nutzten ihren Fehler, um sie loszuwerden. Gerade die Fans der Frau werden schweren Herzens sagen: Sie muss Konsequenzen ziehen, auch wenn die EKD keinen auch nur annähernd gleichwertigen Ersatz aufzubieten hat. Träte sie zurück, wäre das der letzte Ausweis ihrer Qualifikation als gesellschaftliches Gewissen.