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Kieser-Training: Der letzte Spartaner

Seit 20 Jahren predigt Werner Kieser Krafttraining ohne Spaß - und ist damit populär wie nie zuvor. Mit seinem Motto "Ein starker Rücken kennt keinen Schmerz" stellt er sich gegen Operationen. Von Frederik Jötten

Seit 20 Jahren predigt Kieser Krafttraining.
Seit 20 Jahren predigt Kieser Krafttraining.
Foto: Kieser-Traing

Der Saal ist voll, knapp 400 Gäste. Eben gab es noch Streit um die Plätze in den ersten Reihen, doch es wird sofort ruhig, als Werner Kieser die Bühne betritt. Der 69-Jährige, ein mittelgroßer Mann mit Vollbart und breitem Kreuz, faltet die Hände, schreitet über die Bühne und sagt eindringlich: "Kieser-Training, das war bei Ärzten lange Zeit ein Unwort."

Mit seinem Motto "Ein starker Rücken kennt keinen Schmerz" stellt er sich gegen Operationen und Spritzen. Das kommt gut an in einem Land, in dem sieben von zehn Personen unter Rückenschmerzen leiden. An diesem Winter-Abend ist der Schweizer nach Frankfurt zurückgekehrt, jenen Ort, wo er vor 20 Jahren sein erstes Studio in Deutschland eröffnet hat. Er präsentiert seinen Zuhörern an diesem Abend eine Studie, die belegt, dass sein Training muskelaufbauend wirkt und gegen Rückenschmerzen hilft. Kieser preist die Wirkung des von ihm entwickelten Krafttrainings und die Zuhörer lauschen gebannt.

Wenige Stunden vor dem Auftritt, Interviewtermin mit Kieser in einem schmucklosen Nebenraum. Er trinkt Cola, ein gertenschlanker Asket ist er nicht. Wollte man ihn mit einem Tier vergleichen, fiele einem als Erstes ein Bär ein, gedrungen, gutmütig - und sehr gescheit, wenn es darum geht, ans Ziel zu kommen. Er blickt mit wachen Augen durch seine runde Brille und erzählt die Geschichte seines Kraftimperiums, das er vor genau 20 Jahren auf Deutschland erweiterte.

Seinen ersten deutschen Betrieb im Frankfurter Bahnhofsviertel gibt es immer noch. "Mir gefiel das Gebäude einfach so gut", sagt Kieser über den schlichten Jahrhundertwendebau und schüttelt lachend den Kopf. "Ich wusste ja nicht, dass es eine verrufene Gegend ist." Es gab Ärger mit Kleinkriminellen, heute bewacht ein Sicherheitsdienst das Gebäude.

Kalte Funktionalität in den Studios

Die Kieser-Fitness-Studios strahlen überall die gleiche kalte Funktionalität aus: Spinde aus Stahl, keine Musik, keine Sauna, statt Fitnessdrinks gibt es Leitungswasser. Er ist seiner Philosophie treu geblieben: Hier geht es nicht um Wellness, wie in vielen der anderen Studios, hier geht es einzig um die schwarzen Fitnessgeräte auf dem Parkett. "Nein, Spaß macht das nicht, hier zu trainieren", sagt Kieser. "Aber es macht glücklich."

Der Ursprung seiner spartanischen Trainingsphilosophie? Als junger Mann boxte er und zog sich im Training eine Rippenfellprellung zu. Arzt und Trainer rieten ihm zu einer sechsmonatigen Pause. Ein spanischer Boxer dagegen sagte ihm, er solle mit Hanteln trainieren. Kieser hörte auf den Kollegen und war wenige Wochen später wieder genesen. Die Idee, mit Krafttraining den Schmerz zu bekämpfen, war geboren.

1966 gründete Werner Kieser sein erstes Studio in Zürich. Anfangs lief das Geschäft schleppend, doch ab den 1970er Jahren trainierten mehr und mehr Leute bei ihm. Dann kam der Fitnessboom aus den USA nach Europa, große Studios eröffneten, mit Saunen und Solarien.

Kieser stattete seine Trainingszentren genauso aus. "Aber die Leute lagen nur noch rum, keiner hat mehr trainiert", erzählt er. Also entfernte er alles, was nicht die Muskeln stärkte - und verlor erstmal Kundschaft. "Doch mit der Zeit gewann ich neue Kunden dazu."

Kiesers Frau: eine Ärztin

Ende der 80er Jahre lernte Kieser seine Frau kennen, eine Ärztin - mit ihr zusammen entwickelte er die Medizinische Kräftigungstherapie. Seitdem gibt es in jedem Kieser-Betrieb eine Arztpraxis. Allein in Deutschland trainieren 250.000 Menschen nach seinen Methoden, nur die Konkurrenten "McFit" und "Fitness First" haben hierzulande mehr Mitglieder.

Weltweit gibt es 152 Filialen, die seinen Namen tragen. Einen Guru hat man ihn genannt, einen, der unbewiesene Tatsachen in die Welt hinaus posaunt. Der Sportwissenschaftler Dietmar Schmidtbleicher, Professor an der Goethe-Uni Frankfurt, hielt Kieser noch vor fünf Jahren vor, er könne den Erfolg seiner Methode nicht wissenschaftlich belegen. Kieser reagierte. Er gründete eine Forschungsabteilung, holte Schmidtbleicher und weitere Forscher als Berater hinzu - und machte eine wissenschaftliche Studie mit 531 Probanden.

Die auf Kiesers Vortragsreise erstmals vorgestellten Ergebnisse zeigen, dass Kieser-Training Muskeln aufbaut und gegen Rückenschmerzen hilft. "Die Studie ist sauber", sagt Schmidtbleicher heute. Und: Kieser habe sich um die Volksgesundheit verdient gemacht.

Der Vortrag ist beendet. Werner Kieser steht neben dem Tisch mit seinen Büchern und ist umlagert von Menschen. Sie suchen die Aura des Gurus, aber auch seinen fachlichen Rat. "Ich mache seit zehn Jahren Kieser-Training - wegen eines Meniskus-Schadens pausiere ich", sagt ein Mann Mitte 40. "Prompt habe ich in der Zeit einen Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule gehabt. Mein Arzt sagt, ich solle nicht trainieren - soll ich trotzdem wieder anfangen?" Kieser schaut entrüstet: "Zweifellos! Sie müssen Ihre Muskulatur stärken, die hält doch Ihre Wirbelsäule!"

Dann erzählt er einer Bekannten, wie er auf einer Unternehmer-Tagung kürzlich gefragt worden sei, ob er denn auch Fehler gemacht habe. Kieser lacht. "Manchmal kommt es mir vor, als hätte ich fast nur Fehler gemacht - und ein paar richtige Dinge, die die Fehler wieder aufgewogen haben." Aber Kieser wäre nicht Kieser, wenn er das nicht unmittelbar wieder mit seiner Trainingsphilosophie verknüpfen würde. Er lächelt verschmitzt. "Der Mensch wächst eben am Widerstand."

Datum:  16 | 2 | 2010
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