Wahrscheinlich wird man nie genau wissen, wie viele Unschuldige am 4. Mai in der afghanischen Provinz Farah im Bezirk Bala Buluk getötet wurden. Oder wie. US-Flieger sollen Gebäude bombardiert haben, weil sie diese für Taliban-Verstecke hielten. Dutzende Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder, starben. Von 26 toten Zivilisten spricht Washington, von 80 bis 100 gehen afghanische Quellen aus.
Zivile Todesopfer gehören zu den dunkelsten Kapiteln dieses endlosen Krieges. Im ersten Halbjahr 2009 stieg ihre Zahl verglichen mit dem ersten Halbjahr 2008 um 24 Prozent. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen, der am Freitag in Genf vorgestellt wurde, verloren zwischen Januar und Juli 1013 afghanische Zivilisten bei den bewaffneten Auseinandersetzungen das Leben. Im ersten Halbjahr 2008 waren es 818, 2007 lediglich 684 Tote.
Insgesamt starben 2008 in Afghanistan laut UN 2118 Zivilisten 40 Prozent mehr als 2007, steht im Bericht der UN-Unterstützungsmission in Afghanistan (Unama). Im ersten Halbjahr 2009 gehen 310 getötete Zivilisten (30,5 Prozent) auf das Konto der Regierungstruppen und ihrer Alliierten, vor allem der US-Luftwaffe. Washington scheint erkannt zu haben, dass es diesen Krieg nicht gewinnen kann, wenn es die Afghanen weiter gegen sich aufbringt.
Anfang Juli ordnete der neue Isaf-Kommandeur, US-General Stanley McChrystal, für die Nato-geführte Isaf und die US-Truppen einen Strategiewechsel an "weg von der Jagd nach den Bösewichten, hin zum Schutz der Zivilbevölkerung". Die Luftangriffe wurden reduziert. Gerade dabei waren immer wieder Unschuldige getötet worden im ersten Halbjahr 2009 rund 200. Mit der neuen Strategie sei die Zahl gesunken, sagte Nato-Sprecher James Appathurai. Auch "übertriebene Gewaltanwendung" bei der Suche nach Guerillakämpfern habe offenbar zahlreiche zivile Todesopfer gefordert. Hingegen seien weniger Zivilisten von Isaf-Angehörigen erschossen worden, weil sie einer Militäreinrichtung zu nahe kamen oder Warnungen nicht befolgten.
Todeszahlen seit jeher Spielball in der Propaganda-Schlacht
Die Taliban verteilten angeblich ein neues "Regelbuch für den Dschihad", in dem die Kämpfer gemahnt werden, "anständig mit dem Volk umzugehen" und Zivilisten zu schonen. Die Zahlen allerdings sprechen eine andere Sprache: Der Anteil der Taliban-Opfer unter den toten Zivilisten ist von 46 Prozent in 2007 auf 59 Prozent im ersten Halbjahr 2009 gestiegen. Taliban und andere Aufständische, die der Unama-Bericht als "Anti-Regierungs-Elemente" zusammenfasst, töteten 595 Menschen.
Der Anstieg des Taliban-Anteils folgt laut Unama aus einer veränderten Kampftaktik: Statt wie früher gegnerische Soldaten in Hinterhalte zu locken, zünden die Aufständischen mehr Bomben in den Städten oder an Landstraßen. Zugenommen haben auch Selbstmordattentate und gezielte Morde. "Die Angreifer nehmen immer weniger Rücksicht auf Zivilisten oder zivile Infrastrukturen", heißt es im Unama-Bericht.
Allerdings gilt auch hier: Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst. Todeszahlen sind seit jeher Spielball in der Propaganda-Schlacht. Fast täglich gibt es neue Erfolgsmeldungen über getötete Taliban. Aber waren die Toten wirklich alle Taliban? Das Militär verschweigt "Kollateralschäden" gerne. Umgekehrt haben die Taliban ein Interesse daran, die Zahl ziviler Opfer aufzubauschen, um Stimmung gegen die "ausländischen Besatzer" zu machen. Weite Teile des Krieges spielen sich ohne unabhängige Zeugen ab.
Laut UN-Generalsekretär Ban Ki Moon wurden zwischen Januar und Mai 800 Zivilisten am Hindukusch getötet. Über die Hälfte sei auf das Konto der Taliban gegangen, ein Drittel sei bei Militär-Angriffen getötet worden. "Die Zahl der zivilen Opfer ist viel zu hoch", warnte der Südasien-Direktor des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, Jacques de Maio, im Mai. "So etwas wie einen sauberen Krieg gibt es nicht. Was zurzeit in Afghanistan und Pakistan abläuft, ist ein Beweis dafür."
Auch die Bundeswehr steht vor diesem Dilemma. Im Juli töteten Bundeswehrsoldaten in Kundus einen jungen Zivilisten. Ein Kleinlaster mit fünf Insassen soll auf ihre Stellung zugerast sein. Die Soldaten hätten das Fahrzeug mit Schüssen auf den Motorblock zum Stehen gebracht, um einen möglichen Terroranschlag zu stoppen. Dabei sei der Jugendliche getötet worden. Bei einem ähnlichen Vorfall hatte ein Bundeswehrsoldat vergangenes Jahr bereits eine Frau und zwei Kinder getötet. Die Bundesregierung zahlte den Angehörigen Geld, um eine Blutrache zu vermeiden.