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Kuba: Im Museum für Lebenskunst

50 Jahre nach der Revolution in Kuba: Begegnungen mit dem Schriftsteller Leonardo Padura und anderen Träumern, Tänzern und Desillusionisten. Von Stephan Loichinger

Die Führer der Revolution: Fidel Castro (links) und Ernesto Che Guevara auf dem Fliegerstützpunkt San Julian auf Kuba (Archivbild vom 21.08.1960).
Die Führer der Revolution: Fidel Castro (links) und Ernesto Che Guevara auf dem Fliegerstützpunkt San Julian auf Kuba (Archivbild vom 21.08.1960).
Foto: dpa

Das Haus in der Straße Trocadero gleicht vielen anderen im Zentrum Havannas. Vom Eingang ohne Tür führt eine Treppe steil in den ersten Stock. Dort sichert ein Gitter mit Vorhängeschloss den Zugang zum Flur. Wer den Kopf in den Nacken legt, sieht Sterne funkeln. Dem Haus fehlt das Dach, vom zweiten Stock steht bloß die bröckelnde Fassade. In die Apartamientos der ersten Etage haben die Bewohner Zwischenböden eingezogen, um aus zehn Quadratmetern wenigstens 20 zu machen für Wohnen, Kochen, Schlafen.

Jorge klopft an eine der Türen. Der Mittvierziger mit der Baseball-Kappe hat abends auf der Trocadero einen Fremden gefunden, der sich den Warnungen im Reiseführer zum Trotz mitnehmen lässt zum illegalen, weit verbreiteten privaten Zigarrenverkauf. Die Mieterin der Wohnung kramt in einer großen Schublade voller dicker Cubanos, angeblich sind es Montecristos.

Krimiautor Leonardo Padura.
Krimiautor Leonardo Padura.
Foto: Loichinger/FR

Manche Kubaner sagen, illegal verkaufte Zigarren seien besser als die teuren in den Läden, wo die staatlichen Fabriken die neben Rum und Zucker bekanntesten Produkte der Insel zu stolzen Preisen an Touristen verkaufen. Jorge sagt, der illegale Verkauf sei für ihn "schlicht notwendig. Alle in Kuba haben Arbeit, aber die Löhne sind zu niedrig, nur die Preise steigen. Ich rolle Zigarren in der Fabrik Partagás, 50 Stück am Tag, und erhalte pro Tag zwei Zigarren als Anreiz und 15 CUC Monatslohn." CUC hat vor vier Jahren den Dollar als harte Währung neben dem nationalen Peso abgelöst.

Die Touristenführerin in der Real Fábrica de Tabacos Partagás beim Capitolio sagt, die Zigarrenroller fertigten im Schnitt täglich 25 Stück, ihr Verdienst liege bei etwa 30 CUC. Seit unter Raúl Castro in den für Export und Tourismus wichtigen Teilen der kubanischen Wirtschaft ein Hauch von Leistungsprinzip weht, bekämen die fleißigsten Zigarrenroller 45 CUC im Monat.


Foto: FR-Infografik

Mehr als vielerorts merkt ein Besucher in Kuba, speziell im Zentrum und der Altstadt der Millionenstadt Havanna, wie sehr er Besucher ist. Es wimmelt dort von Leuten wie Jorge. Ständig halten sie Ausschau nach Touristen und bieten gegen Geld Zigarren, Zeit mit einer Frau oder die Aussicht auf ein Gespräch in einer Kneipe, das schnell langweilig wird, wenn die Mojitos erst mal auf dem Tisch stehen. Es nervt, andererseits werden die Leute zu Bettelei und Schwarzmarktwirtschaft beinahe getrieben.

Das Verhältnis zwischen den Gehältern und Preisen für Produkte, die nicht in der Libreta stehen, ist absurd. Libreta heißt das Bezugsscheinheft für Artikel des Grundbedarfs wie Kaffee, Speiseöl, Zucker, Reis. Eine Flasche Wasser kostet einen CUC, eine schmale Packung Kekse ebenfalls, eine Flasche Rum 2,50, gebrauchte Bücher fünf oder mehr.

Dass auffällig viele Kubaner übergewichtig sind, muss an den dicken Weißmehlbroten liegen, die sie oft ohne Belag schon auf der Straße gleich nach dem Kauf essen. Mit Käse oder Wurst werden sie in kleinen Läden aus einem Fenster zum Bürgersteig hin verkauft.

Die Leute stehen auch an für gebratenen Reis und Pizza, die aus kaum mehr besteht als aus Teig und Käse. Zugleich warten auch vor Adidas-Läden in Havanna und Guantánamo Menschen in Schlangen auf Einlass, hin und wieder sieht man einen neuen BMW mit gelbem Nummernschild, das heißt Privatbesitz.

Teresa führt Touristen durch das Capitolio, wo während der kubanischen Republik das Parlament tagte. Ihre beiden Kinder hätten gern Markenturnschuhe, sagt sie, aber die kosteten sie über zwei Monatslöhne. "Die Verteilung stimmt nicht. Kapitalismus scheint mir nicht besser zu sein, aber wir können nichts sparen und nicht einfach für uns leben."

Teresa ist 32 und wohnt mit ihrer Familie im Haus ihrer Schwiegereltern. Wer kauft dann die Adidas-Schuhe? "Leute mit Verwandten im Ausland, die ihnen Geld schicken und Sachen, die sie dann schwarz verkaufen", sagt Teresa.

In den Schaufenstern der regulären Läden kündigen Plakate den "50. Jahrestag nach dem Triumph der Revolution" an. Im Dezember und Januar ist auch Hochsaison für die Touristen auf der Insel zwischen Karibik, Florida und Mexiko. Um die zwei Millionen reisen im Jahr hierher. Damit es mehr werden, werden in Havannas Altstadt, von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt, prächtige Paläste und Straßenzüge im Kolonialstil renoviert.

Aus den USA kommt nach wie vor kaum jemand. Lidia vermietet in ihrem Haus zwei Zimmer an Gäste. Ihre Tochter lebt in Florida. Im Wohnzimmer stehen ein Laptop, ein DVD-Spieler, eine ordentliche Musikanlage. Sie wünscht sich ein Ende des Embargos, "schon allein, damit mehr Geld in Umlauf kommt. Vielleicht kämen auch mehr Touristen aus den USA." Auf Obama hoffen mag sie nicht. "Der muss sich um so viel anderes kümmern: die Wirtschaftskrise, die Kriege, den schwachen Dollar", sagt sie und wippt emsig im Schaukelstuhl.

Lidias Mann Argelio hat bis zur Rente als Geophysiker gearbeitet und serviert zum Gespräch mittags um halb eins einen Whisky. Ja, die vielen verfallenen Häuser abseits der Altstadt. "Der Staat gibt sein Geld eher für Gesundheitsvorsorge, Schulen, Straßen und Ernährung aus." Er zuckt mit den Schultern. "Vielleicht ist das ein Fehler, aber Essen und Bildung sind doch wichtig. In Kuba gibt es keinen Analphabetismus. Ich konnte Ingenieur werden, obwohl ich aus einer armen Familie stamme. Die Lage ist nicht perfekt, doch das ist sie nirgends. Für die Mehrheit der Kubaner hat die Revolution Gutes gebracht." Dass in Kubas einstigen Vorzeigebereichen, Schulen und Krankenhäusern, massiv Personal fehlt, sagt er nicht.

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Datum:  30 | 12 | 2008
Seiten:  1 2
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